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Aus: Ausgabe vom 01.10.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Perverse Angela

Von Arnold Schölzel
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Gleich zweimal in dieser Woche gab Angela Merkel den Bismarck. Für sich genommen erweiterten ihre Reden am Dienstag in Berlin und am Donnerstag in Goslar die Festansprachenödnis, faktisch waren es, wie Zeit online anmerkte, »Ratschläge von der Seitenlinie« an ihre Nachfolger. Das hatte sie laut eigener Ankündigung vermeiden wollen. Der »Eiserne Kanzler« sah nach seinem Sturz 1890 mit ohnmächtiger Wut, wie Wilhelm II. sein für den Erhalt der europäischen Großmonarchien ausgetüfteltes Gleichgewichtssystem zerstörte und zum deutschen »Platz an der Sonne« marschierte. Alldeutsche Hetzer für diesen Weg in den Ersten Weltkrieg, den Friedrich Engels, Helmut von Moltke und andere Militärfachleute damals mehrfach ankündigten, fanden sich zur Genüge. Dem Altkanzler wurden auch aus Protest gegen seine Entlassung an die 500 Denkmäler errichtet, marinierte Heringe nach ihm benannt. Aber es war zu spät. Imperialismus lässt sich von Gemütsaufwallungen oder Fischessern nicht aufhalten.

Der naziverehrende Botschafter Andrij Melnyk, der sich noch immer nicht zum Frontdienst gegen den Russen gemeldet hat, begriff jedenfalls sofort, was und wen Merkel dort in der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung gemeint hatte. Er entnahm sueddeutsche.de ihre Bemerkung: Auf heute übertragen würde Kohl »parallel immer auch das im Moment so Undenkbare, schier Unvorstellbare mitdenken – nämlich wie so etwas wie Beziehungen zu und mit Russland wieder entwickelt werden können«. Das ist etwas anderes als das, was Olaf »Slawa Ukraini« Scholz oder Annalena »Russland ruinieren« Baerbock von sich geben und praktizieren. Es lässt darauf schließen: Merkel hält die Lage für so gefährlich, dass sie mahnt, die mühsam erreichte Stabilität zwischen dem imperialen Konstrukt EU, also Bundesrepublik, und Russland nicht völlig zu beseitigen – ohne dass sie Zweifel daran lässt, was sie von Moskau hält: nichts.

Stabile Verhältnisse in Europa aber sind Horror für Washington, dessen Handlanger in Berlin und für die in Kiew regierende Bande. Melnyk twitterte also repräsentativ: »Kaum zu fassen: Die Exkanzlerin, die mit ihrem jahrelangen putinfreundlichen Kuschelkurs Moskaus Aggression gegen die Ukrainer möglich machte, philosophiert schamlos darüber, ›wie so etwas wie Beziehungen zu uns mit Russland wieder entwickelt werden können‹.« Er hätte sich auch auf den am Donnerstag bekanntgewordenen, im Juni konzipierten Gleichschaltungserlass der Bundesregierung für Medien berufen können: Was Merkel sagte, ist pure russische Propaganda und damit Teil »hybrider Kriegführung«. Die Frau macht nicht nur den Bismarck, sondern auch den Schröder.

Am Donnerstag abend wiederholte Merkel in Goslar ungerührt, auch in Zukunft müsse an einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur gearbeitet werden: »Und das bedeutet: auch unter der Einbeziehung Russlands.« Melnyks Antwort kam prompt: »pervers«.

Im November 2021 bezeichnete der Historiker Götz Aly Merkel vorm Ende ihrer Amtszeit als »Meisterin der praktischen Vernunft« und führte als Beleg dafür u. a. an, ihre Politik kontrastiere »mit dem vorherrschenden Stil beispielsweise französischer Präsidenten. Frankreich bombte 2011 die Regierung und Staatsverwaltung Libyens weg, angeblich im Namen der Freiheit, der Menschenrechte und des selbstbestimmten Glücks der dort lebenden Menschen. Präsident Sarkozy und sein gesinnungswahnsinniger Einflüsterer Bernard-Henry Lévy inszenierten sich als Helden und schmähten – gemeinsam mit einer beachtlichen Schar medialer Claqueurs – Merkel als unzuverlässiges und feiges Frauenzimmer.« Aly vergaß, in die Heldenreihe die deutschen Grünen aufzunehmen. Die verwirklichen in der Ukraine, was sie 2011 in Libyen versäumten.

Was Merkel sagte, ist pure russische Propaganda und damit Teil »hybrider Kriegführung«. Die Frau macht nicht Bismarck, sondern den Schröder.

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  • Leserbrief von Doris Prato ( 5. Oktober 2022 um 14:28 Uhr)
    Focus online meldete am 29.09.2022: »Altkanzlerin Angela Merkel hat in einer Rede zur Eröffnung der Helmut-Kohl-Stiftung auch über den Krieg in der Ukraine gesprochen. Dabei äußerte sie sich auch zu den aktuellen Beziehungen zu Russland. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk ist darüber fassungslos.« Merkel sagte, dass Kohl sicherlich »›alles daran setzen‹ würde, die Souveränität und Integrität der Ukraine zu schützen und wiederherzustellen. Und dann weiter: Gleichzeitig habe Kohl ›den Tag danach‹ nie aus den Augen verloren. Würde man Kohls Politik auf heute übertragen, dann würde man ›parallel immer auch das im Moment so Undenkbare, schier Unvorstellbare mitdenken – nämlich wie so etwas wie Beziehungen zu und mit Russland wieder entwickelt werden können.‹ Kohl hätte keines von beidem in ›einem deutschen Alleingang‹ getan, so Merkel.«

    In den übrigen Mainstream-Medien wurde das, soweit ich das verfolgen konnte, verschwiegen. Merkel sagt das wohl nicht, ohne zu überlegen, was sie damit will, und sie könnte damit langfristig das Ende von Scholz einleiten. Und sollte sie danach noch einmal antreten, wären ihr Stimmen der mit dem Krieg und seinen Folgen Unzufriedenen sicher. Außerdem sieht sie wohl, dass der Krieg die deutsche wie auch die EU-Position schwächt und die der USA stärkt.  Dabei fällt schon seit längerer Zeit auf, dass sie keine neue Aufgabe übernommen hat. Das ist nicht typisch für sie.

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