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Aus: Ausgabe vom 26.09.2022, Seite 8 / Inland
Klimagerechte Mobilität

»Die Verkehrswende werden wir von unten erkämpfen«

Antikapitalistisches Klimacamp in Stuttgart. Suche nach kollektiven Lösungen. Ein Gespräch mit Nisha Toussaint-Teachout
Interview: Gitta Düperthal
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Mobilitätswende gegen die Konzerne durchsetzen: Aktionsbündnis Kesselbambule

In der vergangenen Woche fand im Stuttgarter Stadtgarten ein Klimacamp des Aktionsbündnisses »Kesselbambule« statt. Parallel dazu veranstaltete Stuttgart wie bundesweit insgesamt 144 Städte, Gemeinden und Landkreise die Europäische Mobilitätswoche, EMW. Das Thema ist das gleiche, die Ziele dürften sich wohl unterscheiden, oder?

Für unsere Klimawoche unter dem Motto »Klimagerechte Mobilität für alle« hatten wir bewusst diesen Zeitpunkt gewählt, um die zugleich stattfindende EMW zu kritisieren und zu entlarven. Die Stadt Stuttgart gibt keine Antworten für eine Verkehrswende, hat sich aber für diese Woche fortschrittliche Projekte eingeladen, um diesen Anschein zu erwecken. So gab es etwa am Dienstag eine Aktion »sicherer Schulweg«. Tolle Idee, einmal im Jahr sicher zur Schule zu kommen! Aus unserer Sicht sollten alle immer und zu jeder Zeit sicher an ihren Zielort gelangen können. In dieser Woche sollte nur »Greenwashing« oder auch »Democracywashing« stattfinden und der Schein erweckt werden, als werde alles für die Umwelt getan, und jeder könne demokratisch dabei mitwirken. Tatsächlich machen in Stuttgart Automobilkonzerne wie zum Beispiel Daimler und Porsche politisch Einfluss geltend.

Wie kann die Macht dieser Konzerne gebrochen werden?

Wir haben mit mehreren hundert Aktiven im Klimacamp diskutiert, welche radikalen Veränderungen angegangen werden müssen. Es gilt zunächst, die Konzerne zu enteignen, damit sich nicht mehr alles nur um deren Profitinteressen dreht, sondern das Allgemeinwohl im Mittelpunkt steht. Wir haben auch diskutiert, wie ein anderer Städtebau stattfinden kann und wie wir uns anders in Räumen bewegen können, wobei es auch um bedarfsgerechte Arbeitsplätze geht. Und beim Thema Mobilität denken wir auch daran, dass diese für viele Menschen an den europäischen Außengrenzen unterbunden wird. Daher haben wir gemeinsam mit Geflüchteten Aktionen gemacht.

Dass sich manche Menschen inzwischen eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen können, dürfe nicht Normalität bleiben, hieß es in Ihrer Erklärung. Was meinen Sie damit?

Gerade mit den steigenden Energiekosten wird die Vereinzelung der Menschen sichtbar. Es stellen sich Fragen wie: »Wie kann ich meine Rechnung zahlen, wie kann ich über die Runden kommen?« Es wird zuwenig nach kollektiven Lösungen gesucht. Systemimmanent ist, dass die Vorstellungskraft des gemeinschaftlichen Handelns in der Krise des Kapitalismus verlorengeht. Eigentumsverhältnisse, die sich aktuell zum Nachteil der Ärmeren verschlechtern, nimmt man als gegeben hin.

Kann Elektromobilität eine Lösung sein?

Der Umstieg auf E-Mobilität ist ein Mythos. Damit werden zu viele Ressourcen verbraucht, die massenhaft benötigten Akkus wären kaum klimaschonender. Mobilität muss klimagerecht sein und darf nicht zum Luxus für wenige verkommen. Nicht jeder kann sich einen E-SUV leisten; in der Stadt nimmt er zuviel Platz weg. In Stuttgart wurde das Automobil erfunden, hier muss es in der Form begraben werden. Der Zwang zum kapitalistischen Wachstum ist der falsche Weg. Für die Mobilitätswende brauchen wir mehr und besseren Schienenverkehr. »Stuttgart 21« ist dagegen der Bau eines teuren Projektes, an dessen Ende ein leistungsschwacher Bahnhof steht.

Sie erheben explizit antikapitalistische Forderungen. Haben Sie etwa Hoffnung, dass die Ampelregierung diese aufgreifen könnte?

Freilich muss der Autobahnbau bundesweit gestoppt werden, weiterhin muss das Neun-Euro-Ticket erkämpft werden. Unser Camp zielt aber nicht darauf ab, konkrete Forderungen zu stellen – weder an die Ampelregierung noch an die Landesregierung Baden-Württembergs oder an die Stadt Stuttgart. Ziel ist, uns zu organisieren und besser zu vernetzen. Es wird eine Hinwendung zum kollektiven Leben und eine Abkehr von der kapitalistischen Produktionsweise geben müssen. Die klimagerechte Verkehrswende werden wir von unten erkämpfen.

Nisha Toussaint-Teachout ist Sprecherin des Aktionsbündnisses »Kesselbambule«

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