75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 8. Dezember 2022, Nr. 286
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 14.09.2022, Seite 1 / Titel
Krisenregion Südkaukasus

Baku greift an

Aserbaidschan startet Offensive gegen Armenien und gibt »Sabotageversuche« als Vorwand an. Jerewan bittet Moskau um Unterstützung
Von Ina Sembdner
1.jpg
Aserbaidschanische Panzer an der Kontaktlinie in Latschin (1.9.2022)

Um kurz nach Mitternacht hat Aserbaidschan am Dienstag einen Großangriff auf Armenien gestartet – nicht auf das Territorium der international nicht anerkannten Republik Arzach (Bergkarabach), sondern auf militärische Stellungen nahe den Städten Goris, Sotk und Dschermuk. Dabei seien gemäß armenischen Angaben Artillerie und großkalibrige Waffen eingesetzt und mindestens 49 Soldaten getötet worden. »Der Feind versucht vorzustoßen«, erklärte das Verteidigungsministerium in Jerewan am Dienstag. Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan forderte in Telefonaten mit US-Außenminister Antony Blinken und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine »angemessene Reaktion der internationalen Gemeinschaft«. Baku erklärte, ein »großangelegter Sabotageversuch« habe die Kämpfe ausgelöst.

In der Nacht hatte Paschinjan zunächst mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert. Moskau war nach dem aserbaidschanischen Angriffskrieg im Herbst 2020 federführend bei der Aushandlung einer trilateralen Erklärung zur Beendigung der Feindseligkeiten. Seither sichern russische Friedenstruppen die damals umkämpfte armenische Exklave Bergkarabach. Am Dienstag morgen konnte die russische Regierung eine ab neun Uhr Moskauer Zeit geltende Feuerpause mit den beiden Konfliktparteien aushandeln. Man hoffe, dass diese »in vollem Umfang eingehalten« werde, hieß es laut Interfax in einer Erklärung des Außenministeriums. Man stehe mit beiden Seiten in Kontakt.

Die armenische Generalstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass Aserbaidschan den Angriff im voraus geplant habe, wie die Agentur Armenpress meldete. Gesammelte Informationen zeigten, dass Baku »über einen langen Zeitraum hinweg künstliche Gründe für seine Aggression geschaffen habe«. Desweiteren seien nicht nur militärische Stellungen getroffen worden, sondern auch Wohnhäuser und Infrastruktur, wobei mehrere Zivilisten verwundet worden seien.

Aserbaidschan wiederum gab seine Sicht der Dinge weiter und bekam dafür Rückendeckung von seinem Verbündeten Türkei. Ankara forderte Armenien auf, »seine Provokationen einzustellen«, Verteidigungsminister Hulusi Akar betonte laut Reuters, »dass die Türkei immer an der Seite des brüderlichen Aserbaidschan gestanden hat und ihm auch weiterhin in seinen gerechten Angelegenheiten beistehen wird«.

Macron rief im Gegenzug dazu auf, die territoriale Integrität Armeniens zu respektieren. Frankreich werde die Situation an den UN-Sicherheitsrat übermitteln, in dem es derzeit den Vorsitz führt, so die französische Ratspräsidentschaft in einer Erklärung. Auch Irans Präsident Ebrahim Raisi, dessen Land an Armenien und Aserbaidschan grenzt, warnte nach einem Telefonat mit Paschinjan vor einer weiteren Eskalation. Die Region könne keinen weiteren Krieg ertragen, zitierte ihn die staatliche Nachrichtenagentur IRNA.

Aus Berlin gab es keine Reaktion. »Das Schweigen der Bundesregierung zum Bruch des Waffenstillstands im Kaukasus ist skandalös und zeugt ein weiteres Mal von der Doppelmoral der Ampelkoalition«, so Sevim Dagdelen, Außenpolitikerin der Fraktion Die Linke. Es räche sich bitter, »dass der Autokrat Alijew gerade erst zum Energiepartner der EU verklärt wurde, um unabhängig von fossilen Brennstoffen aus Russland zu werden«. Die Lage in der Grenzregion blieb auch am Nachmittag »extrem angespannt«, wie das Verteidigungsministerium in Jerewan mitteilte.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (15. September 2022 um 09:25 Uhr)
    Aus Erfahrung kann man konstatieren: Dieser Konflikt hat sich nicht von selbst entwickelt. Wenn da nicht Bidens Terrororganisation fürs Grobe dahintersteckt, fresse ich einen Besen. Dasselbe gilt für die Meldung aus Georgien, wo sich kriegslüsterne Gestalten, angestachelt von den ukrainischen US-Marionetten, damit beschäftigen, eine zweite Front gegen Russland zu eröffnen. Das US-Imperium nutzt alle möglichen Krisenherde, um Russland anzugreifen, ohne selbst in den Ring zu steigen. Man kann nur hoffen, in Moskau behält man seine Südgrenze im Auge.
  • Leserbrief von Ronald Prang aus Berlin (13. September 2022 um 22:23 Uhr)
    Nun ist er da, der nächste Krieg an Europas Grenzen. Nun haben wir den nächsten Mosaikstein in der – von mir immer wieder beschriebenen – Endphase des Kapitalismus. Der »real existierende Sozialismus« ist im Kalten Krieg untergegangen, weil dessen Herrscher nicht mehr Herr der Lage waren. Warum das so war, darüber kann man trefflich streiten und muss man sogar. Aber sie sind einfach abgetreten, sie haben keinen Soldaten für sich geopfert, so egoistisch waren sie nicht. Das kann man von den heute agierenden Personen leider nicht sagen, und so »marschiert die Welt« mit schnellen Schritten in die nächste und endgültige Katastrophe. Wer hatte geglaubt, dass der Kapitalismus freiwillig und geräuchlos abtritt? Was wir leider alle vergessen ist, die Protagonisten sind auch die Herrscher über die größten Atomwaffenlager in der Geschichte der Menschheit. Ich weiß nicht wieviele es heute sind, aber dass es vor exakt 40 Jahren soviele waren, dass man den Planeten Erde achtmal in den »Orbit sprengen« kann, das weiß ich noch genau. Putin ist 70, Biden hat sein »Verfallsdatum« schon deutlich überschritten, bleibt nur noch der chinesische Führer, auf den die Menschheit hoffen kann, dass sie noch eine Zukunft hat. Ich will ganz sicher keine Panik verbreiten, und es nutzt auch nichts den »Keller mit Lebensmittel« zu füllen. Denn wenn die Endphase des Kapitalismus in einem dritten Weltkrieg mündet, dann hilft »Klopapierhamstern« nicht weiter, auch wenn »Kleingeister« es wieder tun. Dass der Kapitalismus in seiner Endphase ist, konnte jeder sehen, was haben wir Linken getan, außer uns in »Grabenkämpfen« selbst zu zerfleischen? Eine sachliche und »brüderliche« Diskussion zur Niederlage im Kalten Krieg blieb aus. Schuld waren immer die Anderen. Nun werden wir wohl wieder den Preis für unsere »Überheblichkeit« zahlen. Tut mir leid, aber ich hatte gewarnt.

Ähnliche:

  • Noch steht ihnen der Sinn nach Entspannung. Soldaten der britisc...
    09.09.2022

    An der Schwelle zum Krieg

    Vor 100 Jahren begannen die Briten mit Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjets im Schwarzmeerraum – Grundlage waren die Falschinterpretation von Geheimdiensterkenntnissen und imperiale Paranoia
  • Flug nach Jerewan: Passagierin im Airport Istanbul am Mittwoch
    04.02.2022

    Dritter Anlauf

    Armenien und Türkei verhandeln Normalisierung der Beziehungen. Linienflüge wiederaufgenommen
  • Mit der militärischen Expedition in den Kaukasus im Juni 1918 st...
    07.06.2018

    Auf der Route nach Baku

    Mit der »Deutschen Kaukasusexpedition« begann vor 100 Jahren der Versuch der Mittelmächte, sich in Georgien und im Südkaukasus Einflusssphären zu sichern

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk