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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Sportpolitik

»Je weiter die DDR zurückliegt, desto mehr wird gelogen«

Über ein Leben als konsequenter Dopingverweigerer und über instrumentalisierte Opferpolitik in der BRD. Ein Gespräch mit Henner Misersky
Interview: Andreas Müller
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»Humbug wie Doping von Rennsteigläufern wurde in längeren TV-Dokumentationen thematisiert«: Massenlauf auf dem Bergkamm in Thüringen 1986

Mit Ihrer Vita hätten Sie sich nach der Maueröffnung in Ihrer Rolle als glaubwürdiger Dopinggegner und profunder Kenner des DDR-Sports bequem einrichten können. Warum haben Sie sich anders entschieden?

Mir war klar, dass meine Grundhaltung nicht karrierefördernd ist. Bequemlichkeit war mir vom Naturell her immer lebensfremd, ich bin nie ein Opportunist gewesen. Ein Funktionär aus dem Skiverband hatte mir nach dem Mauerfall klar zu verstehen gegeben: So wie du an die Sache rangehst, kannst du jetzt wieder nichts werden! Zu Anfang hatten mich Westmedien wiederholt kontaktiert, weil sie über den DDR-Sport nur dürftige Kenntnisse hatten. Sie waren auf mich aufmerksam geworden, weil unsere Tochter Antje 1992 die erste gesamtdeutsche Biathlon-Olympiasiegerin wurde und ich bereits im ersten deutschen Dopingprozess zusammen mit dem Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke als Zeuge gegen meinen ehemaligen Vorgesetzten, den Verbandstrainer Kurt Hinze, ausgesagt hatte.

Die FAZ widmete Ihnen Mitte des Jahres einen polemischen Kommentar, weil Sie in einem Interview gesagt hatten, die Aufarbeitung von DDR-Doping ergebe keinen Sinn mehr. Also Schwamm drüber?

Keinesfalls. Die Frage ist nur, wie aufgearbeitet wird und werden sollte. Meine Aussage bezog sich auf die aus meiner Sicht intransparente Arbeitsweise des Vereins Doping-Opfer-Hilfe (DOH, jW) und die ungenügenden Differenzierungen bei der Anerkennung von echten Dopingopfern und deren Ansprüchen auf Entschädigung. Die nach DOH-Beratung erfolgenden Anerkennungsverfahren haben es Trittbrettfahrern leichtgemacht. Meine Aussage bezieht sich ebenso auf Medien, die auf einem Auge blind sind, wie auf Verflechtungen mit der sogenannten steuerfinanzierten Aufarbeitungsindustrie, um alles zu delegitimieren, was den DDR-Sport betrifft. Das alles sieht meines Erachtens wie eine Art politisch gewollte Kultivierung von diktaturbelasteten Gruseleffekten mit der Konzentration auf den Sport aus. Das Thema Stasi ist weitgehend durch, doch der Sport ist allgegenwärtig und wird gern als Gegenstand für einseitige Betrachtungen benutzt. Ich beobachte immer wieder Gesprächsrunden, die sich in diesem Sinne wiederkäuend bestätigen. Da fehlt mir der fundierte Widerspruch im Systemvergleich. Je weiter die DDR zurückliegt, desto mehr wird auch gelogen. Unter dem Dach des DOH, und besser noch außerhalb davon, könnte reichlich Aufklärung und Aufarbeitung geleistet werden, falls ein echter Wille dazu vorhanden wäre. Den kann ich nicht erkennen.

Das heißt, Sie sind vorsätzlich missverstanden worden?

Natürlich, ganz gezielt. Das hat Methode, und dieser Kommentar erschien dann umgehend im Pressespiegel der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Diesem Verein gehört auch der DOH an. Da zeigte sich auch gleich, wie medial selektiert wird. Mein vorangegangenes Interview im Nordkurier und somit die Originalquelle, auf die sich der FAZ-Kommentar bezog, wurde glatt unterschlagen. Im selben Fahrwasser bewegte sich jüngst die NZZ mit ihrer aberwitzigen Verdächtigung, bei Miserskys in Thüringen hätte es »Familiendoping« gegeben, auch meine Frau Ilse (1961 DDR-Meisterin über 800 Meter, jW) sei dopingbelastet. Akten aus Schwerin könnten das belegen. Wie dieses Archiv inzwischen bestätigte, ist das eine Falschbehauptung. Das Gerede vom flächendeckenden Doping in der DDR, das es so gar nicht gegeben hat, soll damit immer wieder neue Nahrung erhalten.

… das es so nicht gegeben hat?

Es gab keinen staatlichen Zwang. Erziehungsberechtigte in der DDR mussten ihre Kinder nicht zwangsweise in die Trainingszentren oder auf eine Kinder- und Jugendsportschule schicken. Jeder konnte »Nein« sagen. Jeder konnte genauso ablehnen, SED-Mitglied zu werden. Deswegen wurde niemand inhaftiert. Es ist eine dieser bewussten dramatisierenden Übertreibungen, wenn Anne Drescher, die Landesbeauftragte in Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, in einer Broschüre »Staatsdoping in der DDR« im Pingpong mit der ehemaligen DOH-Vorsitzenden Ines Geipel unwidersprochen behaupten darf, etwa 15.000 minderjährige Leistungssportler der DDR wurden in großem Umfang ohne Aufklärung und ohne Einverständnis der Eltern in das organisierte Doping einbezogen. Das klingt, als hätten 30.000 Elternteile keinerlei Entscheidungbefugnisse gehabt. Ebenso irre und aberwitzig ist Geipels Aussage im Schweizer Fernsehen, für jede Goldmedaille, die DDR-Athleten errangen, seien zwischen einhundert und 500 Sportler »chemisch verbrannt« worden. Ihre Zahlen variieren da. Wer dem widerspricht, bekommt Probleme.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung?

Ich hatte diesbezüglich genügend Erlebnisse, auf die ich lieber verzichtet hätte. Zum Beispiel ist es Andreas Petersen, dem Lebenspartner von Ines Geipel, gelungen, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von der Behörde für die Stasiunterlagen elf Kopien mit schützenswerten personenbezogenen Daten über unsere Familie zu bekommen. Er bemäntelte seine Anfrage mit einer angeblich wissenschaftlichen Arbeit zum Thema »Verweigerung von staatlich verordnetem Doping, MfS und Repressionen anhand des Falles Henrich Misersky, Skilanglauftrainer Thüringen, und seiner beiden Töchter Antje und Heike«. Ich habe durch eigene Nachforschungen davon erfahren. Es war alles getürkt unter missbräuchlicher Verwendung eines Briefkopfes der Fachhochschule der Nordwestschweiz – nur zu dem Zweck, mich und meine Familie mit den so erhofften Auskünften diskreditieren zu können. Das war die Strategie im Prozess, den Ines Geipel gegen mich führte und in dem sie im Februar 2020 vor dem Berliner Landgericht und Ende Oktober 2021 in der Berufung vor dem Kammergericht kläglich scheiterte.

Insbesondere die FAZ ließ sich gern einspannen und hatte zum Beispiel vor dem Berufungsverfahren die Lüge multipliziert, wegen einer Art elektronischen Stalkings von Misersky gegen Frau Geipel sei bei einer ihrer Buchlesungen in Braunschweig Polizeischutz angefordert worden – was die zuständige Polizeidienststelle auf Nachfrage umgehend dementierte. Vieles wurde versucht, um mich zu diffamieren. Im SED-Archiv Rudolstadt, im Staatsarchiv Weimar oder im Landesarchiv Schwerin: Überall haben Rechercheteams gegraben, um eine Leiche in meinem Keller zu finden und den Nachweis zu erbringen, dass in unserer Familie gedopt wurde. Es wurde versucht, mich zu einem Dopingtäter zu stempeln und meine Biographie zu beschädigen.

Vielleicht rückten Sie in den Fokus, weil Sie es gewagt hatten, eine Frau öffentlich zu demontieren, die bis dahin als die lauteste Kritikerin des DDR-Sports gelten durfte.

Diese Lesart trifft es ziemlich genau. Ich habe den wahrscheinlich unverzeihlichen Fehler begangen, die Glaubwürdigkeit von Ines Geipel in Frage zu stellen – einer ehemaligen zweitklassigen Leichtathletin, die zur Ikone der Aufarbeitung stilisiert wurde. Inzwischen hat man diese ehemalige SED-Genossin mit einer wahren Auszeichnungsorgie hochgejazzt, ähnlich wie den – mittlerweile aufgeflogenen – Reporter Claas Relotius mit seinen fantasievollen Heldengeschichten. Frau Geipel erhielt das Bundesverdienstkreuz, das »Goldene Band« der Berliner Sportjournalisten, den Wahrheitspreis der Lessing-Gesellschaft und andere bedeutende Preise. Allerdings hatte der Spiegel am 21. Mai dieses Jahres nach meiner juristischen Auseinandersetzung mit ihr »nachgewaschen« und sie als Hochstaplerin bezeichnet, wie es gleichlautend in der Klageerwiderung von meinem Anwalt Johannes Eisenberg stand. Damit hatte sich ihr ursprüngliches Ziel ins Gegenteil verkehrt. Eigentlich hatte sie sich ja dagegen wehren wollen, dass man ihre Rolle als Dopingopfer bezweifelt. Genau deswegen ist dann mit allen Mitteln versucht worden, dass ich diese juristische Auseinandersetzung verliere oder schon vorher klein beigebe.

Sie haben im Alter von über 80 Jahren Haus und Hof riskiert. Der Streitwert ist mit 250.000 Euro sehr hoch veranschlagt worden.

Eine Summe, die sehr einschüchternd wirken kann. Um der Wahrheit Willen und um diese sogenannte Ikone vor aller Welt bloßzustellen, bin ich ein großes finanzielles Wagnis eingegangen. Natürlich hätte ich dieses Risiko mit einer Verzichtserklärung und Unkosten von gerade mal 800 Euro vermeiden können. Aber alle, die mich besser kennen, haben mir Rückhalt gegeben und mir Mut gemacht. Hätte ich dieses Papier unterschrieben, wäre ich mein Leben lang mundtot gemacht gewesen, und meine Widersacherin hätte ihr Geschäftsmodell noch ausbauen und sich weiterhin als DDR-Dissidentin und zwangsgedoptes Stasiopfer verkaufen können.

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Henner Misersky

Warum und mit welchen Intentionen hatten Sie sich überhaupt zur Mitarbeit beim Verein DOH bereiterklärt?

Ich hatte damals weder Intentionen, noch hatte ich mich angeboten. Professor Werner Franke als Mitglied der Enquetekommission zur Regierungs- und Vereinigungskriminalität hatte mit seiner Privatklage gegen die DDR-Sportführung bewirkt, dass im März 1999 der DOH ins Leben gerufen wurde. Erster DOH-Vorsitzender war der Unfallchirurg Klaus Zöllig. Anfangs war dieses Gremium absolut westlastig. Von den Zuständigkeiten und Strukturen des DDR-Sports hatte man wenig Ahnung. Gesucht wurde ein glaubwürdiger Zeitzeuge aus den neuen Bundesländern zur Beratung. Wenn Klaus Zöllig Sachfragen hatte, rief er bei mir an. Expertise aus dem ostdeutschen Sport gab es ebenfalls von Vorstandsmitglied Uwe Trömer, einem DDR-Vizeweltmeister aus dem Radsport. So wurde einiges an missbräuchlichen Versuchen ausgebremst, Opfer­entschädigungen zu klassieren. Wirkliche Ansprüche auf Zahlungen haben nach meinem Verständnis ohnehin nur Personen, die in der DDR als Minderjährige gedopt wurden, in wenigen Sportarten. Alle über 18 hatten eine Geheimhaltungsverpflichtung zu unterschreiben. Spätestens als sie aus dem Jugendalter raus waren, hatten sie sich damit wissentlich in dieses Betrugssystem integriert.

Ab wann schwante Ihnen, dass Sie beim DOH an der falschen Adresse sind?

Als ich, wie andere kritische Stimmen im DOH, von Informationen abgeschnitten wurde. Es existiert zum Beispiel ein Geheimpapier von einer Sitzung des Vorstands vom 1. bis 3. Juli 2016 in einem Wellnesshotel auf Rügen. Dort wurde unter anderem beschlossen, dass Frau Geipel (ab 2013 Zölligs Nachfolgerin an der Spitze des Vereins, jW) zunächst 5.000 Euro und in weiteren Raten insgesamt 20.000 Euro als Honorar erhält. Diese Phase war geprägt von zahlreichen Fluktuationen und Auseinandersetzungen im DOH. Sie reichten bis hin zu einem Handgemenge des aktuellen Vorsitzenden Michael Lehner mit Werner Franke am Rande einer Pressekonferenz. Nachfragen meinerseits, ob die Zahlung von 10.500 Euro Opferhilfe an eine frühere Skilangläuferin, die nach den – übrigens gefälschten – Unterlagen nur bei mir trainiert haben könnte, tatsächlich rechtens ist, wurden von Ines Geipel aus datenschutzrechtlichen Gründen glatt abgelehnt. Klar haben mich solche Vorfälle stutzig gemacht. Später wurde die Distanz zunehmend größer bis hin zum Zerwürfnis im Mai 2018 und den folgenden Prozessen.

Dem DOH scheint das nicht geschadet zu haben: Im kommenden Jahr soll er vom Bund mit 120.000 Euro gefördert werden.

Eine Steigerung um 30.000 Euro und satte 33,33 Prozent gegenüber 2022. Warum und wofür? Das müsste von der Politik erklärt werden. Dieser Verein hat nach dem letzten Jahresbericht insgesamt 109 Mitglieder. Das bedeutet pro Mitglied eine Steuergeldförderung von 1.100 Euro. Das dürfte in der BRD einmalig sein.

Öffentlich zunächst als »moralische Instanz des DDR-Sports« hochgelobt und wegen Ihres Wirkens für fairen Sport vor zehn Jahren in die »Hall of Fame« aufgenommen, scheinen Sie inzwischen zu einer Art Feindbild mutiert.

Indem ich das DDR-Fachspezifische beisteuerte, konnten mir die Auffälligkeiten nicht verborgen bleiben. Bis hin zu Absurditäten, dass ich den Opfer-Entschädigungs-Antrag eines Fußballers gesehen habe, in dem das Beruhigungsmittel »Faustan« als Dopingmittel angegeben war. Für ein Schläfchen in der Halbzeitpause? Und schließlich ein jüngeres Beispiel, wonach sogar ein Fußballer, der es nach der Wende zum hochbezahlten Profi gebracht hatte, unter, wie ich finde, fadenscheinigen Gründen als offizielles DDR-Dopingopfer anerkannt wurde und seine Entschädigung bekam. Im Kern ging es um aufgeblähte Opferzahlen und die Aufforderung zum fortlaufenden Betrug, wie Werner Franke es einmal formuliert hatte. All das auf Kosten des Steuerzahlers, ohne fundierte Recherchen und Beurteilung von Kausalitäten zwischen Sport und Gesundheitsschäden. Neben mir als eher kleinem Licht hatten ebenso namhafte Anti-Doping-Experten wie eben Werner Franke und auch Gerhard Treutlein und Claudia Lepping diese Missstände öffentlich kritisiert. Der Knackpunkt war zum Beispiel unser Brief an die Bundesregierung und den Sportausschuss des Bundestages.

Was hat Sie zum endgültigen Bruch veranlasst?

Es fiel mir fortlaufend auf, dass es in der Berichterstattung in den bundesdeutschen Medien mit Ausnahme von Taz, Nordkurier oder jW nicht mehr um die objektive Bewertung der Sachverhalte ging, sondern um anmaßende Deutungshoheiten. Ich kann nicht mehr erkennen, dass eine seriöse Ost-West-Aufklärung und ein objektives Gesamtbild von Interesse sind. Diese Siegermentalität ist mir zuwider. Das hat nichts mit historischen Wahrheiten zu tun. Da werden irrelevante Projekte wie Zwangsdoping im Freizeitsport gefördert und anderer Humbug wie Doping mit Rennsteigläufern in längeren TV-Dokumentationen thematisiert. Wären die Autoren zu mir gekommen, hätten sie ein anderes Bild vermitteln müssen. An einem dieser Forschungsprojekte war ich trainingsbegleitend mit Ausdauersportlern von der Technischen Hochschule Ilmenau selbst beteiligt. Ich weiß also genau, wovon ich rede. Die »Stiftung Aufarbeitung« zum Beispiel verfügt über 2,4 Millionen Euro für ein Projekt zum Doping im DDR-Freizeitsport. Das DDR-Sportsystem soll so nachträglich in all seinen Facetten abgewertet werden.

Wie lautet der Ansatz, der Ihnen vorschwebt?

Es wäre – auch vor dem Hintergrund der sogenannten Leistungssportreform – höchst aufschlussreich, den DDR-Sport vom Kinder- und Jugendsport, insbesondere vom Schulsport, Breitensport, Hochschulsport, Betriebssport ideologiefrei zu beurteilen und seine Effizienz zu berücksichtigen. Man wäre sehr erstaunt, wie viele Impulse für den Gegenwartssport sich ergeben würden, was Körperkultur und Sport in der DDR für einen anerkannten Stellenwert hatten. Nach meiner Auffassung beginnt das gern gepflegte Missverständnis schon damit, den Sport in der DDR mit Hochleistungssport gleichzusetzen. So eine differenzierte Gesamtbetrachtung kann nur gelingen, wenn Zeitzeugen gehört statt verprellt oder verunglimpft werden und nicht länger selbst ernannte, oft inkompetente »Experten« vorgestanzte Erklärungsmuster liefern und ihre Vorurteile ständig wiederholen.

Die Diskussion über Doping im Sport und die unbefriedigende Aufarbeitung scheint selbst vor Friedhöfen nicht haltzumachen …

Sie meinen die Trauerfeier an der Universität Heidelberg im März dieses Jahres für Professor Gerhard Treutlein, der wie ich 2018 den DOH verlassen hatte. Ich selbst war dabei und habe dort miterlebt, wie Treutleins langjähriger Forschungsgegenstand bei dieser Trauerfeier thematisiert wurde – stimmgewaltig! Werner Franke als das kompetenteste Schwergewicht im Antidopingkampf als auch seine Frau, die Autorin des Buches »Doping-Dokumente«, machten der Politik schwere Vorwürfe. Namentlich nannte Franke den früheren Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble »einen Verbrecher«, weil er, um in der Systemauseinandersetzung mit dem DDR-Sport konkurrenzfähig zu sein, das Staatsdoping West mit Steuergeldern speiste. Besonders scharf geißelte Franke am Beispiel der verstorbenen ehemaligen Schwimmerin Christel Justen, die als erste die DDR-Siegesserien durchbrach, das Minderjährigendoping in der BRD. Das wird nahezu ausgeblendet. Die Leitmedien, mit deren Methoden und Arbeitsweise ich im Rahmen der mir aufgezwungenen juristischen Auseinandersetzungen mehr als unangenehme Erfahrungen machen musste, scheinen nur einen Auftrag zu kennen: den gesamten DDR-Sport zu delegitimieren und immer wieder gegen jene nachzutreten, die sich gegen Verzerrungen der deutschen Sportgeschichte stellen – ganz egal, ob sie aus dem Osten kommen oder aus dem Westen.

Henner Misersky wurde Weihnachten 1940 in Jena geboren. Er ist aktiver Sommer- und Wintersportler, als Leichtathlet wurden die 3.000 Meter Hindernis zu seiner Spezialstrecke. Misersky war Hochschulsportlehrer an der Technischen Hochschule in Ilmenau und als Nachwuchstrainer für junge Skiläufer beim Sportclub Motor Zella-Mehlis bzw. an der Kinder- und Jugend-Sportschule in Oberhof. Nach seiner Weigerung, ein im Juli 1985 angelaufenes und dopinggestütztes, nur noch auf der Skatingtechnik bauendes Programm im Skiverband der DDR mitzutragen, wurden er entlassen – und nach 1990 rehabilitiert, um wieder als Sportlehrer am Oberhofer Sportgymnasium tätig zu sein.

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  • Leserbrief von Peter Herrmann (17. Oktober 2022 um 15:11 Uhr)
    Habe durch Zufall das sehr informative Interview von Andreas Müller zum Thema DDR-Doping mit dem Langlauftrainer Henner Misersky gelesen. Der Autor entlarvt mit Fakten die entsprechenden Lügen in den Medien. Das Interview knüpft an ähnliche vom Autor verfasste Beiträge an, von dem ich in letzter Zeit in der jungen Welt allerdings kaum etwas gelesen habe. Diese Art von Sportjournalismus tut der jW gut, hebt sie ab vom durch US-Sportarten dominierten Mainstream.

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