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Aus: Ausgabe vom 12.10.2022, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Twitter

Von Marc Püschel
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Twitter ist eine Macht. Sie in Händen halten zu können ist verführerisch

Nun muss er seinen großen Worten Taten folgen lassen. Schon im April hatte Elon Musk angekündigt, den Kurznachrichtendienst Twitter übernehmen zu wollen. Den Schritt begründete er damit, das soziale Netzwerk werde seiner Rolle als Plattform für Meinungsfreiheit nicht gerecht – obwohl man beim Mitlesen von Musks eigenem Twitteraccount den Eindruck bekommt, ihn störe eher die Freiheit der anderen, den heiligen Tesla-Chef kritisieren zu können. Als der Milliardär angesichts des astronomischen Kaufpreises von 44 Milliarden US-Dollar doch kalte Füße bekam, musste Twitter juristische Geschütze auffahren, um ihn zur Einhaltung der Kaufvereinbarung zu zwingen. Der drohenden Eröffnung eines Prozesses entgeht Musk nun durch eine erneute Kaufzusage.

Die Querelen um das in San Francisco ansässige Unternehmen erstaunen auf den ersten Blick. Schließlich ist der Dienst mit rund 230 Millionen täglich aktiven Nutzerinnen und Nutzern im Vergleich zu Facebook, Instagram oder WeChat, die allesamt Nutzerzahlen im Milliarden-Bereich vorweisen können, ein eher kleiner Fisch. Doch hat Twitter in Sachen Beeinflussung der öffentlichen Meinung die absolute Führungsrolle übernommen – gerade weil es mit seinem Konzept die reinste Verwirklichung der Idee sozialer Netzwerke darstellt.

Entwickelt wurde der Mikrobloggingdienst 2006 von dem US-Amerikaner Jack Dorsey. Das Konzept ist simpel und funktioniert wie eine gigantische Pinnwand, auf die jeder Nutzer beliebig viele Tweets (vom englischen Verb tweet für zwitschern) absetzen kann, die jedoch jeweils auf 280 Zeichen begrenzt sind. Trotz etlicher Anpassungen, wie etwa die Möglichkeit, Bilder und Videos einzubinden, sind kurze und schnelllebige Textnachrichten immer noch das Grundgerüst des Netzwerks. Die zweite Besonderheit ist die fehlende Hemmschwelle beim gegenseitigen Folgen: Jeder kann jedem jederzeit folgen und dessen Nachrichten mitlesen. Anders als etwa Facebook, das seinen Ursprüngen als Freundschaftsnetzwerk, in dem man sich tendenziell nur mit Leuten aus dem persönlichen Umfeld verbindet, nie ganz entfliehen konnte und das viel stärker von geschlossenen Gruppen geprägt ist, bleibt Twitter völlig offen. Die einzigartige Dynamik, die sich dadurch entfaltet, sorgt dafür, dass Twitter die erste Wahl sowohl bei der Verbreitung von Nachrichten als auch für politische Kommentare zu sein scheint.

Wie frei das Netzwerk wirklich ist, bleibt umstritten. Hartnäckig halten sich Gerüchte, politisch unliebsame Accounts würden mit einem sogenannten Shadowban gezielt in ihrer Reichweite gedrosselt, indem sie anderen Accounts nur noch sehr eingeschränkt angezeigt werden. Eine solche Macht in die Hände zu bekommen ist verführerisch. Der Twitterklage gegen Musk ist auch die Veröffentlichung von Gerichtsunterlagen zu verdanken, aus denen hervorgeht, dass Springer-Chef Mathias Döpfner Ende März Musk animierte, Twitter zu kaufen, und ihm anbot, Twitter für ihn zu »managen«, damit die Plattform der »Demokratie« diene. Das Angebot wiederholte Döpfner geradezu aufdringlich – aus Musks einsilbigen Antworten (»interessant«) lässt sich immerhin schließen, dass wir von einem Diskurschef Döpfner verschont bleiben werden.

Alternativen zu Twitter gibt es natürlich. Von dem chinesischen Pendant Sina Weibo abgesehen, gilt das auf einem dezentralen Servernetzwerk laufende Mastodon als wichtigster Gegenentwurf. Doch nicht nur der eher unattraktiv klingende Name, auch die Gravitation der sozialen Masse sorgt dafür, dass die Nutzerzahlen dort nur sehr langsam wachsen. Egal wer Twitter in Zukunft besitzt, wir werden uns weiter damit herumschlagen müssen – oder dürfen. Für nicht wenige Nutzer ist das Netzwerk mittlerweile ein Mikrokosmos, in den sie völlig abtauchen können. Oder wie es Dietmar Dath – darauf angesprochen, warum er nicht auf Twitter aktiv sei – ausdrückte: »Ich würde da leben.«

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