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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 6 / Ausland
Kiews erfolgloses Werben

Selenskij macht auf Bolívar

Ukrainischer Präsident wirbt vor Organisation Amerikanischer Staaten in Lima um Unterstützung. Mexikanischer Staatschef betont Neutralität
Von Volker Hermsdorf
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Die Teilnehmer des OAS-Treffens am Donnerstag in der peruanischen Hauptstadt Lima

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij hat am Mittwoch auf der Generalversammlung der von Washington dominierten Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Lima die Länder Amerikas zu Sanktionen gegen Russland aufgefordert. In der vorab aufgezeichneten Videobotschaft rief er die Staats- und Regierungschefs des Kontinents in englischer Sprache auf, ihn »an drei Fronten« zu unterstützen. Auf internationaler Ebene sollten ihre Regierungen Russland verurteilen, außerdem lokalen Unternehmen wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau verbieten und drittens mehr dafür tun, dass die Bürger der Region die Kiewer Position im Ukraine-Krieg unterstützen.

»Wir brauchen Ihre Unterstützung«, sagte Selenskij auf dem Treffen, an dem die aus der OAS ausgetretenen Länder Kuba, Venezuela und Nicaragua nicht teilnahmen. Er dankte den Staaten, die »die Ukraine bereits nachdrücklich unterstützt und den russischen Krieg verurteilt haben«, und der OAS für die Aussetzung des ständigen Beobachterstatus Russlands. »Aber wir brauchen mehr«, forderte er. »Auf wessen Seite würde Simón Bolívar in dem Krieg stehen, den Russland gegen die Ukraine entfesselt hat? Wen würde José de San Martín unterstützen? Mit wem würde Miguel Hidalgo sympathisieren? Ich glaube nicht, dass sie jemandem helfen würden, der ein kleineres Land ausplündert«, stellte Selenskij sich selbst in eine Reihe mit lateinamerikanischen Freiheitskämpfern gegen die koloniale Vorherrschaft Spaniens und der USA. »Je größer die Unterstützung für diejenigen ist, die für Unabhängigkeit kämpfen, desto stärker wird die Freiheit in der Welt sein und desto schneller werden wir vorankommen, bis wir unser Land von den russischen Invasoren befreit haben«, fügte der Vertreter aus Kiew hinzu. Er beendete seinen Aufruf in spanischer Sprache mit dem Satz: »¡Viva la libertad!« (Es lebe die Freiheit!)

Als Reaktion auf Selenskijs Appell bekräftigte Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador zunächst die Neutralität seines Landes im Ukraine-Konflikt, berichtete die Tageszeitung La Jornada am Donnerstag (Ortszeit). Dann fragte der Staatschef: »Warum nehmen sie nicht unseren Vorschlag an, ein Komitee für den Frieden zu bilden?« Mexiko hatte für ein solches Papst Franziskus, den indischen Premierminister Narendra Modi und UN-Generalsekretär António Guterres vorgeschlagen. Kiew wies die Friedensinitiative jedoch zurück. »Statt dessen erklären sie, dass wir für einen der am Krieg Beteiligten sein sollen. Nein! Wir wollen Frieden«, erklärte das Staatsoberhaupt.

»Warum nicht einen Waffenstillstand, um Krieg und Konfrontation zu beenden?« insistierte López Obrador. »Geben Sie uns fünf Jahre Frieden, damit sich die Regierungen den Bedürfnissen der Menschen widmen können, der Armut, der Migration, der Gewalt«, forderte er und wies darauf hin, dass sich der Konflikt durch seine wirtschaftlichen Folgen und die Sanktionen gegen Russland auf das Leben aller Völker auswirke. »Unter den nach Ausbruch des Krieges ergriffenen irrationalen Maßnahmen leiden viele Nationen, weil die sogenannten Weltführer und die großen Wirtschaftsmächte und Politiker sich nicht für Menschen interessieren. Sie treffen ihre Entscheidungen, als ob ihnen die Welt gehört«, zitierte die russische Agentur Sputnik den Staatschef.

Am Mittwoch hatte López Obrador bereits die Nominierung von Selenskij für den Friedensnobelpreis 2023 durch das EU-Parlament in Frage gestellt. »Bei allem Respekt vor dem Europäischen Parlament und unabhängig davon, ob wir für die eine oder die andere Seite sind, wie kann einer der Akteure des kriegerischen Konflikts den Friedensnobelpreis erhalten«, kritisierte Mexikos Präsident.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 9. Oktober 2022 um 18:40 Uhr)
    Dann kann es ja nicht mehr allzu lange dauern, bis auch ein Adolf Hitler angesichts seiner historischen Verdienste im Kampf gegen das bolschewistische »Untermenschentum« posthum endlich heiliggesprochen werden wird.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover ( 9. Oktober 2022 um 09:29 Uhr)
    Selenskij ist ein echter Komiker. Nun fordert er also Unterstützung für diejenigen, »die für Unabhängigkeit kämpfen«. Nehmen wir ihn doch beim Wort und unterstützen die Unabhängigkeit der Krim und des Donbass’ von der Ukraine! Schluss mit Waffen für Kiew!

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