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Aus: Ausgabe vom 27.09.2022, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Öffentliche Daseinsvorsorge

»Früher konnte man sparen, heute bleibt nichts übrig«

Irland: Arbeitskampf im Gesundheitsbereich. Staat lehnt Verantwortung für Beschäftigte ab. Ein Gespräch mit Silke Kauther-Ginty
Interview: Dieter Reinisch
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Arbeitskampf von Krankenschwestern in Dublin (30.1.2019)

In Irland traten vergangene Woche Pflegehelfer und selbständige Gesundheitsarbeiter in den Streik, nachdem die Löhne seit 2008 nicht mehr erhöht worden sind. Die Gewerkschaften SIPTU, INMU und Forsá hatten den dreitägigen Arbeitskampf zunächst regional auf den Süden und Westen der Insel begrenzt. Warum sind Sie jetzt in den Ausstand getreten?

Die Angestellten des staatlichen Gesundheitssystems Health Service Executive bekommen wesentlich höhere Gehälter als wir. Wir sind sogenannte Section-39-Organisationen: Wir arbeiten für den Staat, sind aber nicht beim Staat angestellt. Derzeit beträgt der Lohnunterschied zwischen HSE-Angestellten und uns zehn Prozent. Diese Differenz wird immer größer, obwohl wir dieselbe Arbeit leisten. Das ist nicht gerecht. In Wahrheit werden unsere Organisationen zu 98 Prozent vom Staat finanziert, zwei Prozent kommen aus Spenden. Und wegen dieser zwei Prozent behauptet die Regierung, wir seien private Organisationen und gingen sie nichts an.

Wie ist die Situation der Section-39-Arbeiter?

Infolge der aktuellen Wirtschaftskrise sind die Lebenshaltungskosten und vor allem die Heizkosten stark erhöht. Früher konnte man vielleicht noch etwas sparen, aber heute bleibt nichts mehr übrig. Wir bei Western Care arbeiten im ländlichen Raum, da brauchen wir unsere Autos. Der Benzinpreis ist sehr hoch, und viele sagen: Wenn das nicht besser wird, dann brauch’ ich gar nicht mehr arbeiten, weil ich mir das Arbeiten gar nicht mehr leisten kann.

Gibt es für Sie Vergütungen für Fahrtkosten, Benzin oder Auto?

Nein, wir bekommen gar nichts. Nur einen kleinen Betrag erhalten wir, wenn man das eigene Auto für die Arbeit verwendet. Ansonsten muss man alles selbst bezahlen.

Sie haben an den Streiks vergangene Woche teilgenommen. Wie war die Stimmung bei den Protesten?

Es war eine super Atmosphäre. Auch die, die arbeiten mussten, sind gekommen. Dazu muss man wissen, dass wir auch während des Streiks einen Notbetrieb aufrechterhalten müssen, um uns um unsere Klienten zu kümmern. Wir können die Menschen nicht einfach im Stich lassen. Daher haben wir gesagt, dass die, die arbeiten müssen, nicht zu den Kundgebungen kommen. Aber es waren alle da, haben Plakate gehalten, sind stundenlang lautstark auf der Straße gewesen und haben die Menschen auf unsere Situation aufmerksam gemacht. Leider haben sich kaum Politiker blicken lassen. Mit ihnen hätten wir gerne ein paar Gespräche geführt.

In der vergangenen Woche hat der zuständige Minister Eamon Ryan im Parlament gesagt, der Staat habe mit Ihnen und Ihren Kollegen nichts zu tun. Was entgegen Sie Regierungsvertretern wie diesem Grünen-Politiker?

Wir arbeiten hauptsächlich mit geistig und körperlich behinderten Menschen zusammen, und die brauchen uns. Die Politiker sitzen in Dublin und haben noch nie mit uns oder unseren Klienten zu tun gehabt, waschen ihre Hände in Unschuld und schieben die Sache an jemanden anderen weiter. Das ist sehr traurig. Wir kämpfen ja nicht nur für uns und bessere Löhne. Wir kämpfen auch für unsere Klienten und dafür, dass sie eine gute Versorgung bekommen.

Wenn die Regierung sagt, sie sei nicht zuständig: Gibt es derzeit Gespräche der Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften haben versucht, mit der Regierung zu sprechen. Doch die wiegelt ab und behauptet, sie sei nicht zuständig.

Wie wird es weitergehen, wenn sich die Gegenseite nicht bewegt?

In den nächsten Wochen wird in weiteren Teilen Irlands gestreikt. Ich habe meiner Gewerkschaft gesagt: Wenn es so weitergeht, dann müssen wir alle zeitgleich unsere Arbeit niederlegen. Ich will das eigentlich nicht unseren Klienten und ihren Familien zumuten, dass es noch einen Tag gibt, an dem niemand sich um sie kümmert. Aber es muss etwas passieren, und wir müssen die Regierung aufrütteln.

Silke Kauther-Ginty ist SIPTU-Betriebsrätin bei der Western Care Association in Ballina. Die gebürtige Berlinerin lebt seit 23 Jahren in Irland und arbeitet dort als Betreuerin im Sozialbereich.

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