75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 5. Dezember 2022, Nr. 283
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 6 / Ausland
Gewalt ohne Konsequenzen

Keine Gerechtigkeit für Palästinenser

Besetzte Westbank: Radikale Siedler attackieren Schäfer. Verletztes Opfer wird festgenommen
Von Jakob Reimann
imago0169397108h.jpg
In der Unterzahl: Demonstration gegen israelische Siedlungen in Masafer Yatta (17.9.2022)

Der Angriff ereignete sich in der palästinensischen Gemeinschaft Masafer Yatta im Süden des illegal von Israel besetzten Westjordanlands. Das Opfer, der palästinensische Menschenrechtsaktivist Hafez Huraini, ist nun am Donnerstag nach zehn Tagen aus der Haft entlassen worden. Er war in der Woche zuvor von Soldaten festgenommen worden, nachdem ihm schwerbewaffnete, maskierte israelische Siedler beide Arme gebrochen hatten. Als Auflage muss Huraini 10.000 Schekel (rund 2.940 Euro) zahlen und darf 30 Tage sein Land im Dorf Al-Tuwani nicht betreten, auf dem der Angriff auf ihn stattgefunden hatte. Das teilte Hurainis Sohn Mohammed am Mittwoch abend über Twitter mit.

Am Montag vergangener Woche hatten fünf mit Metallstangen, Handfeuerwaffen und einem »M16«-Sturmgewehr bewaffnete israelische Siedler den 52jährigen Schäfer und seinen Sohn Mohammed angegriffen, wie dieser am Freitag im US-Onlinemagazin Mondoweiss schrieb. Demnach hätten die Siedler seinen Vater mit Stangen attackiert und zunächst seinen linken Arm gebrochen. Nachdem er zu Boden gegangen war, brachen sie ihm den anderen Arm. Ein vom Journalisten Yuval Abraham auf Twitter veröffentlichtes Video zeigt den Angriff und den sich mit einer Schaufel auf seinem Privatgrundstück selbst verteidigenden Huraini, während die Schläge, die sowohl zu seinen Verletzungen als auch denen eines der Siedler führten, außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera lagen.

Mehrere Dorfbewohner eilten zu Hilfe. Kurze Zeit später trafen auch Dutzende israelische Soldaten ein, die ebenfalls anfingen, auf die anwesenden Palästinenser einzuschlagen und sie zurückzudrängen, wie Mohammed Huraini auf Mondoweiss berichtete. »Dann begannen die Soldaten, Tränengas und Schallbomben auf uns und die Häuser in Al-Tuwani zu schießen«. Die eintreffenden Rettungskräfte des Palästinensischen Roten Halbmonds wurden von Soldaten und Siedlern zunächst daran gehindert, Erste Hilfe zu leisten. Nachdem sein Vater schließlich in den Krankenwagen verlegt worden war, zerstochen Siedler dessen Reifen, so Mohammed. Er veröffentlichte ein Foto, das den Krankenwagen mit zwei platten Reifen zeigen soll. Unter Begleitung israelischer Soldaten wurde Huraini ins Krankenhaus Beerscheba gefahren, wo er nach seiner Behandlung wegen des Verdachts auf versuchten Mord festgenommen wurde, wie die dazu vorgebrachte Anschuldigung lautete.

In der Nacht nach dem Angriff überfiel israelisches Militär das Dorf, riegelte die Zugänge ab, schoss wahllos Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse in Wohnhäuser und nahm mehrere Palästinenser fest, wie unter anderem das 972 Magazine berichtete. Kinder mussten wegen des Tränengases vom Roten Halbmond behandelt werden. In der Nacht darauf kam es zu einem weiteren Überfall.

Nachdem Anfang Mai das israelische Oberste Gericht nach einem 20jährigen Rechtsstreit final den Weg zur ethnischen Säuberung der Gemeinde Masafer Yatta geebnet hat, werden die mehr als 1.000 Einwohner, denen die Vertreibung droht, zunehmend von israelischem Militär drangsaliert, angegriffen, ihre Autos werden konfisziert, und ihnen wird der Zugang zu ihren Häusern und ihrem Ackerland untersagt. »Es ist ein täglicher Alptraum«, titelte die israelische Tageszeitung Haaretz am Mittwoch. Auch Angriffe von israelischen Siedlern nahmen in Masafer Yatta zu, was einem allgemeinen Trend der Siedlerradikalisierung folgt. Seit 2020 hat die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem 761 Fälle von Siedlergewalt gegen Palästinenser dokumentiert. Laut Zahlen der UNO ereigneten sich im ersten Halbjahr 2021 mehr Fälle als im gesamten Vorjahr. »Der Staat unterstützt und fördert diese Gewaltakte in vollem Umfang, und seine Vertreter sind manchmal direkt daran beteiligt«, schrieb B’Tselem in einer Untersuchung vom November 2021. »Die Gewalt der Siedler ist somit eine Form der Regierungspolitik, die von den offiziellen staatlichen Behörden mit ihrer aktiven Beteiligung unterstützt und gefördert wird«, heißt es im Bericht weiter. Für Mohammed Huraini, der diese Gewalt gegenüber seinem Vater miterleben musste, ist »dies eine klare Abbildung des Apartheidsystems, unter dem wir leben«.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Wandgemälde für Schirin Abu Akle in Gaza-Stadt, Mai 2022
    15.09.2022

    Mord an Abu Akleh bleibt straffrei

    Abschlussbericht der israelischen Armee zur Erschießung der Journalistin: »Tragisches Versehen«, niemand trägt Verantwortung
  • Tech-Arbeiter protestieren gegen die Unterstützung von Google, F...
    12.09.2022

    Widerstand an Basis

    Deal mit Israel: Tech-Beschäftigte protestieren gegen »Mitschuld« an Verletzung palästinensischer Menschenrechte

Mehr aus: Ausland

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk