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Aus: Ausgabe vom 12.10.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Westliche Kriegshilfe

Drehscheibe BRD

USA wollen militärische Unterstützung der Ukraine bündeln. Wiesbaden als Zentrum neuer Struktur vorgesehen
Von Jörg Kronauer
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US-Kampfhubschrauber in Wiesbaden, Sitz der US-Landstreitkräfte für Europa und Afrika

Schluss mit Wildwuchs: Die Vereinigten Staaten versuchen, sämtliche Aktivitäten zur militärischen Unterstützung der Ukraine – Waffenlieferungen, Trainingsmaßnahmen – in einer neuen Struktur zu bündeln. Hektische Eile war angesagt, als das transatlantische Bündnis in den ersten Wochen und Monaten des Ukraine-Krieges begann, Kiews Streitkräfte aufzurüsten und auszubilden. Viel wurde improvisiert, und wo die westlichen Staaten eigens Kooperationsformate schufen, um sich bei ihren Maßnahmen halbwegs abzustimmen, da standen diese unverbunden nebeneinander. Das soll sich jetzt nach dem Willen Washingtons ändern – denn der Ukraine-Krieg wird, die Überzeugung hat sich inzwischen durchgesetzt, noch lange, womöglich Jahre, dauern. Er verlangt einen langen Atem, und damit der nicht ausgeht, setzen die USA auf eine durchdachte, straff konzipierte Struktur.

Zentrum dieser Struktur soll ein neues Kommando der US-Streitkräfte in Wiesbaden sein. Das jedenfalls hat General Christopher G. Cavoli, Kommandeur des United States European Command (Eucom) mit Sitz in Stuttgart-Vaihingen, laut einem Bericht der New York Times vom 29. September dem US-Verteidigungsminister Lloyd Austin vorgeschlagen. Eine Entscheidung wird in Kürze erwartet, und laut der Zeitung ist, weil sowohl das Pentagon als auch das Weiße Haus bereits Einverständnis signalisiert haben, mit Zustimmung zu rechnen. Dem Kommando sollen rund 300 Militärs zugeordnet werden. Grob orientieren soll es seine Arbeit daran, wie die Vereinigten Staaten die Unterstützung für die irakischen und die afghanischen Streitkräfte organisierten. Dass das Kommando in Wiesbaden-Erbenheim angesiedelt werden soll, hat einen einfachen Grund: Dort haben die US-Landstreitkräfte für Europa und Afrika ihren Sitz. Das passt für das neue US-Kommando, denn die Ukraine soll auf absehbare Zeit vor allem Waffen und Ausbildung für ihr Heer erhalten.

Nicht zuletzt deshalb ist schon seit Anfang August ein zentrales Element für die Umsetzung der Ukraine-Unterstützung in Wiesbaden-Erbenheim untergebracht: das International Donor Coordination Center. Es geht auf eine Planungszelle zurück, die Berichten zufolge bereits kurz nach Kriegsbeginn geschaffen wurde, von US-Spezialkräften der in Stuttgart-Vaihingen stationierten 10th Special Forces Group, die bis kurz vor dem Krieg ukrainische Einheiten in der Westukraine trainiert hatten. Die Zelle begann die Lieferung von Waffen und allerlei anderem Kriegsgerät zu organisieren – auf geheimen Wegen, um zu verhindern, dass russische Raketen das Material zerstören. Rasch weitete sich die Tätigkeit der Planungszelle aus: Die ukrainischen Truppen meldeten ihren Bedarf, die Zelle in Stuttgart nahm zudem Angebote der westlichen Staaten entgegen, verknüpfte beides, kümmerte sich um die äußerst komplexe Logistik. Mittlerweile beteiligen sich Militärs aus mehr als zwei Dutzend NATO-Staaten daran; die Ukraine ist mit einem Drei-Sterne-General präsent. Seit zwei Monaten ist die Planungszelle, die nun International Donor Coordination Center heißt, in Erbenheim stationiert.

Das geplante neue Kommando, in das das International Donor Coordination Center wohl integriert wird, soll offiziell Aufträge umsetzen, die es von einer zweiten Struktur erhält: von der Ukraine Defense Contact Group. Das ist der lockere Zusammenschluss von ungefähr 40 Staaten, der zum ersten Mal am 26. April auf der US-Militärbasis Ramstein zusammentraf. Die Ukraine Defense Contact Group stimmt die Angebote für die Lieferung von Waffen und weiterem Kriegsgerät auf zwischenstaatlicher Ebene ab. Mittlerweile ist sie außerdem dazu übergegangen, die Produktion von Waffen und vor allem von Munition zu koordinieren: Die ukrainischen Streitkräfte verschießen so gewaltige Mengen an Munition, dass die Bestände der NATO-Staaten dahinschmelzen und die Rüstungsindustrie mit der Produktion kaum nachkommt. Über die Contact Group werden die westlichen Staaten nun an das neue Kommando in Wiesbaden angedockt, also an die Apparate des US-Militärs. Auf diese Weise entstehe »eine formale Sicherheitsstruktur«, die es möglich mache, »Verbündete und Partner« einzubinden, urteilt laut New York Times US-Admiral James G. Stavridis, Exoberbefehlshaber der NATO in Europa.

Das neue Kommando soll außer der Lieferung von Kriegsgerät auch die Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten an beschädigten Waffen in der Ukraine koordinieren. In Polen etwa ist eine Einheit von rund 50 Militärs stationiert, die ukrainische Techniker dabei anleitet – gewöhnlich per Videoschaltung. Darüber hinaus soll das neue Wiesbadener Kommando auch die Ausbildung ukrainischer Einheiten steuern. Die Vereinigten Staaten haben laut eigenen Angaben bislang gut 2.000 ukrainische Soldaten trainiert, zumeist in Deutschland. Auch europäische Staaten tun sich längst mit Trainingsprogrammen für ukrainische Militärs hervor; die EU will in Kürze sogar einen eigenen Ausbildungseinsatz starten. Noch unklar ist, in welchem Verhältnis das neue US-Kommando, das von einem US-General geführt werden wird, zu dem voraussichtlich recht bald beginnenden EU-Ausbildungseinsatz steht. Die Frage ist beileibe keine Marginalie; sie entscheidet darüber, ob die EU bei der Unterstützung der ukrainischen Kriegführung gegen Russland eine eigenständige Rolle spielen wird.

Hintergrund: Europa bildet aus

Unabhängig von dem bevorstehenden EU-Ausbildungseinsatz für die Ukraine trainieren diverse europäische Staaten ukrainische Militärs schon seit Monaten. Die Bundeswehr weist Ukrainer etwa in die Handhabung der Panzerhaubitze 2000 und des Flugabwehrpanzers »Gepard« ein – in der Artillerieschule in Idar-Oberstein und auf dem Truppenübungsplatz Putlos. Frankreich nennt offiziell die Ausbildung von 40 Ukrainern an der Haubitze »Caesar«, weist aber inoffiziell darauf hin, dass die französischen Streitkräfte darüber hinaus auch andere Trainingsmaßnahmen speziellerer Art durchführen – allerdings geheim. Die dänische Regierung hat Mitte September angekündigt, ebenfalls ukrainische Soldaten zu trainieren, gab aber genauso wenig Details bekannt. Spekuliert wurde über ein größeres Programm für eine vierstellige Zahl an Ukrainern. Weil die dänische Bevölkerung im Juni per Referendum das jahrzehntelang geltende Opt-out ihres Landes aus der EU-Militärpolitik aufgehoben hat, können die dänischen Maßnahmen in den EU-Ausbildungseinsatz integriert werden.

Spitzenreiter in Europa in Sachen Ausbildung ukrainischer Soldaten ist allerdings kein EU-Staat, sondern Großbritannien. London hatte diesbezüglich bereits vor dem Krieg eine führende Stellung inne und im Rahmen seiner »Operation Orbital« rund 22.000 ukrainische Militärs trainiert. Im Juli hat es mit der »Operation Interflex« ein großes Nachfolgeprogramm gestartet, das rund 10.000 Ukrainer ausbilden soll. Rund 5.000 haben die Maßnahme bereits durchlaufen. Unterstützt werden britische Ausbilder dabei von Militärs aus weiteren NATO- und Bald-NATO-Staaten von Dänemark über Schweden bis Litauen, aber etwa auch vom Commonwealth-Mitglied Neuseeland. Ein Teil der Trainingsmaßnahmen findet in einer Einrichtung in Kent statt, in der britische Truppen in der Vergangenheit bereits auf Einsätze in Nordirland, in Afghanistan und im Irak vorbereitet wurden. Zum Trainingsprogramm gehört unter anderem Häuserkampf. (jk)

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  • Leserbrief von Gerhard Hoffmann aus Halberstadt (12. Oktober 2022 um 06:44 Uhr)
    Das ist nichts weiter, als der dritte Weltkrieg – nicht mehr und nicht weniger. Wir haben es nur noch nicht gemerkt. Nun wird auch der Dümmste begreifen, warum die US-Amerikaner und ihre verbündeten Vasallen so »Hals über Kopf« aus Afghanistan verschwunden sind.

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