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Aus: Ausgabe vom 24.09.2022, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Arbeiterbewegung

Kampf um den Überbau

Vor 100 Jahren schickten die Bolschewiki einige hundert Intellektuelle auf »Philosophendampfern« in die Emigration
Von Reinhard Lauterbach
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Schiff ahoi. Auf dem Fahrgastschiff »Oberbürgermeister Haken« wurden im September 1922 unliebsame Intellektuelle aus Sowjetrussland ausgeschafft

Dass der Übergang zur »Neuen Ökonomischen Politik« (NÖP) in Sowjetrussland im Jahre 1921 eine politisch-strategische Gratwanderung war, war allen Beteiligten klar. Lenin verwandte viel argumentative Energie darauf, den Schwenk als alternativlos darzustellen, denn der Kapitalismus sei zwar »gegenüber dem Sozialismus ein Übel«, gegenüber dem in Russland am Ausgang des Bürgerkriegs herrschenden Grad an Zerstörung oder »Mittelalter der bäuerlichen Kleinproduktion« hingegen ein »Segen«. Zweifel blieben. Zog man da nicht, fragten sich viele unter den Bolschewiki, den gerade erst militärisch besiegten Klassengegner am eigenen Busen wieder groß? Auch Lenin war sich da offenbar nicht so sicher. Sein Schlusswort in der Schrift »Über die Naturalsteuer«, in der er die Wende zur NÖP begründete, hatte Züge von Autosuggestion: »Schwankende gibt es viele. Wir sind wenige. Die Schwankenden sind uneinig. Wir sind einig. (…) Die Schwankenden wissen nicht, was sie wollen. (…) Wir dagegen wissen, was wir wollen.«

Ein Jahr später, in seinem Bericht für den 11. Parteitag im März/April 1922, gab Lenin zu, dass »Wollen« nicht ausreiche. Bei seinem letzten großen öffentlichen Auftritt zog er eine ernüchterte Bilanz: »Das Steuer entgleitet den Händen, scheinbar sitzt ein Mensch da, der den Wagen lenkt, aber der Wagen fährt nicht dorthin, wohin er ihn lenkt, sondern dorthin, wohin ein anderer ihn lenkt (…). Spekulanten oder Privatkapitalisten oder die einen und die anderen zugleich – jedenfalls fährt der Wagen nicht ganz so und sehr häufig ganz und gar nicht so, wie es derjenige, der am Steuer dieses Wagens sitzt, sich einbildet.«

Gekränkte Kader

Durch alle Schriften Lenins aus den Jahren der NÖP zieht sich ein Mantra: Die Bolschewiki könnten das wirtschaftliche Experiment riskieren, weil sie die politische Herrschaft fest in den Händen hielten. Aber war das wirklich der Fall? Lenin hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass unter den komplexer werdenden wirtschaftlichen Bedingungen die Kommunisten »nicht mehr alles selbst machen«, sondern delegieren und von bürgerlichen Fachleuten lernen müssten.

Damit stellte sich zwangsläufig die Frage, wie vertrauenswürdig diese »klassenmäßig fremden Elemente« eigentlich seien. In diesem Zusammenhang geriet die im Lande gebliebene alte Intelligenz unter Generalverdacht. Kaum war die NÖP ausgerufen, bildete die Geheimpolizei GPU eine Untereinheit, das »Mitwirkungsbüro«. Es sollte insbesondere die Hochschulen auf illoyale Spezialisten durchleuchten und entsprechende Namenslisten erstellen. Die Bolschewiki wussten, dass die Intelligenz, abgesehen davon, dass sie den »ehemaligen Klassen« entstammte, auch aufgrund ihrer Lebensbedingungen Anlass zur Unzufriedenheit hatte. Eine Analyse der GPU für das Politbüro fasste zusammen: »Die Gründe (…) liegen wesentlich in der ökonomischen und manchmal der juristischen Lage der Intelligenz: Arbeitslosigkeit, ständige Säuberungen des sowjetischen Apparats, Säuberungen an den Hochschulen, die Wohnungsfrage und die Wohnungspolitik in den Städten, der Entzug des Wahlrechts und des Anrechts auf Genossenschaftswohnungen (…), die äußerst niedrige Bezahlung der Arbeit des qualifiziertesten Teils der Intelligenz, der Professorenschaft (…). All dies schafft unter der Intelligenz Kader, die mit der Sowjetmacht unzufrieden sind und sich von ihr gekränkt fühlen«. Aus Petrograd wurde gemeldet, dass von der Partei und dem kommunistischen Jugendverband Komsomol delegierte Studienbewerber reihenweise durch die Aufnahmeprüfungen gefallen seien, die GPU interpretierte das als Sabotageversuch der Hochschullehrer.

Nur Fassade?

Die Partei war sich also der Köpfe nicht sicher, obwohl sie die ­andererseits dringend brauchte. Schon vor 1922 sollen nach einigen Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Angehörige von Bourgeoisie und Intelligenz das Land verlassen haben. Gleichzeitig trat eine andere Entwicklung ein, die Lenin ebenfalls Sorgen machte: In der Emigration setzte sich mit dem Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg eine Tendenz durch, dem Sowjetstaat immerhin den Wiederaufbau Russlands zugutezuhalten und ihn insoweit zu akzeptieren. Da war also ein Feindbild in Gefahr. Publizisten der in Prag erscheinenden Exilzeitschrift Smena Wech (Wechsel der Wegzeichen) propagierten eine frühe Form der Konvergenztheorie: Sowjetrussland werde sich im Zeichen der NÖP über kurz oder lang zu einem »normalen« bürgerlichen Staat entwickeln, der Sozialismus werde zur Fassade absinken. Historisch gesehen, waren das prophetische Worte, und Lenin hielt diese Tendenz für immerhin so gefährlich, dass er in seinem Referat für den 11. Parteitag relativ ausführlich darüber sprach.

Suspekte Intellektuelle

Die Lage erschien den Bolschewiki potentiell explosiv. Einerseits hatten sie aus Not den Kapitalismus teilweise restauriert und bangten nun um die politische Kontrolle – nicht ohne Grund hatte derselbe 10. Parteitag, der 1921 die Wende zur NÖP beschlossen hatte, auch das Fraktionsverbot erlassen. Andererseits gab es eine Emigration, die nur darauf wartete, die Bolschewiki um die Früchte ihrer Revolution zu bringen, und die verbliebenen Fachleute hatten das Potential, Kader dieser politischen Restauration zu werden.

So begann die GPU ab Mai 1922, Listen suspekter Intellektueller zu erstellen. Lenin hielt die Sache für wichtig genug, um noch im Juli von seinem Krankenbett aus in einer Notiz an das Zentralkomitee der Sache Nachdruck zu verleihen: »Ich finde, man muss sie alle ausweisen. Sie sind gefährlicher als jeder Sozialrevolutionär, weil sie so geschickt sind.«

Die »Organe« gingen an die Arbeit. Bis zum August waren Verhaftungslisten von etwa 200 Professoren erstellt, denen man ein »nicht ablehnbares Angebot« machte: freiwillige Ausreise statt Gefängnis. Wenn etwa der Philosophieprofessor Nikolai Losski in seiner Vernehmung erklärte, er halte die Sowjetmacht für »eine originale russische Staatsmacht und besser als die Anarchie, so dass ich mich verpflichtet fühle, ihr gegenüber ein loyaler und gesetzestreuer Bürger zu sein«, so reichte das den Bolschewiki nicht mehr aus. Leute, die man tatsächlich gebrauchen konnte, etwa Ärzte, wurden nicht ausgewiesen, sondern zur Seuchenbekämpfung nach Mittelasien geschickt. Aber idealistische Philosophen und Literaturkritiker? Sie wurden zwischen Ende September und November 1922 auf mehreren »Philosophendampfern« von Petrograd nach Stettin und von Odessa nach Istanbul in Marsch gesetzt. Leo Trotzki soll die Aktion mit den Worten kommentiert haben: »Wir hatten keinen Grund, sie zu erschießen, aber im Lande ertragen konnten wir sie auch nicht mehr.«

»Langzeitige Säuberung Russlands« (Lenin)

»Philosophenschiff« ist die Sammelbezeichnung für mindestens fünf Schiffe, mit denen im Jahr 1922 unliebsame Personen aus Sowjetrussland ins Ausland abgeschoben wurden. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Fahrten des deutschen Passagierschiffs »Oberbürgermeister Haken« am 29./30. September 1922 und des Trajektschiffs »Preußen« am 16./17. November 1922, die 224 Menschen aus Petrograd nach Stettin brachten. Zu den zwangsexilierten Intellektuellen gehörten unter anderem:

Nikolai Berdjajew (1874–1948): Religionsphilosoph, der sich vom Marxismus ab- und dem Neukantianismus zuwandte.

Sergej Bulgakow (1871–1944): Ökonom und orthodoxer Theologe.

Iwan Iljin (1883–1954): Philosoph, Anhänger der Weißen Armee, konservativer Monarchist. Gilt mit seinen reaktionären gesellschaftspolitischen Thesen als Putins »Lieblingsphilosoph«.

Alexander Kiesewetter (1866–1933): Historiker und Mitbegründer der liberalen Konstitutionellen-Demokratischen Partei (Kadetten).

Michail Ossorgin (1878–1942): Schriftsteller und Journalist. Anhänger der Partei der Sozialrevolutionäre, aktiver Gegner der Bolschewiki.

Pitirim Sorokin (1889–1968): Soziologe, führender Funktionär der Sozialrevolutionären Partei und Mitglied der Kreneski-Regierung nach der Februarrevolution.

Simon L. Frank (1877–1950): idealistischer, antimarxistischer Philosoph im Umfeld von Personalismus und Lebensphilosophie.

Fedor Stepun (1884–1965): Orthodox-christlicher Soziologe und Philosoph. Gab vor dem Ersten Weltkrieg mit Max Weber und Georg Simmel eine gemeinsame Zeitschrift heraus und betätigte sich in der Regierung Kerenski. (jW)

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