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Aus: Ausgabe vom 10.09.2022, Seite 5 / Inland
Lebenshaltungskosten

Beispiellos teuer

Studie: Wohnkosten für Studierende in nie dagewesener Dimension gestiegen. Kritik an geplantem 200-Euro-Zuschuss der Bundesregierung
Von Ralf Wurzbacher
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Für ein WG-Zimmer in einer Groß- oder Universitätsstadt werden derzeit im Bundesmittel 435 Euro fällig (Berlin)

Jetzt kommt es richtig dicke für Studierende in Deutschland. Als stiegen nicht schon die Lebensmittel- und Energiepreise ins Unzumutbare, wird für sie auch noch das Wohnen langsam unbezahlbar. Beziehungsweise schnell: Für ein Zimmer einer Wohngemeinschaft in einer Groß- oder Universitätsstadt werden nach einer aktuellen Auswertung derzeit im Bundesmittel 435 Euro fällig. Im Vorjahr lagen die Kosten noch 44 Euro darunter. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Moses-Mendelssohn-Instituts (MMI) in Kooperation mit dem Immobilienportal WG-gesucht.de, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Der »dramatische Anstieg« stelle die Betroffenen vor »existentielle Probleme«, warnte am selben Tag das Deutsche Studentenwerk (DSW). Der Staat müsse dringend gegensteuern, bekräftigte Verbandsgeneralsekretär Matthias Anbuhl.

Bisher müssen die hierzulande knapp 2,9 Millionen Hochschüler die Härten der durch den Ukraine-Krieg und die Russland-Sanktionen verursachten Preisexplosion in der großen Mehrheit selbst ausbaden – wie schon in der Pandemie. Einen Heizkostenzuschuss in Höhe von 230 Euro und/oder eine Energiepauschale von 300 Euro stehen lediglich Beziehern von Bundesausbildungsförderung (BAföG) und Studierenden mit steuerpflichtigem Job zu. Allerdings sind die vor Monaten beschlossenen Hilfen in vielen Fällen noch gar nicht angekommen. Für die Auszahlung sind die Bundesländer zuständig, von denen manche die Ruhe weg haben. Während das Geld in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen überweisen wurde, steht dies unter anderem für Berlin, Bremen und Thüringen noch aus. Baden-Württemberg will sich bis Ende Oktober Zeit nehmen.

Ob wohl der Hausbesitzer so geduldig ist, wenn der Mieter säumig wird? Oder soll Student in Geldnot frei nach »Insolvenzfachmann« Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) »einfach erst mal aufhören« zu wohnen? So oder so gehört die Immobilienwirtschaft einmal mehr zu den großen Krisengewinnern. Gemäß besagtem MMI-Hochschulstädtescoring zogen die Preise für WG-Zimmer innerhalb eines Jahres im Schnitt um 11,4 Prozent an. Analysiert wurde dabei die Entwicklung der Wohnungsmärkte in allen 95 Hochschulstädten mit mindestens 5.000 Studierenden. Spitzenreiter ist München mit 700 Euro (Vorjahr 620 Euro), gefolgt von Frankfurt am Main mit 580 Euro (plus 60 Euro) und Berlin mit 550 Euro (plus 55 Euro). Vergleichsweise günstig lebt es sich im Osten der Republik, etwa in Chemnitz mit im Durchschnitt 250 Euro oder Cottbus mit 300 Euro.

Eine Erhöhung in dieser Form übersteige »alles bisher Dagewesene«, bilanzierte MMI-Direktor Stefan Brauckmann in einer Medienmitteilung. Die Coronakrise habe bei Neuvermietungen zwei Jahre lang »eher für eine Seitwärtsbewegung der Preise« gesorgt, »damit ist es jetzt vorbei«. In 89 Städten sind WG-Zimmer demnach teurer als noch 2021. An 59 Standorten ergeben sich Wohnkosten oberhalb der gerade erst auf 360 Euro angehobenen BAföG-Wohnpauschale. Dabei lebt man in einer WG noch vergleichsweise »billig«, die Situation bei anderen Wohnformen ist laut Brauckmann »noch extremer«.

Abhilfe will die Ampelregierung mit einem im Rahmen ihres dritten sogenannten Entlastungspakets avisierten 200-Euro-Zuschuss für alle Studierenden schaffen. Für den »Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften« (FZS) ist das »ein Tropfen auf dem glühend heißen Stein« und »ein schlechter Witz«, nachdem man schon bei den vorangegangenen Paketen vergessen worden sei, bezog der Verband schon zu Wochenanfang Stellung. Laut Nicole Gohlke, bildungs- und wissenschaftspolitische Sprecherin der Linke-Bundestagsfraktion, müsse die Koalition beim BAföG noch vor dem Winter nachbessern. Dazu brauche es einen regional gestaffelten Mietkostenzuschuss und armutsfeste Bedarfssätze, erklärte sie am Donnerstag.

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