75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 2. Dezember 2022, Nr. 281
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.10.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Dreck, Tod, Scheiße

Im Kino was Neues: Eine neue Remarque-Verfilmung zeigt Krieg ohne Helden
Von Norman Philippen
10.jpg
»Graben, Lazarett, Massengrab – mehr Möglichkeiten gibt es nicht.« (Erich Maria Remarque, »Im Westen nichts Neues«)

Um ihr Scherflein zur ersten großen Zeit des 20. Jahrhunderts beizutragen, ziehen Paul Bäumer (Felix Kammerer) und seine drei von der schulischen Propaganda ebenfalls besoffenen Schulkameraden an die Westfront. Die sinnlos in Frankreich tobende Stellungsschlacht zerstört die Jugendträume von Heldentum und ruhmreichem Einmarsch in Paris rasch und entpuppt sich als die unentrinnbare, alptraumhafte Realität aus Dreck, Tod und Scheiße, die man als Erster Weltkrieg erinnert. Soweit ist auch 2022 noch alles beim alten in der deutsch-britisch-US-amerikanischen Netflix-Neuverfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsklassiker »Im Westen nichts Neues« (1929). Doch ziehen die Teenager nicht bereits 1914, sondern erst 1917 an die Front. Die Handlung verkürzt sich von vier Jahren auf rund 18 Monate, Paul stirbt nicht im Oktober 1918, sondern erst um elf Uhr des 11. Novembers 1918, dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des den Weltkrieg beendenden Waffenstillstands von Compiègne.

Den Plot um die späten Bemühungen des vom Mitproduzenten Daniel Brühl passabel pathosfrei verkörperten Schriftstellers, Politikers und Diplomaten Matthias Erzberger zu ergänzen, der den Friedensvertrag zu Frankreichs Bedingungen unterschrieb, war keine schlechte Entscheidung. Diente die Diffamierung des 1921 ermordeten Erzberger als Volksverräter doch wesentlich der für die spätere Nazipropaganda so wichtigen Dolchstoßlegende, die wiederum die Anzettelung des Zweiten Weltkriegs legitimieren half. Ein weiterer Twist ist der um General Friedrich (Devid Striesow), der sein Kanonenfutter noch 15 Minuten vor dem finalen Waffenstillstand in die letzte sinnlose Schlacht des sinnlosen Stellungskriegs schickt, um diesem noch einen »Sieg« abzutrotzen. Der Seitenblick auf Politik und militärische Führungsebene politisiert den Stoff etwas, der, auch wenn Remarque ihn bewusst so angelegt haben wollte, niemals unpolitisch sein kann. Ein bisschen Kontext schadet weder im Kriege noch im Kino. Wenn ob der Darstellung des »feisten Generals« eine Zeit-Rezensentin eine »Wir-da-unten-ihr-da-oben-Ebene« ausmacht und beklagt, nachdem sie einen »Kriegsfilm ohne Idee, ohne ästhetische oder sonstige Haltung, ein Museum voller guter Absichten« gesehen haben will, hat Regisseur Edward Berger nicht alles falsch gemacht.

Wer will, kann durchaus eine Idee sowie ein Quäntchen Haltung erhaschen. Und positiv überrascht sein von einem Kriegsfilm, der zur heutigen großen Zeit – trotz bombastischer Inszenierung – ganz ohne Helden sowie hollywoodesken Liebesplot auskommt. Krieg ist hier der kranke Irrsinn, der er immer war – ein begrüßenswerter Kontrapunkt zur sonstigen, sauberen cineastischen Kriegspropaganda der letzten Jahrzehnte. Etwas irritierend erscheint die Darstellung der Giftgaseinsätze. Denn der Gaskrieg mit Chlor und Phosgen wurde von den Deutschen angezettelt und zum Auftakt der Zweiten Flandernschlacht im April 1915 in Ypern vom deutschen Chemiker Fritz Haber höchstpersönlich beaufsichtigt. 150 Tonnen Chlorgas hat man da nach Haberschen Verfahren schon versucht in feindliche Lungen zu blasen. Im Film aber gast immer nur der Franzos’. Warum? Und wieso kommen auf dem Schlachtfeld nur französische Flammenwerfer zum Einsatz, wo doch auch diese Mordwaffe vor allem auf deutscher Seite und in nachweisbar mehr als 600 Einsätzen Verwendung fand, während die Entente deren Entwicklung schnell wieder einstellte? Auch wenn man den Filmemachern nicht gleich geschichtsklitternde Absichten unterstellen mag, darf sich die Militärgeschichte doch ein wenig angeklittert fühlen. Und warum glotzen die deutschen Soldaten kurz vor Kriegsende so ungläubig, wenn der Feind mit Panzern anrollt, wo auch diese dem kriegenden Deutschtum längst bekannt waren? Sonst aber ist’s ein ganz guter Film geworden, dessen Platz auf der Oscar-Longlist auch den Deutschen nicht peinlich sein muss, die sich um Oscar-Verleihungen scheren.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wieland K. aus Neustadt in Holstein ( 4. Oktober 2022 um 15:05 Uhr)
    Propagandafilmchen sind schon in Wartestellung. Nach den Remarque-Verfilmungen dürften dann als Nächstes die Filme über »U-Boopt Kapitän Prien«, den »Panzerjäger-Schlachtflieger Rudel« oder den »Wüstenfuchs Rommel« den Weg in die Kinos finden. Die alte Leier »Im Felde unbesiegt« gewinnt wieder an Bedeutung, wenn wir bereit sein müssen, »alles zu tun, bis die Ukraine (also nicht die Menschen, sondern nur der Selenskij-Klüngel) gegen Russland gesiegt« hat (Originalzitat Borell und Baerbock). Unsere kluge Regierung (wer hat die denn eigentlich gewählt) stimmt uns mit Kälte und Lebensmittelknappheit darauf ein. Nur »keine Kriegsmüdigkeit vorschützen«, wie uns Frau Baerbock aufruft. Dagegen helfen solche Filme wie die obengenannten. Deutschland hat wieder einmal nichts aus der Geschichte gelernt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. ( 4. Oktober 2022 um 08:50 Uhr)
    Ein Film, in dem der »Franzos’« der Böse ist und der Deutsche einen fairen Krieg führt, passt nicht nur in die aktuelle Kriegsstimmung hierzulande. Ein solcher Film muss auch unbedingt auf die »Oscar-Longlist«.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Noch steht ihnen der Sinn nach Entspannung. Soldaten der britisc...
    09.09.2022

    An der Schwelle zum Krieg

    Vor 100 Jahren begannen die Briten mit Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjets im Schwarzmeerraum – Grundlage waren die Falschinterpretation von Geheimdiensterkenntnissen und imperiale Paranoia
  • Gegen den Westen in Rapallo zusammengefunden: Reichskanzler Jose...
    16.04.2022

    Pakt zweier Parias

    Vor 100 Jahren schlossen Deutschland und Sowjetrussland in Rapallo einen Vertrag, der die Interessen beider Seiten gleichermaßen berücksichtigte
  • Bis heute Ausdruck des herrschenden Bewußtseins: Soldatische Tra...
    11.11.2008

    Der ferne Erste Weltkrieg

    Unmittelbar nach 1914 prägten die grauenvollen Erfahrungen und Leiden der Soldaten die kriegsverachtende Haltung der Bevölkerung. Mit den Jahren aber wurde sie von den politischen Interessen der Herrschenden umgeformt

Regio:

Mehr aus: Feuilleton

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk