75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 6. Dezember 2022, Nr. 284
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 12 / Thema
Internationalismus

Vom Ho-Chi-Minh-Pfad nach Gransee

Serie. Die Solidaritätsbewegung in der DDR. 75 Jahre junge Welt. Ein Blick zurück (Teil 5 von 6)
Von Burga Kalinowski
12-13.JPG
Bis zum Ende der DDR jährlich auf dem Alexanderplatz – Solidaritätsbasar der Journalisten (26. August 1988)

Die Zeitung von gestern – Schnee von gestern, sagen Presseleute. Eine Zeitung von vor 75 Jahren dagegen ist eine zeitgeschichtliche Fundgrube: Krieg und Leben danach. Menschen in Not, Menschen mit Hoffnung wie am 30. Mai 1946, als im Prater in der Berliner Kastanienallee die »Volksbühne des Hebbeltheaters« eröffnet wird. Ernst Busch singt, auch das Solidaritätslied – »Vorwärts und nicht vergessen« –, die Schlusszeile: »Wessen Welt ist die Welt?« Um die Antwort gehen die Kämpfe in allen Zeiten. Heute wieder. Die Frage führt nach dem heißen Krieg damals auch zum Kalten Krieg. Kampf der Systeme und Kampf um die Köpfe. Aus dem besiegten Deutschland werden Zonen, dann zwei Länder – geteilt wie die Welt. Im Archiv der jungen Welt gehe ich Band für Band durch die Jahre: 1947, 1950, die 60er und 70er, 1989. Blättern quer durch vier Jahrzehnte: »JW im Rückspiegel der Zeit«.

Eine verrückte Vorstellung: Irgendwo auf einem Dachboden in Südamerika liegt ein Karton mit Briefen, Karten und Bildern, dazwischen ein verstaubtes DDR-Emblem. Post aus Cottbus aus dem Jahr 1986. Auf einem der Fotos spielen zwei Kinder mit einer Katze. Kein Mensch wird damit noch etwas anfangen können. Oder doch. Auf der anderen Seite der Welt, im Oktober 2012 in Berlin-Friedrichshain, erzählte mir eine junge Frau davon. Die Geschichte passt zum Thema Solidarität.

Ganz genau weiß Juliane es nicht mehr, wann die 25. Polytechnische Oberschule (POS) in Cottbus den Namen »Antonio Maidana« erhielt, aber die Briefaktion nach den Sommerferien 1986 hat sie im Gedächtnis behalten. Sie war acht Jahre alt, als Kinder der Cottbuser Schule an einen jener Menschen schrieben, die in Paraguay gegen die Diktatur der Militärs, Kirchen und Großgrundbesitzer kämpften, gegen Alfredo Stroessner, der Land und Leute unterdrückte, politische Gegner verfolgen, einkerkern, foltern und ermorden ließ wie den Kommunisten Antonio Maidana: 18 Jahre verbachte er unter dem Stroessner-Regime im Gefängnis.

Eine Selbstverständlichkeit

Was schreibt man denn da als Kind, fragt ich die junge Frau bei unserem Gespräch. Ihr fallen die Pioniergebote ein. Bestimmt war da auch was drin über Freundschaft und Hilfe für andere Völker. Wahrscheinlich gab es zum Thema noch einen Gruppennachmittag, und die Kinder sollten zu Hause nach einer Landkarte oder nach Literatur für eine Wandzeitung fragen. Vielleicht. Juliane erinnert sich vor allem an das Foto mit der Katze. Ein fröhliches Bild. Freundliche Grüße von Kindern aus einem Land, in dem eine Schule nach ihm benannt ist, wo er gewürdigt wurde für seine Ziele und seinen Kampf. Damit er auch weiß, wer ihm schreibt, legte Juliane das Bild in den Brief. Ja, so wird es wohl gewesen sein. Sie habe es gern gemacht, Details vergessen, aber nicht Idee und Absicht der Aktion und vor allem nicht das Gefühl, gegen Ungerechtigkeit etwas tun zu müssen. Eine Pflicht. Solidarität als Selbstverständlichkeit. Was ist aus Antonio Maidana geworden? Das wüsste sie gern. Ich auch.

Als die Zeitgeschichte ins politische Delirium fiel, verschwand das Land, in dem Leute wie Maidana geehrt wurden. Die Schule hieß nicht mehr »Antonio Maidana« – warum eigentlich nicht? Verdiente er keinen Respekt mehr? Fragen, die untergehen im Strudel der Veränderung 1989/1990. Zum Glück nicht ganz, solange die leben, die es erlebt haben. Vergangenheit bleibt – in Erinnerungen, Einflüssen, Erfahrungen. »Ich frage mich, was wäre ich ohne sie«, sagt Juliane.

Gute Frage und immer wieder eine journalistische Spur zu Menschen, die einzeln oder als viele helfen wollten – und so zu Akteuren der Zeitgeschichte wurden: mit Namen und Adressen in den alljährlichen Solidaritätskonzerten »Dem Frieden die Freiheit« vom Deutschlandsender, später Stimme der DDR – Spendenkonto: 88 8 88 –, mit Zigtausenden Briefen nach Übersee wie dem von Juliane, mit Blumensträußen vom Solibasar der Kreisredaktion der Märkischen Volksstimme in Gransee, mit der Jungen-Welt-Aktion »Eine Million Rosen« für Angela Davis. Der Aufbau eines Kinderdorfes in Äthiopien gehörte dazu, das Berufsausbildungszentrum in Viana/Angola und die Meisterkurse für junge Angolaner in Magdeburg, die dreißig Lehrlinge aus Vietnam, die im brandenburgischen Kunsterspring zu Forstfacharbeitern ausgebildet werden, um in ihrer Heimat die von der US-Air-Force kahlgebombten Wälder aufzuforsten. Nicht zu vergessen die Behandlung verwundeter Frelimo-Kämpfer aus Mosambik in der Charité, Internat und Studienplätze an der Ingenieurschule für Veterinärmedizin Beichlingen (heute ein »lost place«), Spielzeugsendungen von DDR-Kindern, gesammelt für Waisenkinder in einem Heim der SWAPO, später ein Spendenaufruf der Vorschulzeitung Bummi für nicaraguanische Kinder, einjährige Sprachkurse am 1956 gegründeten Herder-Institut in Leipzig – eine lange Liste käme zusammen, würden alle Solidaritätsaktionen erfasst. Auf jeden Fall und unbedingt soll auch erinnert werden an die »Brigaden der Freundschaft«, eine Initiative der FDJ. Eine ihrer bekanntesten Leistungen waren Aufbau und Organisation des Krankenhauses »Carlos Marx«, eines wichtigen medizinischen Versorgungszentrums in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas.

Solidarität hatte viele Gesichter. Ein politischer und praktischer Schwerpunkt war immer die Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen gegen koloniale Unterdrückung und kapitalistische Ausbeutung in aller Welt. Der Satz »Wir stehen fest an eurer Seite« war ein redaktioneller Stehsatz, vor allem aber programmatischer Grundsatz des Landes seit seiner Gründung. Umfang und Breite der Solidarität haben meine Rechercheerwartung überstiegen. Nun brauche ich Mut zur Lücke. Noch beim Schreiben denke ich: unglaublich. Schließlich hatte die DDR genug mit sich selbst, ihren wirtschaftlichen und finanziellen Engpässen zu tun. Mutter Teresa war sie ebenfalls nicht – trotzdem vereinbarte sie bei Handelsabschlüssen uneigennützig unter anderem Präferenzpreise, eine Form von Hilfe, die nach der Wende bei den wenigen weiterlaufenden Verträgen ganz schnell abgeschafft wurde, auch der vorgeschlagene Schuldenerlass für DDR-Projekte in Entwicklungsländern kam in die Tonne. Natürlich.

Egal, wie die heutige Lesart ist – kritisch, bissig, gehässig, herablassend, schlichtweg dümmlich oder alles zusammen –, im sachlichen Rückblick wird klar: Staatliche Entscheidungen sind das eine, ohne Engagement und Einverständnis der Menschen wäre es trotzdem nicht gegangen. Manche Leute von der DDR-Aufarbeitungsfront werden es nicht glauben wollen: Auch der gewünschte gewerkschaftliche Solibeitrag wurde nicht mit vorgehaltener Pistole eingetrieben. Man konnte ihn ablehnen – es sah nur nicht gut aus. Trotz mancher propagandistischen Übertreibung war der Osten solidarisch. Wahrscheinlich nicht für jeden Bürger eine »Herzenssache«, aber gesellschaftlich als Handlungsmaxime angenommen und praktiziert.

Über das Warum und Wofür, über politische Hintergründe und konkrete soziale Projekte informierte täglich und ausführlich im übersichtlichen Blätterwald auch die Junge Welt. In Interviews, Reportagen, Nachrichten und aktuellen Berichten kamen die Ereignisse zum Leser: 1958 die Gründung der Republik Guinea und ihr nichtkapitalistischer Weg unter Präsident Sekou Toure, 1960 das »afrikanische Jahr«, in dem 17 meist französische Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangten, 1970 ein Vertrag zwischen der BRD und Portugal zum gemeinsamen Uranabbau in Angola und Mosambik – da wusste man doch gleich Bescheid und freute sich, dass beide Länder nach jahrelangem Krieg gegen die letzte Kolonialbastion Portugal ihre Unabhängigkeit errangen. Die Welt veränderte sich. Es sah nach Fortschritt aus und nach weniger Elend für die sogenannte dritte Welt. Vor diesem Hintergrund entstanden zahlreiche Freundschaftsgesellschaften. Engagement und Unterstützung der DDR nahmen stetig zu – Afrika wurde zu einem Schwerpunkt der Außenpolitik. International spürbar bröckelte die von Westdeutschland gegen die DDR praktizierte »Hallstein-Doktrin« und ging in der DDR-Anerkennungswelle unter, kurz gesagt. Am 18. September 1973 wurde die DDR UN-Mitglied Nummer 134. Eine echte Schlagzeile. Internationalität und Leichtigkeit der X. Weltfestspiele in Berlin lagen gerade mal vier Wochen zurück. Wie schon lange befürchtet, wütete in Chile seit dem 11. September Pinochet mit Unterstützung der USA gegen die 1970 gewählte Regierung der Unidad Popular. Am Tag des Putsches liegen drei DDR-Schiffe in chilenischen Häfen und löschen ihre Solidaritätsfracht – Lebensmittel aus Spenden in Höhe von 32 Millionen Mark.

Botschafter im Blauhemd

Ich weiß nicht, ob 1960 Malis Unabhängigkeitserklärung in der Zeitung stand und ob die Zusammenarbeit des Landes unter Präsident Modibo Keïta mit den sozialistischen Staaten einen Kommentar wert war. Fest steht, dass am 23. Juli 1964 eine Gruppe von Landwirten und Landmaschinentechnikern nach Mali flog. Es war die erste FDJ-Brigade der Freundschaft. »Botschafter im Blauhemd« wurde ein geläufiger Begriff. Fach-, Sprach-und Landeskenntnisse verschafften ihnen Sympathie. Sie hoben das Ansehen der DDR. In unserem Gespräch sagt Heinzjürgen Hagenmüller, in den 1980er Jahren Leiter aller Brigaden: »Unsere Leute wiesen nicht an – sie packten mit an. Für die Portugiesen waren die Angolaner eben die Schmiermaxen, auch Frankreich interessierte der Bildungs- oder Lebensstandard der Afrikaner nicht. Sie waren die Herrn. Einheimische wurden als Haussklaven gehalten.«

Die erste Mali-Brigade ging mit auf die Felder. In dem Savannendorf Somo machte sie mit 30 jungen Maliern den Boden urbar, baute Reis, Hirse, Erdnüsse an, errichtete eine Werkstatt und Stallgebäude. Ihre »Mitbringsel« waren ungewöhnlich – praktisch: Traktoren, Landmaschinen, Stromaggregate. Nützlich angesichts der kolonial bedingten schlechten Infrastruktur. Die Brigade war höchst willkommen, die zweite kam 1967 nach Mali. Mit dabei Werner Laube, Jahrgang 1944, Zimmermann, beschäftigt im Gaskombinat Schwarze Pumpe.

Früher war Werner Laube bei Mali als erstes immer Timbuktu eingefallen. Die goldene Stadt in der Sahara. Mitte der 1950er Jahre kam im Altberliner Verlag Lucie Groszer das Buch »Ich war in Timbuktu« von Werner Legère heraus. Es beschreibt die Wunder und Gefahren, die der Franzose René Caillié am Anfang des 19. Jahrhundert auf der Reise nach Timbuktu erlebte. Werner Laube hat das Buch damals verschlungen. Ein Lehrer hatte seine Neugier geweckt mit Erzählungen und mit echten Speeren. Bis der zu dem Zeitpunkt gerade einmal Zwölfjährige nach Afrika kommt, wird es noch Jahre dauern. Werner Laube absolviert Schule und Lehre, geht zur Armee, danach auf den Bau und schalt die Fundamente für das Kraftwerk Schwarze Pumpe ein. Er lernt, wie ein stabiles Dach gebaut wird. Erfahrungen und Fähigkeiten, die ihn nach Afrika bringen sollen. »Ich habe mich dann selbst gekümmert. Da kam keiner und hat gefragt.« Anstoß gab ein Bericht in der Jungen Welt über eine Freundschaftsbrigade in Algerien. Beim Zentralrat der FDJ in Berlin Unter den Linden fragt er nach, wird nicht zum Lehrgang eingeladen, geht trotzdem hin – und es klappt. Als er gefragt wird, ob er auch nach Mali gehen würde, muss er nicht lange nachdenken. Ja.

Mali, das Land mit den drittgrößten Goldvorkommen Afrikas, mit bedeutenden Salzlagerstätten, mit Uranerz, Erdöl, Edelsteinen und seltenen Erden im Boden, ist so arm wie andererseits reich. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt bis heute unterhalb der Armutsgrenze. Damals, sagt Werner Laube, begann ein kleiner Fortschritt. »Unter Keïta gingen alle Kinder zur Schule. Heute sammeln die Familien Geld, damit wenigstens ein Kind zur Schule kann.« Aber Veränderung der Verhältnisse fängt immer mit Bildung an – bestätigt Johannes Schöche, 1973 bis 1975 Botschafter der DDR in Mali. »Wir waren die ersten, die für malische Studenten eine richtige Ausbildung angeboten haben. Ein große Rolle spielte dabei das Herder-Institut in Leipzig.« Wie gesagt, es gab einige gute Anfänge – damals.

Im April 1967 kommt Werner Laube mit seiner Brigade in Mali an. Dioro, eine Gemeinde am rechten Ufer des Nigers, wird für knapp zwei Jahre ihr Zuhause sein. Von Anfang an führt er Tagebuch. »28. April 1967. Der erste Arbeitstag: Lagebesprechnung mit den malinesischen Maurern, Tischlern, Landwirten. Gazefenster für unsere Schlafzimmer gebaut.« Die Hitze macht ihn fertig. »Sonnabend, 29. April: Bis mittag gearbeitet, Sonnenbrand, mit Jürgen Aufwaschtisch gebaut, schöne Überraschung am Abend: Radio Berlin International gehört, Kühlschrank ist da! Wichtig für unsere Lebensmittel, unverzichtbar für das Serum gegen Schlangenbisse.« Alltag in Afrika – die Brigade lebt sich im Camp ein, stellt Betonsteine her für den Reparaturstützpunkt im geplanten 140 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb, hat gute Kontakte zu ihren malischen Kollegen. Am sechsten Tag in Dioro sind sie auf einer Hochzeit im Dorf. Werner Laube tischlert Schränke, Türen, Wagendeichseln, baut Dächer, fährt wie alle Traktor und bestellt die Felder. Alles normal und doch besonders. Einen der schönsten Einträge schreibt er im Dezember 1967: »Ich war in Timbuktu.« Das wäre eine gute Geschichte für die Junge Welt gewesen.

Konsequent antikolonial

Vor fast einem Monat trafen sich etwa 30 JW-Kollegen von früher – von 50 bis 90 war jedes Alter vertreten – mit den entsprechenden Zeiterfahrungen und journalistischen Erinnerungen: »Weißt du noch«, »Das werde ich nie vergessen« und »O Gott, diese Hofberichterstattung«. Einige politische Fehleinschätzungen sind heute noch peinlich. Aber wie Klaus Raddatz (Chefredakteur 1971–1977) im ersten Teil dieser Serie sagte: »Wir waren besser als unser Ruf.« Manche Sachen prägten sich ein, zum Beispiel 1972 zwei große Interviews von Walter Kaufmann (Schriftsteller, verstorben 2021) mit Angela Davis oder das Gespräch, das Uli Kalinowski (Nachrichtenchef, verstorben 2020) 1974 mit Alberto Corvalán, dem Sohn von Luis Corvalán, führte, die Serie von Peter Kirschey 1975 über Südvietnam in den ersten Tagen des Sieges, Erlebnisberichte der Freundschaftsbrigade in Grenada 1983 über die Invasion der Amerikaner oder Dana Micke über das Krankenhaus in Managua.

Jeder erinnert sich noch an das Interview mit Gladys Marín, der Vorsitzenden des kommunistischen Jugendverbandes Chiles, das Hannes Wagner während der X. Weltfestspiele 1973 in Berlin mit ihr führte. Auf dem Alexanderplatz wurde über Marx und Marcuse und Mao philosophiert, über Vision und Wirklichkeit des Sozialismus gestritten. Da passierte es auch, dass Wolf Biermann überraschend auftaucht, mit FDJlern diskutiert und sein Comandante-Che-Guevara-Lied singt. Das erinnert mich an die JW-Serie des ebenfalls verstorbenen Zeno Zimmerling über Tamara Bunke, die mit Che Guevara in Bolivien kämpfte und starb. Oder – noch einige Jahre zurück und ebenfalls Teil der Zeit- und Zeitungsgeschichte – die Berichte in der Jungen Welt über Raymonde Dien, als sie zu den III. Weltfestspielen 1951 nach Berlin kam. Die Welle der Herzlichkeit für die junge Französin war überwältigend. Am 23. Februar 1950 hatte die 21jährige den Transport eines Eisenbahnzuges mit Waffen für Indochina blockiert. Hunderte von Mitgliedern und Sympathisanten der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) hatten die Gleise besetzt. Was ihre Beweggründe waren, als sie sich vor den Zug mit Kriegsmaterial warf, sagt Raymonde Dien 1951 im Interview: »An eines dachte ich. Der Krieg muss mit allen Mitteln aufgehalten werden. Ich handelte im Sinne dieser geheiligten Idee. Es war kein Verzweiflungsakt« – nein, es ist Teil der Geschichte des Befreiungskampfes in Indochina gegen die Kolonialmacht Frankreich. In Ho-Chi-Minh-Stadt trägt eine Straße ihren Namen.

Mit ihrem Widerstand erzwangen die Vietnamesen 1954 die Genfer Indochinakonferenz. Deren Beschlüsse hätten einen Friedensprozess für ganz Vietnam einleiten können. Anmaßend und gegen jedes Völkerrecht verkündete US-Präsident Dwight D. Eisenhower jedoch, dass die Amerikaner sich nicht daran halten werden. Im Klartext: Wo kämen wir denn hin, wenn wir für ganz Vietnam freie Wahlen zuließen, in deren Ergebnis »möglicherweise 80 Prozent der Bevölkerung für den Kommunisten Ho Chi Minh gestimmt hätten«, bestätigt Eisenhower 1965 in seinen Memoiren. Politischer Terror pur. Dazu passte das US-Angebot an Frankreich, für die Entscheidungsschlacht bei Dien Bien Phu im März 1954 nicht nur 60 Bomber »B-29« zu liefern, sondern dazu noch den »großen Hammer« zu schwingen. Jahre später wird öffentlich, worüber sich die Außenminister im Frühjahr 1954 verständigt haben. Dulles: »Nun, und wenn wir Ihnen zwei Atombomben geben?« – Bidault: »Atombomben? Dann würde aber auch die Garnison (der Franzosen) zusammen mit den Vietnamesen vernichtet werden.« – D.: »Wir dürfen nicht den geringsten Vormarsch des Kommunismus in Südostasien dulden. Auf keinen Fall. Wenn wir jetzt nicht mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die Notbremse ziehen, werden wir hinweggefegt.« Das wurden sie knapp 20 Jahre später, 1975 im Mai.

1956 zogen die Franzosen ab, die USA machten weiter und überzogen Vietnam mit Bomben, Napalm, Agent Orange. Mit Hellmut Kapfenberger, lange Jahre ADN-Korrepondent in Vietnam, habe ich über diese Zeit, diesen völkerrechtswidrigen Krieg der USA, über den Sieg der Vietnamesen 1975 gesprochen, über Solidarität für das Land. Einige Fakten sind aus seinem Buch »Ho-Chi-Minh-Pfad. Die Geschichte der legendären Nachschubstraße«. Seine Nachrichten und Berichte druckte damals auch die Junge Welt.

Wie komme ich nun vom Ho Chi Minh-Pfad nach Gransee? Geht nicht, dachte ich zuerst – nach dem Besuch bei Manfred Halling: geht doch. Nicht weil er schnell und überzeugend reden kann. Es ist seine Sicht auf die Welt im Großen und im Kleinen: Man kann, was schlecht ist, ändern. Verhältnisse umkrempeln, politisch widerstehen und kämpfen. »Lass dich nicht bequatschen und mach keine Menkenke. Tu was!« Der 92jährige klingt sehr kategorisch und kampflustig. Es passt zum vietnamesischen Widerstand gegen die USA, die das Land in die Steinzeit bomben wollten – und es funktionierte auch auf dem Marktplatz in Gransee, wo jeden Sommer ein Blumenmarkt für die Solidarität stattfand. Was, es tut euch leid, was da mit Menschen passiert? – »dann tu was dagegen«: Gib ne Mark oder kauf einen Blumenstrauß. Die Leiter der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaften des Kreises hat Manfred Halling immer sehr freundlich gefragt: Ihr werdet euch doch nicht lumpen lassen? Nein, sie ließen sich nicht lumpen und spendeten schöne Blumensträuße, und bei den vielen Kleingärtnern rings um die Stadt war er auch bekannt wie ein bunter Hund. Im Standesamt sagte er Bescheid, damit die Hochzeiter ihre Sträuße nicht woanders kauften. Und, was soll man sagen, der Blumenmarkt war immer ein Riesenerfolg. Manfred Halling, lange Jahre Chef der Kreisredaktion Gransee, ist heute noch stolz darauf: »Der gesamte Erlös ging auf Solidaritätskonten – ob für verfolgte Journalisten in der Welt oder für Fahrräder nach Vietnam. Sachen, die wichtig sind – das haben wir gemacht.« Dann hat seine Zeitung, die Märkischen Volksstimme, darüber berichtet und die Leute freuten sich über so eine gute Sache, die auch ihre Sache war. Im letzten DDR-Jahr, 1989, überwiesen die Granseer 45.000 Mark für die Solidarität.

So kommt eine Geschichte zur anderen. »Mit dem Menzel müssen Sie reden«, sagt mir Hagenmüller, »der weiß gut Bescheid über ›Carlos Marx‹«, dem Krankenhaus in Managua. Berliner Stadtrand, Anfang September im Garten von Moni und Volker. Kaffee, Kuchen und ein langes Gespräch über Nicaragua, über Unterdrückung, Revolution und Aufbruch eines Volkes. Das korrupte System der Samoza-Diktatur mit US-amerikanischer Beteiligung wurde 1979 von den Sandinisten gestürzt. Erste Aufgaben waren unter anderem die Beseitigung des Analphabetentums und der Aufbau eines intakten Gesundheitswesens. »Es gab Krankenhäuser, die waren aber privat. Das konnten sich die Reichen leisten, Schmarotzer von früher, aber doch nicht das Volk.« Schwierig. Dazu terroristische Überfälle der von der CIA militärisch unterstützten Contras, um Unsicherheit und Stimmung gegen die sandinistische Regierung zu erzeugen. In freien Wahlen 1984 erhielten die Sandinisten für ihre sozialistische Politik breite Zustimmung. Daniel Ortega kam zum Staatsbesuch in die DDR, und Erich Honecker soll gefragt haben, wie können wir euch unterstützen? Antwort: Wir sind arm, unser Gesundheitswesen braucht Hilfe. Ok, habe Honecker geantwortet und Egon Krenz, FDJ-Vorsitzender, sagte: »Wir machen das.«

Gespendet wie verrückt

So habe ich es gehört – kann aber auch eine ausgedachte Geschichte sein. Entscheidend war und ist: Die Freundschaftsbrigade »Krankenhaus Carlos Marx« wurde gegründet. Und hier kommt Volker, seit Jahren in den Freundschafts-Brigaden aktiv, zuletzt in Somalia, wieder ins Spiel: Er übernahm die Organisation in enger Zusammenarbeit mit dem DDR-Gesundheitsministerium und der damaligen Gesundheitsministerin Dora Maria Tellez. In einem der größten Armutsviertel Managuas entstand das Krankenhaus. Für ca. 300.000 Menschen kostenlose medizinische Betreuung. Menzel erinnert sich: »Ein ganzes Armeelazarett ging per Schiff auf Fahrt – mit OP-Container, Versorgungstrakten für stationäre und ambulante Versorgung, Zelte für Patienten. Später kamen dafür Fertighäuser aus Stralsund.« Wirklich eine große Hilfe für das Land. »Zwischen atlantischer und pazifischer Küste hatte es sich sehr schnell herumgesprochen, von überall her kamen die Leute, waren tagelang unterwegs, es gab kilometerlange Schlangen. Keine Überstunde hat uns leid getan. Jede Mühe war es wert und Schwierigkeiten vergisst man schnell. Und eins muss ich sagen: die Leute haben gespendet wie verrückt – das gehört unbedingt zu der Geschichte.»

Zwischen 1985 bis 1989 wurden folgende Leistungen erbracht: 440.000 ambulante Konsultationen (täglich 600 bis 700), 11.000 Operationen, 1.000 Entbindungen, 800.000 Brillenanfertigungen. Übrigens kam der Namensvorschlag Karl Marx von den Sandinisten. Auch Renate Greupner, Kinderärztin aus Rostock, hat dort gearbeitet. Hat Elend gesehen und erlebt, dass Kinder aus Hunger sterben. »Ich habe geheult und ich war so froh helfen zu können.« Sie denkt kurz nach, dann: »Solange dieser Kapitalismus herrscht, solange wird die Welt nicht besser für die Menschen.«

Kraft der Solidarität

»Mein Vater selbst hat diese Solidarität als entscheidende Kraft dafür bezeichnet, dass er und andere führende Genossen nicht sofort ermordet wurden. (…) Selbst in die KZs sind einige Solidaritätsbriefe und Karten durchgekommen, auch aus der DDR. (…) Und dann hörten wir auch heimlich die Sendungen von Radio Moskau, Radio Berlin International Radio Havanna, das war uns eine große Hilfe.« (Alberto Corvalan im Interview mit Uli Kalinowski, Junge Welt, 23.11.1974)

Solidarität in Zahlen

Auf das zentrale Soli-Konto, das sind Spenden aus der Bevölkerung, wurden über 200 Millionen Mark eingezahlt. Davon gingen 1983 Direkthilfen an Äthiopien: 32 Tonnen Fertiggerichte, Ei-und Milchpulver, 65.000 Meter Stoff, Arzneimittel, Zelte, Nähmaschinen; an Angola u. a. 15 Tonnen Fertiggerichte, 28.000 Meter Stoff, Decken, Medikamente; an Mosambique: Bekleidung und andere Konsumgüter für 30 Millionen Mark, 33 Tonnen Fertiggerichte, Arzneien und medizinische Geräte. Weitere Lieferungen für von Dürre betroffene Menschen wurden nach Ghana, Sao Tome und Principe, Guinea Bisseau, Obervolta und Simbabwe geliefert. Im Jahr 1984 erhielten 2.900 ausländische Lehrlinge eine Berufsausbildung, im gleichen Jahr studierten 9.000 Ausländer in der DDR. Von 1964 bis 1984 wurden 1.100 Ärzte und mehr als 1.000 Agrarfachleute ausgebildet. (aus einem Interview mit Kurt Roth, Mitarbeiter des Solidaritätskomitee der DDR, Junge Welt, 6.6.1984)

[Kasten 3]

Ausbildung in der DDR

In den 1970er Jahren schloss die DDR mit insgesamt 59 Staaten 141 Regierungsabkommen ab, fast 39.000 Bürger aus verschiedenen Ländern Asien, Afrikas und Lateinamerikas wurden in der DDR aus- und weitergebildet, davon knapp 10.000 an Hoch- und Fachschulen. In den 1980er Jahren betrug der Umfang der (materiellen) Leistungen des Solidaritätskomitees jährlich zwischen 20 und 30 Millionen Mark.

Burga Kalinowski schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. Juli 2022 über die Poetenbewegung der DDR: Teil 4.2 ihrer sechsteiligen Reihe zu »75 Jahren junge Welt«: »Pegasus und Gaul Geschichte«.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin ( 9. Oktober 2022 um 10:00 Uhr)
    Was für ein schöner Artikel! Mehr als hundert dicke Bücher erzählt er eindrucksvoll darüber, was wir waren, wofür und warum wir taten, was wir taten. Dazu passt eigenes Erleben aus Reisen durch Vietnam vor wenigen Jahren. Sagten wir, in welchem Land wir gewohnt haben, sprach Freude aus jedem Gesicht. Aus denen der ganz Jungen genauso, wie aus denen der Alten. Eine größere nachträgliche Anerkennung für unser kleines Ländchen zwischen Erzgebirge, Thüringer Wald und Ostseeküste ist kaum vorstellbar. Die »Zärtlichkeit der Völker« hat tiefe Spuren hinterlassen. Auch wenn das den temporären Siegern noch so schwer im Magen liegt.

Ähnliche:

  • Auf verlorenem Posten: Bundeswehr-Soldat in Gao, Mali (12.4.2022...
    05.08.2022

    Regelbasiert

    Berlin empört über Mali
  • Außenpolitik mit schwerem Gerät. Russische Soldaten in Aleppo, 2...
    07.04.2022

    Weltpolitik wider den Westen

    Vorabdruck. Russland hat in den vergangenen Jahren seinen globalen politischen und militärischen Einfluss ausgeweitet
  • »Gute Reise, und rasche Heimkehr zu euren Lieben«. Eine Gruppe d...
    31.01.2020

    Aufbauen, nicht zerstören

    Vor 70 Jahren richtete die Regierung der DDR einen Appell an deutsche Fremdenlegionäre in Vietnam. Sie zeigte sich von Anfang an solidarisch mit der kämpfenden Volksrepublik

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk