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Aus: Ausgabe vom 29.09.2022, Seite 1 / Titel
Sozialer Kahlschlag

Ampel macht arm

Immer mehr Menschen auf »Tafeln« angewiesen. Jugendliche, Alleinerziehende und Schwerbehinderte brauchen Hilfe am nötigsten. Konzerngewinne explodieren
Von Simon Zeise
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Bei vielen reicht es nicht mehr für das Nötigste. »Tafel« in Frankfurt am Main (29.4.2022)

Das Leben wird für die Ärmsten im Land immer härter. Rund 1,1 Millionen Menschen und damit knapp 1,3 Prozent der Bevölkerung waren bereits im ersten Halbjahr 2020 auf Lebensmittelspenden der »Tafeln« angewiesen. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor – Tendenz steigend: »Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und im Zuge der Preissteigerungen werden Tafeln noch stärker beansprucht«, erklärte das DIW. Die Tafeln gehen mittlerweile von deutlich mehr als zwei Millionen Lebensmittelempfängern aus.

Rund drei Viertel der Menschen, die auf Tafeln angewiesen waren, gingen im Untersuchungszeitraum keiner Erwerbstätigkeit nach. Aber auch Lohnarbeit macht in Deutschland arm. So bezogen zwei Drittel der Bezieher von Lebensmittelspenden ein Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle. Zwölf Prozent gingen sogar einer Vollzeitbeschäftigung nach. Besonders bitter: Ein Viertel der Bezieher von Lebensmittelspenden waren Minderjährige.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, nannte insbesondere den Umstand, dass Alleinerziehende und Schwerbehinderte besonders häufig auf Tafeln angewiesen sind, gegenüber jW »besonders erschreckend«. Es sei nicht Aufgabe der Tafeln, Armut nachhaltig zu beseitigen, so Bentele. Vielmehr sei hier der Staat in der Pflicht. Die Ampelkoalition müsse dafür sorgen, dass alle, die wegen einer schweren Erkrankung nicht mehr arbeiten können, eine Erwerbsminderungsrente erhalten, die zum Leben reicht. Für alleinerziehende Mütter und Väter brauche es endlich familienpolitische Leistungen, die bei ihnen und ihren Kindern ankommen. Auch die Regelsätze in der Grundsicherung seien bei weitem nicht armutsfest. Die Regelsatzerhöhung von 53 Euro sei lediglich ein Inflationsausgleich, der schnell wieder verpuffe. »Wird hier nicht konsequent gegengesteuert, werden sich die Schlangen vor den Tafeln immer weiter verlängern«, sagte Bentele.

Für die Forderungen des Sozialverbands scheint die Bundesregierung jedoch taub. Am Mittwoch verabschiedete das Kabinett eine Regelung, wonach Unternehmen Beschäftigten eine steuer- und abgabenfreie Prämie von bis zu 3.000 Euro auszahlen können. Verpflichtet werden die Konzernchefs allerdings nicht. Die Regierung macht keinen Hehl daraus, wo ihre Prioritäten liegen: »Die deutsche Wirtschaft braucht Flexibilität zur Krisenbewältigung«, begründete Finanzminister Christian Lindner (FDP) das Vorhaben.

Dabei sprudeln die Quellen zur Finanzierung von Sozialausgaben geradezu. Laut Berechnungen der TU München haben die Manager der im Dax notierten Konzerne im Durchschnitt 2021 das 53fache eines im Unternehmen Beschäftigten verdient. Im Jahr zuvor habe das Verhältnis noch bei eins zu 47 gelegen. »Der Gehaltsanstieg wurde getrieben durch die Explosion der Gewinne im abgelaufenen Geschäftsjahr«, teilten die Forscher der TU München am Mittwoch mit. Die Gehälter der Dax-Vorstände einschließlich der Konzernchefs stiegen den Angaben zufolge im vergangenen Jahr um 24 Prozent auf durchschnittlich 3,9 Millionen Euro. Die Beschäftigten in der BRD mussten sich hingegen im vergangenen Jahr mit Reallohnverlusten über die Runden retten.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (29. September 2022 um 12:18 Uhr)
    Seit nunmehr Jahrzehnten immer wieder die gleichen medialen Krokodilstränen ob der himmelschreienden krassen und ungebrochen weiter zunehmenden Ungleichheiten in diesem Lande; als ob sich durch wiederholte bloße kalte statistische Beschreibung dieses gravierenden Elends, empathielose stereotype Floskeln sowie vorgetäuschte Solidarität mit den Opfern auch nur das Geringste an diesem Dauerskandal ändern ließe. Am Ende eines nahezu jeden dieser Artikel dann der lauwarme, abgegriffenen Appell, den armen Bettlern draußen vor der Tür doch vielleicht ein paar Knochen mehr hinzuwerfen. Und jedwede Ursachenforschung erübrigt sich ja eh, da die Betroffenen in der Regel ja entweder ohnehin selbst Schuld sind an ihrem Elend oder ein anderer (außerhalb dieses Systems) sie in diese soziale Randlage gebracht hat (hier: Der vom humanistischen »Werte«-Westen für alles Böse in der Welt verantwortlich erklärte Menschenfresser und Freiheitsfeind Putin).

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers: