Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 27. September 2022, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 4 / Inland
Atomkraft? Nein danke

Sicherheit zweitrangig

Unionsfraktion will AKW-Laufzeitverlängerung bis 2025. Atomkraftgegner sehen Neckarwestheim an »Gefahrengrenze«, fordern Stillegung
Von Marc Bebenroth
4.jpg
Block 2 des AKW Neckarwestheim in Baden-Württemberg (27.7.2022)

In der Debatte um eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke hat die Union ihre Karten auf den Tisch gelegt. Am Donnerstag debattierte der Bundestag einen Gesetzentwurf der CDU/CSU-Fraktion. Diese fordert darin den bis zum 31. Dezember 2024 verlängerten Betrieb der Anlagen Emsland (Niedersachsen), Isar 2 (Bayern) und Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg). Der Entwurf sieht zudem vor, die bereits seit 2009 nicht mehr erfolgten periodischen Sicherheitsüberprüfungen zunächst weiter auszusetzen. Die Unternehmen sollen »die Ergebnisse der erneuten Sicherheitsüberprüfung und Bewertung« spätestens bis 31. Dezember 2023 vorgelegt haben.

CDU/CSU führen den Klimaschutz und die hohen Strompreise für Endverbraucher ins Feld. Die Stromerzeugung durch Atomkraft spare CO2-Emissionen und »dämpfe« wegen »hoher Einsatzzeiten« die Preise auf dem Strommarkt. Die seien derzeit zu hoch, wusste Jens Spahn (CDU). Er sprach von einem »massiven Stromproblem« und wiederholte die Standardlösung der Union: das Angebot mit jeder Form der Stromproduktion ausweiten.

Von den Ampelparteien positionierte sich lediglich die FDP in Person der Abgeordneten Judith Skudelny klar für eine Laufzeitverlängerung, sofern Nachrüstmaßnahmen und Investitionen in die Anlagen erfolgten, um die Sicherheit zu gewährleisten. »Wenn wir das sicherstellen können, warum nutzen wir sie dann nicht auch?« Sie habe den Gesetzentwurf der Union »wohlwollend aufgenommen«. Einen anderen Ton schlug die auch für nukleare Sicherheit zuständige Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) an. Lemke betonte, die Nutzung der Atomkraft sei »risikoreich«, sie sei »teuer und produziert hochgiftige Hinterlassenschaften«. Es werde »keinen Wiedereinstieg geben«, versicherte die Ministerin. Ziel der Ampelkoalition sei es, die Nutzung der erneuerbaren Energieträger »radikal« auszubauen sowie Energieeffizienz und Einsparungen voranzutreiben. Dennoch müsse man für den bevorstehenden Winter auf alle Energieformen zurückgreifen.

Der Bundestag überwies den Gesetzentwurf an den Ausschuss für nukleare Sicherheit. Parallel zur Debatte informierte die Antiatomorganisation »Ausgestrahlt« über den aus ihrer Sicht zentralen Aspekt: die Sicherheit der noch laufenden Meiler. »Alle tun so, als sei oberste Sicherheit ohnehin gesetzt«, kritisierte Matthias Weyland. Mit Blick auf die bestehende »Rissproblematik« in Neckarwestheim allein, aber auch in Isar 2, sei die aktuelle Diskussion »so sachfremd wie selten«.

Die Organisation und von ihr eingeladene Fachleute setzten am Donnerstag den Fokus auf Risse in vergleichsweise dünnen Rohren in den Dampferzeugern. Die Korrosionsschäden treten in Leitungen auf, die das vom Reaktor aufgeheizte Wasser transportieren und die Wärme zur Dampferzeugung an einen zweiten Wasserkreislauf abgeben. Wie »Ausgestrahlt«-Experte Armin Simon erklärte, komme es bereits dann zu einem Störfall, sollte auch nur eines der zahlreichen dünnwandigen Rohre zerreißen. Dabei können große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt werden, führte Ministerialdirigent a. D. Dieter Majer aus. Er war 37 Jahre lang zuständiger Leiter für die Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen auf Landes- und Bundesebene. In Kombination mit klemmenden Steuerstäben könne ein Riss schlimmstenfalls zu einer Kernschmelze führen.

Wegen der zahlreichen Korrosionsrisse in den Dampferzeugern laufe Neckarwestheim bereits heute »an der Gefahrengrenze«, sagte Fachanwalt Ulrich Wollenteit. Der Weiterbetrieb sei zu untersagen. Der Jurist will das mit einer Klage gerichtlich erzwingen lassen. Einem Reservebetrieb erteilte Majer eine klare Absage. Das Hochfahren eines Kernreaktors in einer Stromnotsituation »ist aus sicherheitstechnischen Gründen abzulehnen«.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche: