75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 10. / 11. Dezember 2022, Nr. 288
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 6 / Ausland
Japanisches Meer

Müdes Säbelrasseln

Japan: Gelassene Reaktionen auf nordkoreanische Raketentests
Von Igor Kusar
imago0170531611h.jpg
Ein Fernsehbildschirm im Bahnhof von Seoul zeigt die ballistischen Raketen (6.10.2022)

Nordkorea hat am Donnerstag zwei weitere ballistische Kurzstreckenraketen in Richtung Japan abgefeuert, die jedoch die Gewässer des Inselstaats nicht erreichten. Dies war der sechste Raketentest seit Ende September.

Der Start erfolgte eine Stunde, nachdem Pjöngjang scharfe Kritik an den Gesprächen der USA mit dem UN-Sicherheitsrat als Reaktion auf die Raketentests geübt hatte. Außerdem beklagte sich Nordkorea über die Verlegung des nukleargetriebenen Flugzeugträgers »USS Ronald Reagan« samt begleitender Kriegsschiffe vor die koreanische Halbinsel. Dies bedeute eine ernste Bedrohung der Stabilität in den einheimischen Gewässern, so Pjöngjang.

Erst vergangenen Dienstag versetzte Nordkorea Japan in Alarmbereitschaft, als es eine ballistische Mittelstreckenrakete startete, die den Norden des Inselstaats überflog und nach rund 4.600 Kilometern in den Pazifik stürzte. Es war nach 2017 das erste Mal, dass eine nordkoreanische Rakete Kurs über Japan nahm.

Damit reagierte Pjöngjang auf die gemeinsamen militärischen Manöver der USA, Südkoreas und Japans im August und September. Die neue konservative Regierung in Seoul bemüht sich, die Allianz mit den USA zu verstärken und die Beziehungen zu Tokio zu verbessern. Pjöngjang seinerseits beschuldigte wiederholt die USA und ihre Verbündeten, eine Invasion vorzubereiten.

Nordkoreas Raketentests gehören aber auch zu einem Fünfjahresplan, den Staatschef Kim Jong-un im Januar 2021 einläutete. Der Plan sieht eine Forcierung der Raketenentwicklung vor. Kim will vor allem in die Bereiche taktische Nuklearwaffen und U-Boot-gestützte ballistische Raketen investieren, um gegenüber Südkorea die Oberhand zu behaupten.

In Tokio fielen die Reaktionen auf den Raketentest vom Dienstag gelassen aus. Er schien im Bereich der Erwartungen zu liegen. Zwar läuteten im Norden Japans die Alarmglocken, doch in den sozialen Medien wurde dies eher belächelt, da die Rakete Japan in einer Höhe von rund tausend Kilometern überflog. Für Japans Premier Fumio Kishida, der sich in einem Popularitätstief befindet, war es vielmehr eine Gelegenheit, von den eigenen Skandalen, in die seine Liberaldemokratische Partei involviert ist, abzulenken. Die nordkoreanischen Raketentests geben den Aufrüstungsbefürwortern in Japan Auftrieb.

Unter Beobachtern in Tokio ist man sich jedoch einig, dass der Raketentest vom Dienstag nicht Japan, sondern den USA galt. Die Flugdistanz von 4.600 Kilometern lässt vermuten, dass Pjöngjang die US-Militärbasen in Guam – 3.400 Kilometer von Nordkorea entfernt – ins Visier nahm und demonstrieren wollte, dass ihre Raketen diese Entfernung mühelos schaffen. Damit will sich Kim auch in eine bessere Ausgangsposition bringen, sollten in Zukunft Gespräche über die Aufhebung der über Nordkorea verhängten Sanktionen beginnen.

Erwartet wird nun, dass Nordkorea in den nächsten Wochen Atomtests durchführen wird – die ersten seit 2017. Rücksicht nehmen muss Kim dabei auf seinen Verbündeten, die Volksrepublik China. Sie stellt sich gegen die Tests. Vermutlich wird er bis zum 16. Oktober warten, wenn der 20. Nationalkongress der KPCh stattfindet, um den chinesischen Präsidenten Xi Jinping nicht zu brüskieren. Kurz danach wäre für Kim ein günstiger Zeitpunkt, um die Tests noch vor den US-Zwischenwahlen vom 8. November durchzuführen.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Wo steckt der Fehler? Die japanische Besatzung endet, die der US...
    17.08.2015

    Auf Besatzung folgt Besatzung

    So hochgesteckt die Erwartungen der Koreaner waren, mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 endlich selbstbestimmt zu leben, so abrupt durchkreuzten die USA im Süden der Halbinsel den Traum von Freiheit
  • Yankee-Kriegsbemalung: Im Kampf gegen ein sozialistisches Korea ...
    26.07.2013

    Umkämpfter Breitengrad

    Geschichte. Am 27. Juli 1953 wurde im Koreakrieg ein Waffenstillstandsabkommen ­geschlossen. Von da an bauten die USA ein dichtes Netz von Militärbasen auf, um weltweit gegen den sowjetischen Einfluß vorgehen zu können
  • 10.12.2012

    Schnee oder Peking

    Nordkorea will Raketenstart vielleicht verschieben. Liegt es am Wetter oder an einem chinesischen Einspruch?

Mehr aus: Ausland

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk