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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 10 / Feuilleton
Tagebuch – In dieser großen Zeit

Renegaten, Dichter, Wiesnpiesler

Von Pierre Deason-Tomory
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Saufi-Saufi: Oktoberfest 2022

Sonntag, 2. Oktober

Das Münchner Oktoberfest ist vorbei. Bilanz: In zwei Wochen haben 5,7 Millionen Besucher 5,6 Millionen Liter Bier getrunken und 12 Millionen Liter gseicht. Alle B-Promis waren da und machten Bussi-Bussi, nur Boris Becker nicht. Der hat nicht frei bekommen.

Unterdessen wird nach der Ursache für die Sprengung der Ostsee-Pipelines gesucht. Die Ermittler kommen nur sehr langsam voran, weil sie zunächst nach Beweisen suchen sollen, dass es nicht die US-Amerikaner gewesen sind.

Montag, 3. Oktober

Einheitsfeierlichkeiten in Erfurt. Gastgeber war der Thüringer Größtherzog und Bundesratspräsident der Bundesrepublik Deutschland, Bodo I. Seine Hoheit sprach vor geladenen Gästen auf dem nationalen Festakt über die Vereinigung als widersprüchliches Ereignis: »Zum einen haben die Ostdeutschen Grundrechte wie Meinungs- und Demonstrationsfreiheit erstritten. Zum anderen hat die Einheit zu enormen Verwerfungen geführt. Aber das Wichtigste ist doch, dass heute ein westdeutscher Parvenü wie ich Ministerpräsident im Osten werden kann, oder nicht?«

»Und dass eine Ostdeutsche wie Merkel Bundeskanzlerin sein kann, ohne sich einen Dreck um den Osten zu scheren«, ruft es aus dem Saal.

»Wer war das? Verhaften den Kerl, aber dalli!«

Sieben Bodyguards stürzen sich auf einen 83jährigen, wickeln ihn in Panzerband ein und rollen ihn aus dem Saal.

»Danke. – Und deshalb, liebe Gäste … Wo war ich gleich wieder?«

»Bei Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht.«

Dienstag, 4. Oktober

Dass es dieses Demonstrationsrecht tatsächlich gibt, demonstrierten gestern 40.000 Bürger, die feierlich und mit Fahnen durch die Thüringer Innenstädte gezogen sind, darunter prominente Faschisten, die sonst von der Polizei geschützt aufmarschieren, um für das Recht zu demonstrieren, Journalisten, Ausländer und Antifaschisten zu verprügeln. Dabei dürfen die Nazis das schon lange, was die Landesjustiz neulich beim Fretterode-Prozess wieder einmal deutlich gemacht hat.

Mittwoch, 5. Oktober

Ohne Ergebnis ist gestern der Bund-Länder-Gipfel zum Energiepaket vertagt worden. Die Ministerpräsidenten und der Bundeskanzler sind sich nicht einig geworden, wer den Doppelwumms bezahlen soll. Das nebulöse 200-Milliarden-Paket sorgt für Ärger bei den EU-Staaten, die für Doppelwummse keine Bazooka haben und weiter alone walken sollen. Alle ärgern sich darüber, dass die reichen Deutschen die Gasmärkte leerkaufen und damit die Preise hochtreiben. Und was machen die Ölscheichs mit dem ganzen Zaster? Schneeberge in die Wüste bauen. Heute sind die Asien-Winterspiele 2029 nach Saudi-Arabien vergeben worden.

Freitag, 7. Oktober

In dieser Woche wurden in Oslo und Stockholm die Nobelpreise verliehen. Den für Physik teilen sich Friedrich Merz, Markus Söder und Christian Lindner für den Nachweis, dass Atomkraft sicher und billig ist. Der für Chemie ging an Robert Habeck für sein Verfahren zur Umwandlung von bösem Russengas in gutes Frackinggas. Für seine Verdienste bei der Coronabekämpfung wurde Karl Lauterbach mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichnet. Er hatte bei Maischberger und Lanz mehrere aggressive Virusmutationen totgequatscht. Literatur: Olaf Scholz für den Gedichtzyklus »Wumms, Doppelwumms, Moppelmumms, Bommelbumms«. Und den Friedensnobelpreis bekam erneut die EU, dieses Mal für die Abweisung russischer Deserteure an ihren Grenzen.

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