Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Sa. / So., 1. / 2. October 2022, Nr. 229
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 17.09.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hitler war kein Zufall

Die BRD steht in der Kontinuität des deutschen Imperialismus. Überlegungen von Georg Lukács aus dem Jahr 1966 (Teil VI und Schluss)
3.jpg
Revolution in Preußen 1848: Truppen attackieren eine Menschenmenge in Berlin

Die eigentliche Frage, zu der unsere Betrachtung immer wieder zurückführt, ist: War die Hitlerzeit wirklich nur eine Episode, die isoliert liquidiert werden könnte?

Die vorangegangenen historischen Andeutungen zeigten bereits meine Meinung darüber. Jetzt möchte ich mich auf einen Schriftstellerzeugen berufen. Arnold Zweig hat in seinem Romanzyklus über den Ersten Weltkrieg eine enzyklopädisch vielseitige Beschreibung der deutschen Etappe gegeben. Man findet darin bereits Konzentrationslager für die Bevölkerung Litauens oder Belgiens, die man ruhig als würdige Vorläufer der Hitlerschen betrachten kann; man bekommt lebhafte Bilder darüber, wie Unterworfene und Verbündete in gleicher Weise die deutsche Herrenrasse verabscheuen; man sieht – und das soll vor allem ins Licht gerückt werden –, wie gerade solche Umstände aus subalternen kleinen Bürokraten skrupellose Mörder, feige Henker machen, und der in die deutsche Geschichte nicht Eingeweihte ist erstaunt, wie viele gemeinsame Züge mit den größeren und kleineren Eichmännern dabei offenbar werden. (…)

Natürlich sind alle diese Beispiele sogenannte Einzelfälle, und für jeden kann sich ein Historiker finden, der ihn pragmatisch-»wissenschaftlich« so detailliert erklärt, dass ihm dabei jede symptomatische Bedeutung abhanden kommt. Dagegen sind solche Betrachtungen wie die meinen wehrlos. Sie wenden sich ja auch gar nicht an die sich selbst bewusst Blindmachenden, sondern an jene, in denen wenigstens ein dumpfes Gefühl des Unbehagens gegenüber der Hitlerschen Vergangenheit Deutschlands arbeitet. Diese sollen zu einer historischen Einsicht erweckt werden, zur Einsicht, dass Hitler keine isolierte, zufällige Episode in der deutschen Geschichte nach 1848 gewesen ist, dass eine wirkliche und darum wirksame Abrechnung mit der Hitlerzeit, eine echte Bewältigung der deutschen Vergangenheit nur dann möglich ist, wenn man begriffen hat, dass zumindest die Alternativen von 1848 falsch beantwortet worden sind, dass Deutschland seither geistig – mal besser, mal schlimmer – in einer Periode der Konsequenzen, um den geistvollen Ausdruck Churchills zu gebrauchen, politisch-moralisch dahinvegetiert hat. Selbstredend ist es heute unmöglich, einfach auf 1848 zurückzugreifen, die damaligen Ziele heute unmittelbar und unverändert zu verwirklichen. In hundertzwanzig Jahren hat sich die ganze Welt gründlich geändert, und eine Kontinuität der Probleme und Aufgaben beinhaltet deshalb simultan Gleichheit und Verschiedenheit. Aber ohne den Irrweg als solchen erkannt zu haben, ohne zu sehen, worin seinsmäßig, vor allem politisch-moralisch die Überlegenheit ökonomisch-sozial sonst ähnlicher Völker besteht, werden die Deutschen weiter Hitler als bloße Episode ihrer Geschichte empfinden und werden eben darum nie wirklich über sie hinauskommen.

Von der offiziellen Politik ist heute wenig zu erwarten. Eine organisierte demokratische Linke gibt es nicht und wird es wahrscheinlich lange nicht geben. Die schon an sich höchst zaghaften Versuche der Sozialdemokratie, Alternativlösungen für bestimmte Momente von Deutschlands Weg aufzustellen, haben mit dem Godesberger Programm völlig aufgehört. Die heutige Sozialdemokratie stellt bloß die Alternative einer besseren CDU auf, das heißt einer Partei, die die Interessen des deutschen Gesamtkapitalismus vertritt und nicht so willfährig wie diese den Lobbytendenzen einzelner Gruppen Konzessionen macht. (…)

Auch hier soll an die Anfangsbetrachtungen erinnert werden: Es gibt keine unschuldige Weltanschauung. Hegel hat rein philosophisch gegen die aristokratische Erkenntnistheorie in der Schellingschen »intellektuellen Anschauung« Stellung genommen, und Goethe hat immer wieder betont: »Auch der geringste Mensch kann komplett sein.« Wer diese Gesinnung für veraltet hält und bei Nietzsche Weltanschauungsgrundlagen für das »Alles ist erlaubt« der Übermenschen – nochmals: auch der Hitler, Himmler, Goebbels, Göring – sucht und findet, wer jeden Widerstand der Massen dagegen »tiefenpsychologisch« als Ressentiment abtut, versperrt für sich und andere den Weg zur Überwindung des verfehlten Weges, den das deutsche Volk so lange einschlug. Diese Möglichkeit kann der Literatur (die Wissenschaft von Gesellschaft und und Geschichte, auch die Philosophie mit inbegriffen) gegenwärtig niemand versperren. Höchstens sie selbst, falls sie vor den großen Fragen ausweicht, um einen herabgeminderten, durch »Vertiefung« seicht gemachten Inhalt auf bloß absurde Schockwirkungen auszurichten; falls sie durch ein solches »Künstlerischbleiben« innerhalb des manipulierten Konformismus angesehen bleiben will. (…)

Georg Lukács: Über die Bewältigung der deutschen Vergangenheit (Vorwort zu Georg Lukács: Von Nietzsche zu Hitler oder der Irrationalismus in der deutschen Politik. Frankfurt am Main 1966). Hier zitiert nach dem Faksimile des Typoskripts im Internetarchiv der Ungarischen Akademie der Wissenschaften: real-ms.mtak.hu/21818

Teil I bis V dieses Textauszuges erschienen in den jW-Wochenendbeilagen seit dem 13./14. August

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

Mehr aus: Wochenendbeilage