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Aus: Ausgabe vom 22.09.2022, Seite 8 / Ansichten

Auf Crashkurs

Russland und der Donbass
Von Reinhard Lauterbach
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Blufft nicht: Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Militärübung im Osten Russlands am 6. September (Wladiwostok)

Die Entscheidungen der letzten Tage – die Mobilisierung von 300.000 Reservisten in Russland und die Vorbereitung von Referenden über den Beitritt zur Russischen Föderation in den besetzten Gebieten und den »Volksrepubliken« – sind Folgen der russischen militärischen Niederlagen der letzten Wochen. Daran gibt es nichts zu deuteln, und auch wenn westliche Politiker dasselbe sagen, muss man nicht so tun, als wäre es nicht so. Besonders deutlich wird dieser Kontext bei den Drohungen Wladimir Putins, notfalls auch Atomwaffen einzusetzen. So etwas sagt man genau dann, wenn man merkt, dass man »konventionell« nicht mehr weiterkommt.

Besonders fatal wird das, wenn man wie Präsident Putin gleichzeitig die Schwelle für einen solchen Atomschlag heruntersetzt, indem man die eroberten Teile der Ukraine nach entsprechenden Referenden in den eigenen Staat aufnimmt und damit Angriffe auf sie zu Angriffen auf diesen macht. Dass das die Hitzköpfe in Kiew nicht beeindruckt, die sich dabei sehen, »die Russenfrage zu lösen«, ist klar. Putins Warnung war erkennbar an diejenigen gerichtet, in denen er sowieso die eigentlichen Drahtzieher sieht: die USA. Zwischen ihnen und der Sowjetunion war lange Jahre von einem »Gleichgewicht des Schreckens« die Rede. Putins Warnung, die Drohung mit einem Atomschlag sei »kein Bluff«, ist dabei genau Teil des Pokerspiels.

Wie die Beitrittsreferenden ausgehen werden, ist im Grunde egal. Es wird schon das »richtige« Ergebnis herauskommen. Allein die mehrtägige Dauer der Abstimmung gibt viele Möglichkeiten der Manipulation, ebenso die vorgesehene Option, auch in Russland selbst an den Abstimmungen teilzunehmen. Insbesondere in den Gebieten Cherson und Saporischschja ist der Rückhalt der Bevölkerung für die russische Herrschaft nach allem, was man weiß und erschließen kann, bisher bei weitem nicht so enthusiastisch wie im März 2014 auf der Krim oder bei den Unabhängigkeitsreferenden der beiden »Volksrepubliken« Donezk und Lugansk später im selben Jahr. Das Problem ist, dass Russland auf die Region Cherson schon deswegen kaum je wird verzichten wollen, weil über deren Gebiet die Wasserversorgung für die Krim erfolgt. Ohne diese wären große Teile der Halbinsel ein ödes Stück Trockensteppe. Damit manövriert sich Russland in eine Sackgasse, die kaum noch eine Kompromisslösung offen lässt. Das ist eine Hochrisikostrategie, die nur auf der Hoffnung beruht, die USA würden sich nicht trauen, die Sache auf die Spitze zu treiben. Und wenn doch, genau auf Grundlage der düsteren Absichten zur Zerschlagung Russlands, die ihnen Putin vorwirft?

In dieser Situation ist die chinesische Stellungnahme, die zu einer Verhandlungslösung aufruft, die »die Interessen beider Seiten berücksichtigt«, auch eine deutliche Distanzierung von russischen Maximalpositionen. Das »große historische Russland« oder die »historischen Länder Neurusslands« sind Chinas Sache nicht.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (24. September 2022 um 18:25 Uhr)
    Putins Worte, seine Atomkriegsdrohung sei »kein Bluff«, sollte man nicht als Pokerlüge abtun. Putins Worte werden im Westen allzu oft allzu sehr verdreht. Der deutsche sogenannte »Diplomat« Christoph Heusgen verstieg sich sogar zu der Behauptung, Putin mache, was er mache, nur deshalb, um mehr Aufmerksamkeit vom Westen zu erhalten, wörtlich: »Er will zeigen, dass Russland noch da ist« (https://www.fr.de/hintergrund/putin-verklaert-sogar-das-stalin-regime-91203405.html). Sollte das im Westen tatsächlich geglaubt worden sein? Sollte man tatsächlich der Ansicht gewesen sein, man könne soviel drohen, morden und aufrüsten, wie man will, und mit Putin dann mal ein bisschen zu plaudern würde ausreichen, einen Krieg zu verhindern? Dass die Referenden in der Südostukraine das von Russland gewünschte Ergebnis bringen werden, muss keineswegs auf Manipulation beruhen. Die Anhänger Kiews werden großteils Richtung Westen geflüchtet sein und somit nicht an der Abstimmung teilnehmen. Dass Kiew in letzten Tagen die vermehrte Rückkehr vieler Flüchtlinge (sogar inkl. wehrpflichtiger Männer) in die von Russland besetzten Gebiete zulässt (oder fördert?), könnte mit Kiewer Angst zusammenhängen, dass die Referenden ansonsten einen für Kiew ungünstigen Verlauf nehmen könnten. Putin verwies in seiner Rede zudem auf das brutale Vorgehen Kiews gegen vorgebliche Kollaborateure in Charkiw. Wer will denn zurück unter so eine Knute!? Das russische Interesse an der Region Cherson beschränkt sich indes nicht auf die Wasserversorgung der Krim. Das RND meldete, die von Russland besetzten 24 Prozent der Ukraine seien »für 80 Prozent der Wert­schöpfung des Landes verantwortlich« (https://www.rnd.de/politik/ukraine-selenskyj-will-mit-einer-million-soldaten-den-sueden-zurueckerobern-geht-das-6ML2UEWDC5DATOX7DJBCPDW6ZA.html). Diese Regionen zu behalten, treibt halt die Kosten für den Westen in die Höhe. Das sieht nach Tit-for-tat aus.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (22. September 2022 um 19:31 Uhr)
    Allen Diskutanten sei eine einzige Frage gestellt: Wie würde die Welt aussehen, wenn Russland den Krieg verlieren sollte, den die USA und die NATO die Ukraine führen lässt? Wem bei der Antwort nicht graut, mag ruhig weiter philosophieren.
  • Leserbrief von Bernd Jacoby aus Wiesbaden (22. September 2022 um 12:03 Uhr)
    Nüchterne, realistische Berichterstattung in der jungen Welt ist gut! Manchmal ist sie ernüchternd, manchmal auch deprimierend. Für Menschen, die politisch der Sowjetunion und historisch begründet auch dem nachfolgenden Russland nah waren oder sind, ist das zweifellos sehr schwer über die Jahre und Jahrzehnte. Die schwelende Glut in der Ukraine ist seit langem gelegt und die, die sie gelegt haben, sind augenscheinlich Könner ihres Fachs. In Dutzenden von Dokumenten haben sie ihre Absichten und auch ihr Vorgehen dargelegt. Jeder Laie findet dies im Internet und ohne zu ominösen Seiten greifen zu müssen. Die militärischen (Un-)Gleichgewichte zugunsten des Westens liegen in kruden Zahlen von SIPRI vor. Die Machtverhältnisse in Russland und in der Ukraine sind bekannt. Eine Arbeiterklasse als wirksames politisches Subjekt oder gar von einer Partei organisiertes Subjekt gibt es hier wie dort nicht, soweit es die bisherige Lage im Krieg betrifft und die Frage, ob so ein progressiver, friedlicher Ausweg gefunden werden kann. Es ist merkwürdig: Irgendwie ahnen es viele Beobachter und manche sagen es, dass da ein Stellvertreterkrieg stattfindet, wie Russland sagt, des kollektiven Westens gegen Russland. Das kann man nachvollziehen. Was haben aber die Menschen zu bieten, die das erkennen und demgemäß denken und handeln wollen? Die können doch nicht so reagieren, dass sie die russische Seite so einfach zu ihrem Helden und edlen Ritter und handelnden Stellvertreter zurechtschminken, der es schon richten wird! Die Beurteilung muss doch von der realen Lage ausgehen und daraus die Interessen und Fähigkeiten der Deutschen, Russen und Ukrainer, der Welt ableiten. Auch diese Einschätzung wird hochgradig ernüchternd ausfallen müssen, denn nicht nur hier im Lande ist die Lage fast noch kläglicher als in den Jahren nach 1945, was progressive Friedenskräfte und deren Bewusstsein betrifft. Deshalb sind nüchtern-reale Berichte und Einschätzungen gut und hilfreich!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (22. September 2022 um 09:42 Uhr)
    Ein gehässiger, manipulativer Artikel des fleißigsten Schreibers der jungen Welt. Der Autor weiß sogar, dass die Abstimmungen bei den Beitrittsreferenden manipuliert werden. Ein Russlandbild wie bei den Kriegshetzern in den bürgerlichen Medien. Die Faschisten in Kiew (»Russenfrage lösen«) sind dagegen lediglich »Hitzköpfe«.
    • Leserbrief von Wolfgang Schmetterer aus Graz (26. September 2022 um 13:59 Uhr)
      Danke für diesen Leserbrief zu Lauterbachs Kommentar! Ein, wie Sie treffend schreiben, »gehässiger, manipulativer« Beitrag, der mit seinen tendenziösen Unterstellungen und Spekulationen meiner Meinung nach besser in den gleichgeschalteten Mainstreammedien des so genannten Wertewestens aufgehoben wäre als in der jungen Welt. Die Faschisten als »Hitzköpfe« zu verharmlosen setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Soll das seriöser Journalismus sein?
  • Leserbrief von Ute Henke (22. September 2022 um 08:37 Uhr)
    Der einzige, der hier auf »Crashkurs« fährt, ist der geballte Westen. Dass in der jungen Welt einmal ein so verzerrender Artikel erscheint, hätte ich nicht für möglich gehalten. Russland ist für diese Eskalation nicht verantwortlich zu machen und wenn man eine Verantwortung übernimmt, nämlich die zum Schutz der eigenen Bürger, dann trägt man diese Verantwortung bis zur letzten Konsequenz. Dies tut Russland. Der geballte Westen hat mit seinen weitreichenden Waffenlieferungen für diese Eskalation gesorgt. Die Doktrin zum Atomwaffeneinsatz hat sich für Russland nicht geändert. Russland kämpft gegen die gesamte NATO und bekämpft den Faschismus! Herr Lauterbach schreibt immer von besetzten Gebieten, viele Menschen dort fühlen sich befreit. Davon gibt es zahlreiche Dokumentationen. Dass im Artikel gleichzeitig von möglichen Manipulationen seitens Russland bei den Referenden ausgegangen wird, ist das Niveau anderer bekannter Medien. Für so eine Darstellung lese ich nicht die junge Welt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan J. (21. September 2022 um 22:24 Uhr)
    Irgendwie scheint Herrn Lauterbach entgangen zu sein, dass Russland seit Jahren für Kompromisslösungen mit dem Westen bereit war. Nur Russland hat offensichtlich aus der Geschichte gelernt, dass der Weg des kleineren Übels in die Sackgasse bzw. zum Untergang führt.

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