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Aus: Ausgabe vom 26.09.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Antifaschistischer Widerstand

Jude und »unbelehrbarer Kommunist«

Ein hervorragender Band über den Widerstandskämpfer Karl Neuhof
Von Holger Czitrich-Stahl
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Gedenkstätte für die Opfer des ehemaligen KZ Sachsenhausen

In der direkt an den Reinickendorfer Ortsteil Hermsdorf im Berliner Norden angrenzenden Gemeinde Glienicke/Nordbahn findet jährlich am 15. November eine kleine Gedenkfeier statt, die den jüdisch-kommunistischen Widerstandskämpfer Karl Neuhof an seinem Gedenkstein ehrt. Sein hochbetagter Sohn Peter Neuhof, 1925 in Berlin geboren, nimmt stets daran teil. Der Vater, 1891 im hessischen Friedberg geboren, wollte Lehrer werden, wurde aber im Ersten Weltkrieg zweimal schwer verwundet. Neuhof kehrte als Antimilitarist und Sozialist heim. Er wurde 1926 Mitglied der KPD im bürgerlichen Berlin-Frohnau. Am 9. April 1932 war er Zeuge, als sein Genosse Gerhard Weiß beim Plakatieren von einem SA-Mann erschossen wurde.

Peter Neuhof zeichnet in seinem Vorwort ein Bild der Umstände, unter denen Juden und Nazigegner ab 1933 leben mussten, von der Eskalation des Terrors, aber auch von der Solidarität der Unterdrückten. Als die Eltern 1942/43 den ehemaligen hessischen KPD-Landtagsabgeordneten Wilhelm Beuttel, der zum Neuaufbau einer Inlandsleitung der KPD nach Berlin gekommen war, bei sich versteckten, wurden sie verhaftet. Karl Neuhof wurde im November 1943 im KZ Sachsenhausen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erschossen. Gertrud Neuhof wurde auf dem Todesmarsch aus dem KZ Ravensbrück im April 1945 von Rotarmisten befreit. 16 Familienangehörige der Neuhofs verloren ihr Leben.

Bernward Dörner zeichnet die Stationen des Lebens von Karl Neuhof nach und kontextualisiert die Ereignisse. Er weist darauf hin, wie hochgefährdet Neuhofs Leben nach seiner Festnahme am 10. Februar 1943 war – als Jude und als »unbelehrbarer Kommunist« zugleich. Sich dieser düsteren Perspektive voll bewusst und dennoch die Hoffnung bewahrend, begann Karl Neuhof, das Erlebte schriftlich festzuhalten. Seine Gedanken galten vor allem seiner Frau Gertrud und seinem Sohn Peter, aber auch einem Wiederaufbau Deutschlands nach der Befreiung vom Faschismus. Ihm war es nicht vergönnt, diesen zu erleben.

Seine Aufzeichnungen beginnen am 7. April 1943, also knapp zwei Monate nach der Verhaftung. Ausführlich beschreibt er die Haftumstände im Untersuchungsgefängnis Moabit in der Lehrter Straße, den Tagesablauf, seine Zelle, seine Ernährung, den Leidensweg seiner Mitgefangenen. Aber auch seine Hoffnung, seine Frau wiederzusehen und mit ihr alt zu werden. Sein Sohn »Pit« sollte die Sorgen um seine Eltern loswerden. Er las viel, soweit es Haftbedingungen und Gesundheitszustand zuließen. Er exzerpierte und kommentierte das Gelesene, besonders Goethe, aber auch Literatur über die großen Entdecker seit Marco Polo, und adressierte alles an die Familie, an Peter vor allem. Jene Passage mit dem Satz: »Ich kämpfe gegen alles, was mich niederdrücken will«, der dem Buch den Titel gab, schrieb er am 3. September in sein Tagebuch.

Am 5. Oktober 1943 endeten Neuhofs Aufzeichnungen; sein Gesundheitszustand hatte sich dramatisch verschlechtert, er war extrem unterernährt. Der letzte Lebensmonat ist nicht mehr rekonstruierbar. Nach Sachsenhausen wurde er wohl erst unmittelbar vor seiner Ermordung verbracht.

Danach folgt in dem Band der Briefwechsel der Familie, sowohl von Karl als auch von Gertrud und Peter ausgehend und andere Familienmitglieder einbeziehend. Abschließend lesen wir aus dem Tagebuch Peter Neuhofs. Am 18. November, wenige Tage nach der ihm und der Mutter noch nicht bekannten Ermordung des Vaters, schrieb er: »Mein Papa hat einen fabelhaften Schreibstil, man erlebt alles so wirklichkeitsnah, wenn ich seine Erlebnisse, die nun schon viele Monate zurückliegen, nachlese. Man merkt, dass diese Zeilen von einem geistreichen und wohl denkenden Menschen geschrieben sind.« Der Rezensent hat Peter Neuhof als einen geistreichen und wohl denkenden Menschen kennengelernt. Dieses Buch ist hervorragend gelungen.

Peter Neuhof, Bernward Dörner (Hrsg.): »Ich kämpfe gegen alles, was mich niederdrücken will«. Das Tagebuch des jüdisch-kommunistischen Widerstandskämpfers Karl Neuhof und der Briefwechsel seiner Familie. Metropol, Berlin 2022, 336 Seiten, 24 Euro

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