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Leben und Sterben der Virginia Hill

Von Pierre Deason-Tomory
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Nicht auf den Mund gefallen: Mobster-Lady Virginia Hill bei einer Anhörung in New York, 1951

Der Tod von Fritz Pleitgen hat eine Welle regloser Rührung ausgelöst, die nicht abebben will. Der Duisburger war ein Ruhrgestein des sozendeutschen Journalismus, ein ganz Großer, musste beim Interview immer den Kopf einziehen, damit er ins Bild passt. Beziehungsweise zum Servilitätsanspruch seines Gesprächspartners. In seiner Laufbahn machte Pleitgen 67 Jahre lang Radio, 189 Jahre lang Fernsehen und moderierte 300.000mal den »Presseclub«. Außerdem war er gleichzeitig Intendant von 42 ARD-Sendern. Im Gegensatz zu anderen Intendanten hat sich Pleitgen nie über seinen Chauffeur oder die Sitzheizung beschwert. Unvergessen ist sein direkter Draht zu den einfachen Menschen, den er auch zu DDR-Bergarbeitern fand (»Und Sie haben dann ja immer Kumpeltod getrunken.« – »Kumpeltod? Nö.« – »Aber den gab es doch immer bei Ihnen!« – »Nö, hatten wa nich.«) Umfassend sein Überblick: Als Erich Honecker im Sommer 1992 in Moabit eingesperrt wurde, demonstrierten Mitglieder einer trotzkistischen Sekte vor dem Knast für seine Freilassung, und Pleitgen beschrieb die Demonstranten als »frühere Mitglieder der SED, heute vermutlich in der PDS«. Ein ­DT-64-Sportredakteur würdigte diese Reportage als »olympiareife Leistung im Parteibuchweitgucken.«

Gucken wir weit ins Programm: Dienstag nachmittag erzählt das Feature »Flamingos singen nicht!« die tragische Geschichte der Virginia Hill, der legendären Braut von Mobster Bugsy Siegel, die es wagte, die Mafia zu erpressen und auf einer Senatsanhörung live im US-TV ihre Fellatiokünste zu rühmen und die im Salzburger Exil vermutlich von Freunden ihrer alten Freunde ermordet wurde (Di., 16.05 Uhr, Ö 1). Seit bald vier Jahrzehnten machen die Knallköpfe Dietmar Wischmeyer, Oliver Kalkofe und Oliver Welke und »Quotenfrau Anneliese« (Sabine Bulthaup) im Norden groben Unfug in der »Kultsendung Frühstyxradio«. Und morgen in den  »Querköpfen« (Mi., 21.05 Uhr, DLF).  »Der Zuhörer denkt: aha!« Hanns Eisler stellt uns als Musikkritiker des Zen­tralorgans der KPD, der Roten Fahne, das Musikfeuilleton vor (Fr., 22.03 Uhr, DLF Kultur). Lukas Resetarits, bester Major Kottan der Fernsehgeschichte und Bruder des im April verstorbenen Willi Resetarits (Ostbahn-Kurti), wird bald 75 Jahre alt. Deshalb beschenkt uns Ö 1 am Wochenende mit gleich zwei Sendungen über den linken Kabarettisten: »Es ist, bitte, folgendes ... Von der Philosophie des Schmähführens« (Sa., 9.05 Uhr) und »Krowod« (So., 14.05 Uhr). Eine heute fast vergessene Oper von Leonardo Vinci wurde Anfang September beim Bayreuth Baroque Opera Festival aufgeführt, »Alessandro nell’Indie« von 1730, konsequent rein männerbesetzt. Martyna Pastuszka leitete das polnische Orkiestra Historyczna (Sa., 19.05 Uhr, BR Klassik). »Was ist der Unterschied zwischen Arktis und Antarktis?« Das eine ist oben, das andere unten? Mehr erfährt Kind in »Kakadu« (So., 7.30 Uhr, DLF Kultur). Wilhelm Genazino hat einmal freihändig die ritualhaften Gespräche vor dem Einschlafen zwischen Marcel Proust und seiner Haushälterin ­Céleste rekonstruiert und nannte das Stück:  »Ich weiß, sagte Proust, Sie wollen mir nicht glauben, dass ich im Sterben liege« (SR 1989, So., 17.04 Uhr, SR 2). Im »Hörsalon« schließlich diskutieren drei Fachkräfte über das Thema  »Der große Rausch. Lust und Sucht damals und heute«. Für die Runde im Juni im noblen Hamburger Bucerius-Kunst-Forum qualifiziert haben sich Stefanie Sargnagel (»Dicht«), jW-Urgestein Peter Wawerzinek (»Schluckspecht«) und der Suchtmediziner Ingo Schäfer (So., 20.03 Uhr, NDR Kultur).

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