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Aus: Ausgabe vom 07.10.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kuba

»Ich muss einen Eindruck hinterlassen«

Wie fotografiert man Widersprüche? Über das Leben auf Kuba, Witze von Fidel und das richtige Bild. Ein Gespräch mit Sven Creutzmann
Von Jörg Werner
Si por Cuba - nach dem Hurrikan Kopie.jpg

Keiner kennt Kuba sowenig wie die Konsumenten der deutschen »Leitmedien«, die an einem Regime-Change durch die USA mitwerkeln. Da passt es gut, dass Sven Creutzmann noch bis Sonntag unter dem Titel »Cuba: Die unendliche Revolution« seine Farbfotografien in den großzügigen »Kunsträumen« der Michael-Horbach-Stiftung in Köln ausstellt, denn kaum ein deutscher Fotograf kennt die Insel so gut wie er. (jW)

Herr Creutzmann, können wir in dieser Ausstellung das »wirkliche« Kuba kennenlernen?

Durch meinen Beruf und die Kamera habe ich das Privileg, nahe an die Menschen ranzukommen, deshalb kann ich gerade mit dieser Ausstellung viele intensive und auch intime Eindrücke, Erlebnisse und Situationen aus den letzten 34 Jahren mit dem Betrachter teilen. Ich denke daher schon, dass man durch die ausgewählten 112 Fotos mit ihrer Vielfalt an Facetten der Realität in diesem so spannenden Land nahekommen kann. Aber natürlich muss sich letztlich jeder seine eigene Meinung bilden und selbst hinfahren.

Können Ihre Bilder denn überhaupt ankommen gegen die unablässigen Desinformationen?

Das Thema Kuba ist ja immer hochemotional und kontrovers, oft wird es da sogar polemisch. Meinen Auftrag als Bildjournalist verstehe ich so, dass ich mit den Fotos einen Eindruck beim Betrachter hinterlassen muss. Und die Fotografie ist nun eben die stärkste Kommunikationsform überhaupt, hat eine starke Wirkung. Wir haben durch die Evolution gelernt, unser Umfeld und damit auch Bilder reflexartig nach Menschen abzusuchen, vor allem nach deren Gesichtsausdrücken. Wenn ein Foto dann noch stark genug ist und eine sogenannte Stopping power hat, habe ich als Fotograf erreicht, dass sich der Betrachter mit den Inhalten auseinandersetzt.

Nehmen wir das unspektakuläre farbige Bild »Veronica« im Ausstellungsraum »Blockaden«: Eine Fülle frischer Lebensmittel ist über einen Tisch verteilt; eine ältere Frau sitzt daran, aufrecht, Blick in die Kamera, ernst, sachlich, fast feierlich. Wie kann die Aneignung dieses Bildes durch den Betrachter funktionieren?

Dieses Foto zeigt Veronica, eine Rentnerin im Jahre 1993, also inmitten der sogenannten Periodo especial, der Sonderperiode, der Krise als Folge des Zusammenbruchs des Ostblocks. Auf dem Tisch ausgebreitet, sieht man die monatliche Lebensmittelration für eine Person. Das kann man jetzt unterschiedlich interpretieren: Der eine wird sagen, das ist ja wenig, der andere, dass es einzigartig ist, dass ein kleines, armes Land wie Kuba inmitten einer Krise seinen Menschen Lebensmittel garantieren kann. Ich zeige, wie es ist, der Betrachter muss diese Informationen verstehen, einordnen und für sich interpretieren.

Auf der nächsten Ebene wäre zu fragen, warum es diese Krise gab bzw. weshalb es sie aktuell wieder gibt. Kuba ist seit 60 Jahren dem Embargo der US-Amerikaner ausgesetzt, in Kuba nennt man es »Bloqueo«, also Blockade. Seit Trump hat das noch mal eine neue Dimension erreicht, die Folgen sind dramatisch. Gleichzeitig sprechen viele Kubaner selbst von einem zweiten Bloqueo, also von den internen Problemen, Bürokratie etc., die sicher auch irgendwie zur Situation beitragen. Daher auch der Titel dieses Kapitels in der Ausstellung, »Blockaden«.

Sind Sie im Herzen Kubaner?

Gerade gestern hat mir das wieder ein spanischer Publizist bescheinigt, und ich freue mich natürlich darüber, sehe das als Kompliment. Aber meine Arbeit ist es ja, über das Gesehene und Erlebte zu berichten, und das möglichst objektiv und sachlich, das heißt immer zu versuchen, Positives und Negatives abzubilden, beides gehört dazu. Dass ich seit 1993 als Fotograf fest akkreditiert bin, hat mir sicherlich geholfen, eine größere Nähe zu den Kubanern zu bekommen, was ich als Bereicherung empfinde.

Mit am stärksten haben mich die Bilder beeindruckt, die Würde und Widerständigkeit trotz der Armut, des Desasters und des Unglücks ausstrahlen. Oder Porträts, in denen Menschen mit dramatischen Lebensverläufen in Szene gesetzt sind, sichtbar oder hintergründig. Zum Beispiel der Zuckerrohrbauer Alfredo Lopez. Wenn ich mehr über ihn und das Bild erfahren möchte, komme ich als Betrachter nicht sehr weit.

Ich denke schon. Das Bild zeigt einen 97jährigen Mann mit riesigen Händen, in denen er eine große Machete hält. Der Mann beeindruckt sofort, im Foto spürt man die Nähe der Kamera und wird neugierig. Dann liest man als Betrachter die Bildunterschrift und erfährt, dass Alfredo seit mehr als 80 Jahren Zuckerrohr geschlagen hat und dass es sein größter Wunsch war, einmal Fidel Castro zu treffen. Die Gewerkschaft lud ihn zu einem Kongress mit Fidel ein, doch er wurde so nervös, dass er einen Schlaganfall erlitt und sein Augenlicht verlor. Zum Treffen kam es nicht mehr. Das ist hart. Wenn ich es schaffe, mit einem Foto solche Geschichten dem Betrachter nahezubringen, habe ich meine Aufgabe erfüllt.

Entstehen so ikonische Bilder?

Ob ein Foto ikonisch wird oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Zum einen muss die Fotografie stark genug sein, um den Betrachter zu beeindrucken. Auch die Umstände sind wichtig, wie wir zum Beispiel beim berühmten Foto von Che Guevara meines Kollegen Alberto Korda sehen. Das ist das meistveröffentlichte Foto der Geschichte, gelangte aber erst zu Weltruhm nach Ches Tod.

Wie einige der Bilder von Fidel.

Ja, aber da war eher entscheidend, überhaupt so nahe an ihn heranzukommen, was durch die Akkreditierung grundsätzlich möglich war. Aber man muss auch ein Gefühl für Situationen und natürlich Glück haben. Kurz nachdem ich Hugo Chávez in Caracas eine Woche lang begleitet und auch beim Baseballtraining für ein Freundschaftsspiel in Havanna fotografiert hatte, rief er mich bei seinem Besuch in Havanna lachend »­Spion«. ­Fidel Castro stand neben ihm – mir so nah, dass ich in Rückenlage gehen musste wegen seines Bartes – und fragte mich, wo ich geboren sei. In Ostdeutschland, antwortete ich, woraufhin Castro sagte: »Um ein guter Spion zu sein, muss man in der DDR geboren sein!«

»Cuba: Die unendliche Revolution«, Kunsträume der Michael-Horbach-Stiftung, Wormser Str. 23, Köln, bis 9. Oktober

Sven Creutzmann dokumentiert seit 30 Jahren die Kubanische Revolution. Er ist der einzige deutsche Fotograf mit Dauerakkreditierung für Kuba und arbeitet unter anderem für Geo, Spiegel, FAZ und New York Times

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