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Aus: Ausgabe vom 17.09.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Verschwinden der Sonne

Ror Wolfs Tagebücher retten die Welt – Teil zwei
Von Jürgen Roth
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Für Ror Wolf: Bislang unveröffentlichte Zeichnung von Eugen Egner

Frankfurt am Main

»Frankfurt ist eine fette Bedrohung, eine riesige Fäkalie.« (6. Juni 1993)

(Siehe auch Welt.)

Gefühlsgespenst

Betraten wir den Aufzug im Haus in der Kupferbergterrasse, um nach unten und anschließend zum »Griechen« zu gelangen, drückte Ror den Knopf (EG) mit seinem Wohnungsschlüssel. Er befürchtete offenbar eine Ansteckung.

»Kurt Beck ist mein Nachbar«, sagte er geradezu stets. Es bedeutete wahrscheinlich nichts.

»Ich suche meinen Schlüsselbund. Wo zum Teufel ist mein Schlüsselbund: Ah, ich habe ihn in der Hand. – Ich gehe nun freilich so schleichend dahin, dass ich mich für eine Art Gefühlsgespenst halte – und selbst meine Anwesenheit für Abwesenheit.«

Gentil

Eckhard Henscheid hat Ror Wolf in einem Aufsatz im Merkur als »gentilen Herrn« charakterisiert. Wolf konnte auch anders. »Ich kann sehr zornig werden«, sagte er bisweilen, und er hob die Fäuste, um einen Boxkampf anzudeuten.

»Bodmer (Lektor im Haffmans-Verlag; J. R.) hält mich für launisch. Ich bin lediglich wütend. Angenehme Manieren kann ich mir nicht leisten. Vielleicht wäre es gut, gleich ganz und gar und fortwährend unfreundlich zu sein.«

»Wut auf was weiß ich Anfang Oktober.« In solchen Phasen war er unberechenbar. Man las es an seinen Mails ab (um nicht mehr auszuplaudern).

Gewalt

Gewalt schien für Ror Wolf eine anthropologische Konstituente oder Konstante zu sein. In seiner Prosa werden Menschen beschädigt, zerklopft, zerrupft. Doch wundersam, traum- und märchengleich, entkommen sie am Ende zumeist der Tortur. Körperlichkeit, die Vergewisserung, ein leibliches Wesen zu sein, ist gleichwohl mit Schmerz assoziiert. In Gesprächen über Amouren ließ er auch das durchblicken.

»Man wird in meiner Lage entweder Verbrecher oder Dichter«, hält er am 14. Dezember 1988 fest. Das Ende des Jahres 1970 wartete mit folgender Begebenheit auf: »Silvesterfeiern bei Scheunemanns. Ich will im Hasenpfad übernachten. Am Eschenheimer Turm klopft ein Mann an die Saab-Scheibe, ich drehe sie einfach hinunter, und dieser Mann schlägt mir einfach in die Fresse. Ich steige nicht aus, ich fahre nicht in den Hasenpfad, ich drücke aufs Gas und fahre blutverschmiert nach Basel, wo ich aus dem Auto taumle. Ein angemessener Jahresabschluss und zugleich Jahresbeginn.«

Ideologie

»Als Feind jeglicher Ideologie hat Wolf sich mehr als einmal bezeichnet.« (Sokolowsky) Bei beinahe jedem Treffen kam er auf seinen Abscheu vor dieser wie jener Doktrin zu sprechen. Er fand den Staat, ob den kapitalistischen oder den sozialistischen, zum Kotzen, dito jedwedes Weltideen- und -anschauungssystem. Er hatte recht. Er lächelte, wenn Kay und ich etwas lose über den Kommunismus daherredeten: Das werdet ihr Grünschnäbel auch noch begreifen. Wer schreibt, kann in keiner Ideologie leben.

In den Tagebüchern zwei Stellen: »Nach dem Essen geht es schon los: Streit und Geschrei und das Herumfuchteln mit Leitsätzen und Identifikationsworten.« – »Weiter: Kampf gegen die Gesinnungsliteratur.«

(Siehe auch Staatssymbole, steinerne; siehe auch Politik.)

Irgend etwas

»Irgend etwas geht schief, ich weiß noch nicht, was.« (An irgendeinem Tag.)

Müll/Mehl

»Ich rede Mehl.« – »Morgens Müllgefühl.«

Zwischendrin Tage »auf der Butterseite der Welt«.

Nagra

Das berühmte tragbare, ungemein schwere Tonbandgerät. Am 1. November 1969 feiert es Premiere (»Erste Nagra-Aufnahme im Waldstadion: Eintracht : 1860 – 4:3«), der Auftakt zu einer selbstzerstörerischen Sammel-, Schneide- und Montagearbeit, an deren Ende die von niemandem jemals zu übertreffenden Fußball-O-Ton-Collagen stehen werden.

Nürnberg

»Mit E. zunächst nach Nürnberg: Hotel am Bahnhof. Nie wieder Hotel, nie wieder Nürnberg, nie wieder Bayern, Europa und sämtliche anderen Weltteile: nie wieder.« (4. Juni 1987)

Poetologie

»Der Verleger (Unseld) spricht vom nötigen durchschlagenden Buch, dann würde er auch einen Sammelband meiner älteren Prosa machen. Er habe in den Katalog geschaut und gesehen, dass Ror Wolf ja schon eine ganze Menge Bücher geschrieben habe. Danach geht er. Frau Borchers (eine Lektorin; J. R.) hält das alles für ein geglücktes Gespräch.«

»Suhrkamp-Empfang. Der Clou des Abends: Frau Borchers lässt mich von Kosler (einem Literaturkritiker; J. R.) hinaufbestellen zu einem Zukunftsgespräch und rät mir, nicht so zu schreiben, wie ich schreibe, sondern von nun an so und so zu schreiben. Kosler nickt. Ich glaube, es fehlt jetzt nicht viel.«

»Der Versuch, ein wenig in der Sonne liegend zu arbeiten, scheitert am Verschwinden der Sonne.«

»Dieses hundsaffenmäßige Papiervollschreiben. Aber selbst wenn ich wollte, es wäre unmöglich, endgültig, also mit sämtlichen Konsequenzen, mit diesem albernen Literaturspiel aufzuhören. Es geht eben nicht. Und warum auch. (…) Danach Cognac. Danach schreibe ich weiter. Danach trinke ich alles, was da ist, und danach schreibe ich weiter.«

»Am 25.8. läuft Carl Lewis in Tokio die 100 Meter in 9,86 Sekunden. Die ganz kurze Geschichte, der 10-Zeilen-Text, hat gefälligst die Kraft eines solchen Einhundertmeterlaufs zu haben.«

Oder: »Tranchirers schöpferischer Illusionismus: gedacht ist an eine Beziehung im illusionistischen Raum. Im illusionistischen Raum ist der Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Wirklichkeit und Künstlichkeit aufgehoben. In einer magischen Beleuchtung ist alles möglich, was durch wahre oder gespielte Gefühle hergestellt werden kann. Die Grenzen des illusionistischen Raumes sind auch die Grenzen der Gefühle.«

(Siehe auch Buchmarkt/Verlage.)

Politik

Explizite Äußerungen von Ror Wolf zum sogenannten politischen Tages- und Weltgeschehen, das eh ein Scheißdreck ist, sind Rarissimuma. Hier wäre eine: »Golfkrieg: eine Gemeinschaftsinszenierung der internationalen Ölspekulanten und Waffenschieber«. (17. Januar 1991)

Ruhe

»Etwas abgeholt und dann nach Olm gefahren, jedenfalls bin ich plötzlich in Olm, am 2. August 91. – Vielleicht kann ich den Leser davon überzeugen, dass ich in den nächsten Momenten etwas Ruhe nötig habe. –«

(Siehe auch Sehnsucht; siehe auch Wohnen.)

Saalfeld

Geboren wurde Ror Wolf in Saalfeld. Ein ungeheurer Text sind die sieben Seiten über seinen Besuch in Saalfeld, der aus familiären Gründen erfolgt, nach mehr als 20 Jahren Abwesenheit (Wolf hatte 1953 Reißaus genommen). Vieles aus der »DDR-Literatur« verblasst vor diesem düsteren, zerfurchten Stück.

Diese sieben Seiten sind ein Zeugnis des schwierigen Versuchs der Erinnerung. Sie sind ein Spaziergang durch den verfallenden menschengemachten Hades. Sie sind eine Erkundung der Dinge und der Gemüter, aus denen sich die sozialistische Gesellschaft in der Provinz zusammensetzt. Sie hätten der Kristallisationspunkt der Autobiographie sein können.

Die Jugend: »Es war eine merkwürdig luftige Zeit; ich glaube, mir konnte gar nichts passieren.« – Das Nun: »Inzwischen ist das eine von Industrie eingeklemmte Stadt, schwärzlich, welk, kläglich schnappend.«

»Ein Kellner schleudert wortlos die Karte auf unseren Tisch, und später kommt ein schaumloses Bier und irgendwann dann das Schweinekotelett; ein paniertes Stück Fett mit vielen Kartoffeln, begossen mit einer gesamtdeutschen Soße. Und alle Leute in diesem Lokal sitzen geduldig da und essen geduldig ein Schweinekotelett. Erstaunlich ist nicht die Frechheit des Kellners, davon gibt es genug bei uns. Erstaunlich ist die Gelassenheit der Gäste, mit der sie das alles hinnehmen: gemütlich, geduldig, widerspruchslos; fast zaghaft bestellen sie noch ein Glas Bier.«

Schmöcke

Der elende, von Ignoranz, Indolenz, Frechheit und Hoffart durchtränkte Kultur- und Zeitungsbetrieb; diese Kloake, in der die inferiorsten Nichtsnutze herumzappeln und -plappern; dieser Misthaufen, von dem aus just diejenigen am lautesten ins Land hinauskrähen, die nachweislich vollständig unbegabt sind und am allermiserabelsten schreiben – es ist eine einzige Not und Schande.

Es werde, meint Esther Vilar (»Der betörende Glanz der Dummheit«, München 1990), »die anerkannte Literatur eines Landes nie besser sein als ihr prominentester Rezensent«. Nennen wir ihn Reich-Ranicki; oder J. Kaiser; oder heute V. Weidermann. Und was diese Leute promoviert haben/promovieren, gehört/e in der Regel in den Reißwolf. (Zufallstreffer sind nie ausgeschlossen.)

Dass Ror Wolf nicht zur »anerkannten«, also marktgängigen Literatur dieses Landes zählte (ab den 90er Jahren hagelte es zwar Auszeichnungen, aber die Verkaufszahlen blieben bescheiden), ist somit ein weiterer Beleg seiner Genialität. Und eine Episode vom 3. Juni 1992 illustriert, warum die Behauptung, die hiesige Buchstabenverwertungsindustrie sei – komplementär – ein verschmockter Saustall, der Plausibilität nicht entbehrt: »Herr Bischoff von der Sonntagszeitung (der FAZ; J. R.) hier: längeres Gespräch. Es handelt sich um eine milde Schaumschlägerei. Ich gebe ihm ›Heiße Luft & Nächstes Spiel‹ mit. Er bedankt sich nicht einmal. Beim Fortgehen bitte ich ihn um einen Beleg. Das könne er nicht machen, ich bekäme die Sache vom Verlag. In diesem Moment hätte ich ihn wenigstens die Treppe hinabschmeißen müssen.«

Sehnsucht

»Die schwarze Bahnhofsnacht mit den weichen Bahnhofsgeräuschen, mit diesem zuweilen ganz fernen Pfeifen.«

Dagegen: »Große Hektik. Ein inneres, nur von der Haut zusammengehaltenes Herumschmeißen.«

Ruhe Ruhe.

Staatssymbole, steinerne

1977 erbittet die Zeitschrift Merian von Ror Wolf einen Artikel übers Deutsche Eck. (Hat er ihn geschrieben? Wurde er veröffentlicht? Vermutlich nein; und demzufolge nein.)

Auf drei Druckseiten der »Folgen der Phantasie« schildert Wolf die Eindrücke seines Aufenthalts in Koblenz. Die Notizen hätten sich zu einer anarchistisch behauchten Reportage zusammenfügen lassen: »Das Deutsche Eck ist das Deutsche Eck. Es ist unmöglich, das Gegenteil zu beweisen. Das Besteigen ist nicht erlaubt. Das Betreten ist ohnehin verboten. Das Deutsche Eck ist nicht irgendwo, so leicht wollen wir uns die Sache nicht machen.« – »Ich bin ein Denkmal-Liebhaber, ich liebe Figuren, die zielbewusst zuverlässig in die richtige Richtung deuten, damit ich mich schnell in die andere Richtung davonmachen kann.«

Tee

Man kann es probieren: »Teeversuche: Das schmeckt wie das warme Badewasser, in dem Hitlers Leiche lag.« (29. März 1993)

(Siehe auch Alkohol.)

Torten

»Probleme beim Tortenholen«. (Datumsbeleg verlegt)

Wald

»Mittwoch Henscheid & Genazino: Spaziergang durch einen in der Nähe aus dem Boden gewachsenen Wald.« (Oktober 1980)

(Siehe auch Buchmarkt/Verlage.)

Welt

Was bedeutet das Wort »Welt«? Alles und nichts.

Weil das so ist, benötigen wir die Literatur. In Portugal ist die Welt »die übliche fürchterliche und noch weit fürchterlichere Meeresgegend«. In Frankfurt umhüllt einen »der Schweißfußgeruch der ganzen Welt«. – »Nebel Tanks Baustampfen Gestank Regen Schnee: Das ist der vorübergehende Untergang der Welt in Gonsenheim«, das heißt: »Diese Welt ist fällig.«

Im Riederwald verbringt Ror Wolf einige Zeit »mit einem Weltuntergangsgulasch, einem endgültigen Vernichtungsgulasch«. 1989 wird offenbar: »Dieser ganze Planet platzt: und zwar in Zeitlupe.« Zwei Jahre später zeigt sich: »Die eigentlichen Probleme fangen gerade erst an. Die Leute stoßen krachend zusammen oder sinken reihenweise um, oder sie stampfen weiter stumpf durch das Ozonloch. Was aber das Allerschlimmste ist: Wir tun das auch. Ich sitze in einem Müllkübel mit geschlossenem Deckel am 11. August.«

Was also ist die Welt? »Die Welt ist ein geschlossener Topf.« Daher: »Die Welt, und das ist das Programm der Welt, ist so schlecht wie möglich. Der Sinn der Welt ist ihr Zerplatzen.«

Leibniz widerlegt.

(Siehe auch Frankfurt am Main.)

Wohnen

Das Wohnen ist eine Notwendigkeit, und es ist ein andauerndes Verderben. Sobald Erika und Ror Wolf eine neue Behausung beziehen, beginnt der Straßenumbau, und alles wird aufgebrochen und aufgewühlt. (»Straßenbauvibrationen. Das Hirn schaukelt.« – »An verschiedenen Stellen platzt die Erde: Vulkane, Erdbeben, schwere fauchende Stürme. Sturmfluten. – Vor dem Fenster reißt man die Straße auf, um sie wieder zuzustopfen.«)

Doch auch die Häuser entbehren einer gewissen Lebensverträglichkeit. Am Bornheimer Hang in Frankfurt, von dem aus man auf das ehemalige Trainingsgelände der Eintracht schaut, sind folgende Verhältnisse zu gewahren: »Hundekot in den Aufzügen. Müll auf den Treppen. Treppenhäuser ungeputzt. Nächtliches Bohren. Eine langsame Verrottung des Hauses, noch bevor es überhaupt fertig ist. Nächtliche Schreie, Quietschen. Eingetretene Türen. Blockierte Aufzüge. Unsägliches Warten beim Holen der Post. Scheiße auf den Fluren. Bei Sturm schwankt das Haus, so dass eine Besucherin entzückt ausruft: Herrlich, wie auf einem Schiff.«

Wir sind nicht in Baltimore (»The Wire«).

Aber nun in Zornheim-Nord: »Es handelt sich hier wohl tatsächlich um das Ende der bewohnten Welt. Jedenfalls wohnen wir im nahezu letzten Haus in Zornheim-Nord, ohne Jalousien, für Einbrüche besonders geeignet. – Es finden sich nun fortwährend neue kleine und große Schludrigkeiten, Schiefheiten und Absplitterungen. (…) – Die Heizungen stinken und lassen sich nicht ausdrehen. Das alles ist ein ziemlich kostspieliges Missverständnis. Im Ort gibt es plötzlich keine Läden mehr, man muss, um etwas einzukaufen, nach Nieder-Olm fahren. Dieses Haus ist ein Riesenkellerraum und zugleich nach allen Seiten hin aufglotzend. Neue Heizungsrätsel: sie gehen aus oder an auf fremde Kommandos.«

Also abermalige Wohnungssuche: »Wohnungsbetrachtungen. Ein vergangsterter Wohnungsmarkt. Schlamp hat die Heizung abgestellt. Waldmann fertig: Das Ende des Mondes

Man landet in Mainz (»etwas postmodern Erbrochenes, eine Mischung aus Stalinallee, Kulturpalast und Gartenlaube«), »ein Umzug ins Gebirge wäre zu erwägen. Das Gebirge freilich würde auf der Stelle zusammenstürzen«.

Andere (vormalige) Existenzstationen: »Eine verkehrskrachende Absteige.« – »Eine hübsche, aber von den Lärmbelästigungen her katastrophale Wohnung. Die deutsche Familie unter uns. Die nachts putzende Familie über uns. Die unablässig telefonierende Tante neben uns. Die fürchterlich schnaufende Garagenabsauge hinter uns.« – »Bis Mitternacht ist alles menschenleer und still. Dann erscheinen aus sämtlichen Richtungen die Rollses und Jaguars mit rauschenden Damen klimpernd bepelzt und mit schwarzen Herren, um in die Bar zu gehen und auf vornehme Art zu krakeelen. Unter unserem Fenster repariert ein Chauffeur bei laufendem Motor den Wagen. Das geht so etwa bis vier Uhr morgens.« – »Ölgestank aus den Raffinerien vor dem Fenster in der Ferne. Das unablässige Vorbeischieben von Automobilen, das Rauschen, die Autobahnen Kreuzungen Kreisel die Brücken, tags nachts morgens abends von allen Seiten nach allen Seiten. Öltanks, Schornsteine, schleimiger oder sülziger Himmel, auch bei Sonnenschein. Nur manchmal ist es ganz anders.« – »Trampeln über uns. Der Mann über uns, ein Herr Trost, trampelt auch nachts auf und ab. Musik. Militärische Übungen nachts. US-Panzer. – Trampeln. Gelegentlich kein Trampeln.« – »Der Ingenieur Trost über uns bohrt und hämmert nach Herzenslust, vor allem nachts. – Der Bunkerbeton drückt mich zusammen.« – »Oben sägt Trost und transportiert Gegenstände, von einer Ecke der Wohnung in die andere Ecke der Wohnung. Der Mann betreibt eine Art Privatwerkstatt. Er maschiniert auf dem Balkon, dass die Späne fliegen, er trampelt bohrt hämmert ohne Erbarmen. Proteste sind nutzlos.« – »Ab 16 Uhr Hundedressur und Werkarbeit bei Trost.« – »Über Bohrungen zu reden lohnt sich nicht mehr, es wird immer gebohrt.« – »In der nächsten Nacht, zwei Uhr: das Dröhnen aus dem Keller, die Geräusche aus der Tiefe dieses gänzlich verrotteten Leitungssystems in dieser von Baugangstern ausgeschwitzten Niederträchtigkeit für etwa 1.300 Mark im Monat.« – »In der Nacht werde ich durch ein starkes Klopfen aus meinem Kirschwasserschlaf gerupft. Ich schleiche zur Haustür, habe aber mein Gewehr vergessen, also schleiche ich wieder zurück, nehme mein Gewehr und gehe aufrecht zur Haustür. Wer ist da? Es ist niemand da. Aber nun klopft es wieder. Es kracht außerordentlich. Es ist E, die auf die Fensterbank klopft, um die Nachbarin, die nachts um zwei Nägel in die Wand schlägt, zu ermuntern, weiterzuschlagen. So beginnt der Oktober.« – »Zu den allerbeliebtesten Beschäftigungen unter uns gehört zweifellos das nächtliche Einschlagen von Nägeln. Das habe ich schon beschrieben. Das Brunstgeschrei, das in dieser Nacht zu hören ist und das ich zunächst mit einem gewissen Inte­resse höre, habe ich noch nicht beschrieben: Eine Dame wird von einem nahezu endlosen Orgasmus geschüttelt, sie rast, sie verliert tatsächlich jede Kontrolle. Ich bestaune die Stärke und Dauerhaftigkeit dieses Geschreis, meine Bewunderung wächst, bis ich bemerke, dass dieser Mann, dieser gewöhnlich nagelnde Mann, sich bei offenem Fenster ein Pornovideo reinzieht.«

*

Soweit einige Nachrichten aus der zu bewohnenden Welt. Wir hoffen auf eine Fortsetzung der Berichte.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. Vorige Woche erschien von ihm an dieser Stelle Teil eins seiner Betrachtungen über Ror Wolfs Tagebücher.

Ror Wolf: Die unterschiedlichen Folgen der Phantasie. Tagebuch 1966–1994. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2022, 344 Seiten, 32 Euro

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