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Aus: Ausgabe vom 06.10.2022, Seite 16 / Sport
American Football

Wer will das noch spielen?

Im American Football kocht der Streit über Kopfverletzungen wieder hoch
Von Gabriel Kuhn
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Tua Tagovailoa, Quarterback der Miami Dolphins, wird mit Kopfverletzung vom Platz getragen

Es waren keine schönen Bilder. Am Freitag blieb Tua Tagovailoa, Quarterback der Miami Dolphins, nach einem harten Tackling im Spiel gegen die Cincinnati Bengals regungslos am Boden liegen. Seine Finger verkrampften sich, eine charakteristische neurologische Reaktion bei Kopfverletzungen. Das medizinische Team der Dolphins war schnell zur Stelle, Tagovailoa wurde auf eine Bahre gelegt und vom Feld getragen.

Was die Sache besonders heikel machte: Bereits am Wochenende zuvor war Tagovailoa im Spiel gegen die Buffalo Bills nach einem harten Tackling zu Boden gegangen. Er stand schnell wieder auf, wirkte jedoch orientierungslos und knickte beim Versuch, weiterzulaufen, ein. Die Dolphins nahmen ihn kurz vom Feld, doch nach der Halbzeitpause spielte er wieder. Im Anschluss an das Spiel erklärten die Verantwortlichen der Dolphins, dass Tagovailoa eine Rückenverletzung davongetragen habe.

Diese These ist nun schwer aufrechtzuerhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach erlitt der Quarterback bereits gegen Buffalo eine Gehirnerschütterung, was die Gefahr einer weiteren Kopfverletzung im Spiel gegen Cincinnati wesentlich erhöhte.

Der Vorfall befeuert eine Debatte, die seit 2005 leidenschaftlich geführt wird. Damals brachte der US-amerikanische Arzt Bennet Omalu die Krankheit »Chronisch-traumatische Enzephalopathie« (CTE), gemeinhin als »Boxer-Syndrom« bekannt, mit American Football in Verbindung. CTE entsteht durch wiederholte Gehirntraumata, ausgelöst durch Schläge und Stöße auf den Kopf. Omalu errechnete, dass Footballspieler im Laufe ihrer Karriere bis zu 70.000 solcher Traumata erleben. Die Folgen reichen von Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen bis zu Depression und Demenz. Omalu wurde 2015 in dem Spielfilm »Erschütternde Wahrheit« von Will Smith porträtiert.

Von der National Football League (NFL) wurden seine Forschungsergebnisse anfangs entschieden zurückgewiesen. Man forderte gar die wissenschaftliche Zeitschrift, in der sie erschienen waren, zum Rückzug des Artikels auf. Doch als Omalu immer mehr Unterstützung von Kollegen erfuhr, musste die NFL zurückrudern. Man führte Änderungen im Regelwerk ein, um besonders gefährliche Tacklings einzudämmen. Nicht allen gefiel das. Donald Trump erklärte im Jahr seiner Wahl zum US-Präsidenten 2017, dass das Spiel dadurch »ruiniert« würde. Moderne Gladiatoren müssen offenbar Gladiatoren bleiben, wohl vor allem dann, wenn es sich vorwiegend um Schwarze handelt.

Die NFL hat nicht nur ihr Regelwerk geändert. Sie investiert auch Millionenbeträge in die Entwicklung besserer Helme und medizinische Forschung. Zyniker meinen, dass dies nur weit teureren Entschädigungszahlungen vorbeugen soll.

Der ehemalige NFL-Profi Bart Scott sagte in Zusammenhang mit dem Fall Tagovailoa am Freitag dem US-Sportsender ESPN, dass die Miami Dolphins die gesamte Zukunft des American Football in Gefahr gebracht hätten. »Millionen von Eltern sahen dieses Spiel zusammen mit ihren Kindern. Wer will seine Kinder unter solchen Umständen aufs Feld schicken?«

Noch scheint die Botschaft nicht bei allen angekommen zu sein. Nach dem Spiel gegen die Cincinnati Bengals verkündete der Chefcoach der Miami Dolphins, Mike McDaniel, dass sich Tagovailoa »nichts Ernsteres als eine Gehirnerschütterung« zugezogen habe. Am Sonntag gegen die New York Jets wird er trotzdem nicht auflaufen. Ein Anfang.

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