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Aus: Ausgabe vom 01.10.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
US-Atomschlag

Einseitige Erinnerung

Friedensstadt Hiroshima: Gedenken an Opfer von Atombombenabwurf. Rolle Japans als Aggressor und Schuld der USA nicht im Fokus
Von Igor Kusar
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Heute Mahnmal im Friedenspark: Das nahezu einzige Gebäude, das die Detonation der US-Atombombe überstand

Hiroshima ist eine Weltfriedensstadt – nach der desaströsen Atombombenexplosion vom 6. August 1945, die den Ort in Schutt und Asche legte und bis Jahresende geschätzte 140.000 Menschenleben kostete, wurde es als Mahnmal gegen die verheerenden Folgen eines Atomkriegs wiederaufgebaut. Nachdem es in den vergangenen Jahrzehnten ruhiger um die Stadt geworden ist, rückt sie mit dem Ukraine-Krieg und der erhöhten Gefahr eines atomaren Schlags wieder stärker ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. »No more Hiroshima« (Nie wieder Hiroshima) lautet der Slogan, den die Stadt der Weltgemeinschaft ans Herz legen will.

Sie hat in Premierminister Fumio Ki­shida, der aus Hiroshima stammt, einen wichtigen Vertreter. Als erstes japanisches Oberhaupt überhaupt nahm er gegen den Willen seiner Berater Anfang August an einer Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag in New York teil. Tomoko Watanabe, Leiterin der Nichtregierungsorganisation ANT-Hiroshima, spürt den Stimmungsumschwung. Es seien vor allem die Jungen, die die Tradition der Friedensstadt fortsetzen wollen, sagte sie Anfang August im Gespräch mit junge Welt. Und sie wollten nicht nur Tokio dazu bewegen, endlich dem im Januar 2021 in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten, sondern auch weltweite Aufmerksamkeit dafür erlangen, so Watanabe. Auch ANT-Hiroshima will dazu beitragen und bemüht sich, die von der Organisation herausgegebene Literatur in verschiedene Sprachen zu übersetzen.

Über ein globales Netzwerk verfügt bereits das »Hiroshima Council against A- and H-Bombs« mit Hauptsitz in Tokio. Es ist eine von zwei großen Antiatomwaffenorganisationen, die die Bewegung in Japan seit den 60er Jahren prägen. Wie ein Seismograph registriere man die Bewegungen sowohl der Atomwaffen- als auch der Atomkraftlobby weltweit und reagiere etwa auf Atomtests mit Sitzdemos in Hiroshimas Friedenspark, erklärten die beiden Führungskräfte Tetsuo Kaneko und Katsuhiro Takahashi der jW in ihrem Büro in Hiroshima.

Doch die japanische Antiatomwaffenbewegung hat in Tokios Regierungsviertel viele Feinde. Japan befindet sich nicht nur unter dem sogenannten Atomschirm der USA, sondern viele japanische Politiker wollen sich auch die Option Atomwaffen für die Zukunft offen halten. Ein Grund, weshalb der Inselstaat den Atomausstieg bisher nicht geschafft hat. »Doch auch in Hiroshimas Verwaltung fehlt die nötige kritische Haltung gegenüber Tokio«, meinte Tatsuichi Nakamori von der Kommunistischen Partei der Friedensstadt. Zwar wird der Bürgermeister von Hiroshima nicht müde, Appelle an die japanische Regierung oder die US-Botschaft in Japan zu versenden mit der Bitte, sich für eine atomwaffenfreie Welt einzusetzen, doch eine scharfe Kritik an der japanischen Politik sei bisher ausgeblieben, so Nakamori. Wie in Tokio haben auch im Parlament der Präfektur Hiroshima die rechtskonservativen Liberaldemokraten das Sagen und bestimmen die politische Richtung.

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Friedenskundgebung in Indien: Nicht nur in Japan wird alljährlich die nu­kleare Katastrophe zum Anlass genommen, um gegen Krieg zu protestieren (Mumbai, 6.8.2022)

Täter bleiben unerwähnt

Hiroshima zeigt den Ort des atomaren Schreckens, ohne aber die historischen Umstände näher zu beleuchten. Die bekannte US-Japanologin Carol Gluck nennt dieses Narrativ »Geschichte im Passiv«. Diese Haltung wird von verschiedenen Seiten immer wieder kritisiert, da sie die Realitäten – die Welt verfügt noch immer über fast 13.000 Atomsprengköpfe – ausblende.

Natürlich trifft man in der Stadt überall auf Symbole des Friedens: auf Friedensstatuen, Schriftzüge, eine Friedenspromenade. Doch die USA als Täter finden kaum Erwähnung. Vielmehr wird mit der Atombombenexplosion wie mit einer Naturkatastrophe umgegangen. Das hat System. Von Anfang an war es Ziel der bis 1952 in Japan stationierten US-Besatzungsmacht, sich aus der Schusslinie einer eventuell aufkommenden japanischen Kritik an der immensen Vernichtung von Leben zu bringen. Es wurde die Erzählung erfunden, der zufolge eine Million Menschenleben durch die Atombomben auf Japan – neben Hiroshima war am 9. August 1945 Nagasaki Ziel eines nuklearen Angriffs – infolge des rascheren Kriegsendes gerettet worden seien.

Dabei belegen neuere Forschungen, dass Japan im August 1945 kurz vor der Kapitulation stand und es den USA bei den beiden Atombombenabwürfen vor allem darum ging, sich in der Nachkriegsordnung in eine günstige Postition gegenüber der Sowjetunion zu bringen. Bis heute leugnet die US-Regierung diese Sicht der Ereignisse und hat sich deshalb auch nie offiziell entschuldigt.

Und die japanische Elite machte mit. Sie kam überein, Hiroshima in eine supermoderne Stadt zu verwandeln. Der Vorschlag, das Areal, auf dem die Detonation erfolgte, zerbombt zu belassen und es als quasiheilige Stätte zu behandeln, wurde verworfen. Vielmehr entstand ein moderner Friedenspark, gesäumt von breiten Straßen und großen Kaufhäusern. Die Stadt sollte wie Phoenix aus der Asche neu entstehen und so auf eine friedliche Zukunft verweisen. Der Blick zurück war verpönt. Aus der Militärmetropole, die Hiroshima bis 1945 war, wurde eine Friedensstadt.

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Kenotaph für die Opfer: Zentraler Ort der Trauer und des Gedenkens an die vielen Menschen, die vor 77 Jahren aus dem Leben gerissen wurden (Hiroshima, 6.8.2022)

Japan hält sich bis heute mit Kritik an den USA zurück und spielt die Rolle des Juniorpartners vorbildlich. Eine Entschuldigung hat das Land nur einmal – am 10. August 1945 – verlangt. 40 Prozent der Japaner halten deshalb die Atombombenabwürfe im Rückblick für »unvermeidlich«, wie eine Umfrage der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft NHK 2015 herausfand. Natürlich gab es insbesondere unter den sogenannten Hibakusha (Atombombenopfer) viel Groll gegenüber den USA. Doch Möglichkeiten, dem Ärger Luft zu machen, waren begrenzt. Vielmehr wurden sie zu »Aposteln des Friedens« gemacht, die in der globalen Abrüstung von Atomwaffen Trost finden sollten.

Leid und Genesung

Die Zukunftsorientiertheit der Stadt wird auch vom Friedenspark abgebildet, der 1954 eröffnet wurde. Von der Ruine des »Atomic Bomb Dome« (etwa Atombombenkuppel) – Friedensdenkmal und Symbol der Stadt – führt eine direkte Linie über das Kenotaph zur Erinnerung an die Toten zu den modernen Gebäuden, die das Friedensmuseum beherbergen. Die Kuppel repräsentiert dabei das Leiden, der Park die Genesung.

Das Kenotaph enthält eine Gedenktafel mit der Inschrift »Lasst alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden das Böse nicht wiederholen« – auch hier ist von den USA keine Rede. »Wir wollen hier keine enge Täter-Opfer-Diskussion führen«, erklärte Ryoji Hasebe von der Abteilung für Internationale Friedensförderung der Stadt Hiroshima der jW die tiefere Bedeutung der Inschrift. Vielmehr gehe es um den Frieden als universellen Wert. Hiroshima möchte, dass niemand den gleichen Horror durchleben muss wie die Hibakusha.

Darauf ausgerichtet ist auch die Dauerausstellung im Friedensmuseum. Die Schrecken des Atomschlags werden klar verdeutlicht: Der Tod durch Explosion, Feuer und radioaktive Verseuchung, die Schmerzen der Verletzten, die Suche nach Verwandten, die vielen Waisen, die Langzeitfolgen. Die Geschichte Hiroshimas als Militärstadt, die Entwicklung der Bombe durch die USA und die anschließende Diskriminierung der Hibakusha finden zwar Erwähnung, wurden jedoch in den hinteren Teil der Ausstellung verlegt.

Eine Solidaritätserklärung mit den Opfern des japanischen Aggressionskriegs sucht man vergebens. Das mit atomaren Mitteln beförderte Ende des Zweiten Weltkriegs in Asien führte dazu, dass viele Japaner bis heute ihr Land eher als eins der Opfer denn als eins der Täter verstehen, obwohl die japanische Linke seit Ende des Kriegs dessen Aufarbeitung vorantreibt. Eine Möglichkeit, um sich sowohl mit der Opfer- als auch der Täterrolle auseinanderzusetzen, bietet Hiroshima nicht.

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