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Aus: Ausgabe vom 05.09.2022, Seite 6 / Ausland
Klimaneutralität

Protest gegen Windparks

»Grüner Kolonialismus«: Samische Rentierhalter wehren sich in Norwegen gegen Energieunternehmen
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Rentierhaltung als Kulturgut: Samischer Hirte mit seiner Herde in der Nähe von Kautokeino in Norwegen (April 2000)

Die Konflikte rund um die Windkraftproduktion im Norden Europas reißen nicht ab. Auf der einen Seite: Unternehmen, die im Namen des Klimaschutzes die größten Windparks des Kontinents errichten. Auf der anderen Seite: samische Rentierhalter, die ihre Kultur bedroht sehen.

Im Oktober 2021 war es zu einem Gerichtsurteil gekommen, das Adele Matheson Mestad, die Direktorin des Norwegischen Instituts für Menschenrechte, als »historisch« bezeichnete. Der Oberste Gerichtshof Norwegens entschied, dass zwei auf der Halbinsel Fosen errichtete Windparks gegen die in UN-Resolutionen verbürgten Rechte der Sámi als Ursprungsbevölkerung der Region verstoßen.

Das Fosen-Urteil wirft auch auf andere Windparks ein neues Licht. Dazu zählt der Windpark Øyfjellet, rund 300 Kilometer nördlich von Trondheim gelegen. Der im Dezember 2021 fertiggestellte Park besteht aus 72 Turbinen, verteilt auf einer Gesamtfläche von 40 Quadratkilometern. Die lokalen Rentierhalter, vereint im »Rentierhaltungsdistrikt Jiilen-Njaarke«, wollten ihn von Anfang an verhindern.

Betrieben wird der Windpark Øyfjellet von der schwedischen Firma Eolus Vind, zu deren Investoren das norwegische Finanzunternehmen Storebrand zählt. Das erklärt nun in seinem jüngsten Quartalsbericht, dass es Eolus Vind wegen möglicher Menschenrechtsverletzungen unter Beobachtung stellt. Storebrand droht, nicht mehr in Eolus Vind zu investieren, sollte das Unternehmen nicht zu einer Einigung mit den lokalen Rentierhaltern gelangen und Richtlinien zur Anerkennung der Rechte indigener Gesellschaften formulieren. In seinem Bericht verweist Storebrand explizit auf das Urteil im Fall Fosen.

Auf jW-Anfrage erklärten Eolus Vind und dessen norwegisches Partnerunternehmen Øyfjellet Wind die Bedenken Storebrands für unbegründet. In einer gemeinsamen Stellungnahme wird darauf verwiesen, dass die norwegischen Behörden alle notwendigen Lizenzen für den Windpark Øyfjellet ausgestellt hätten. Der Vergleich mit Fosen hinke, da die Windparks dort auf Weideflächen der Rentiere gebaut wurden, während im Fall von Øyfjellet nur die Migrationsrouten der Herden betroffen wären. Man sei stets um Austausch mit den Rentierhaltern bemüht gewesen, doch kämen diese Einladungen zu Gesprächen nicht mehr nach.

Einer der Rentierhalter des Distrikts Jillen-Njaarke ist Ole-Henrik Kappfjell. Als junge Welt ihn erreicht, will er sich zum Kontakt mit Eolus Vind und ­Øyfjellet Wind nicht äußern, dafür seien Anwälte zuständig. Den Storebrand-Bericht erachtet er jedoch als »enorm positiv«, denn die Konsequenzen der Windparks seien für die Rentierhaltung »katastrophal«.

Zahlreiche Studien belegen die negativen Auswirkungen von Windparks auf die Rentierhaltung. Rentiere machen Umwege von bis zu zehn Kilometern, um die Windkraftanlagen zu meiden. Bei ihrer Migration gehe es nicht einfach darum, von A nach B gelangen, erklärt Ole-Henrik Kappfjell. Vorschläge von Unternehmen, die Rentiere auf Lastwagen zu verfrachten, würden die Rentierhaltung als samisches Kulturgut verkennen. Auch das Überleben der samischen Sprache ist von der Rentierhaltung abhängig. Das ist beim Windpark Øyfjellet von besonderer Bedeutung, da sich der Park auf südsamischem Gebiet befindet, wo nur noch knapp 800 Menschen den lokalen samischen Dialekt sprechen.

Das traditionelle Siedlungsgebiet der Sámi, das vom Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands bis auf die Kola-Halbinsel in Russland reicht, wird als Sápmi bezeichnet. Die Versuche von »klimaneutralen« Energie- und Bergbauunternehmen, die kommerzielle Ausbeutung des Gebiets weiter voranzutreiben, wird von samischen Aktivisten oft als »grüner Kolonialismus« bezeichnet. Eva Maria Fjellheim stammt selbst aus dem Süden Sápmis und forscht seit langem zur Windkraft. Sie arbeitet für den 1956 gegründeten Samischen Rat, der Vertreter von Organisationen aus ganz Sápmi zusammenbringt. Im Gespräch mit jW betont Fjellheim, dass der samische Umgang mit der Natur, nicht zuletzt in Form der Rentierhaltung, ein Beitrag zum Klimakampf sei, kein Hindernis. Man würde sich nicht prinzipiell gegen die Windkraft wenden, doch gegen Windparks, die die Rechte der Sámi als Indigene verletzen.

Auch deutsche Unternehmen sind in Sápmi aktiv. Die Investmentgesellschaft Aquila Capital mit Sitz in Hamburg besitzt alle Anteile an Øyfjellet Wind. Die Stadtwerke München sind Teileigentümer eines der vom Obersten Gerichtshof Norwegens beanstandeten Windparks auf Fosen. Die Hamburger Firma Aurubis, Europas größter Kupferproduzent, zog sich im August 2021 aus einem millionenschweren Deal am Repparfjord in Norwegen zurück, wo gegen den Widerstand der samischen Lokalbevölkerung eine riesige Kupfermine gebaut werden soll. Aurubis sah in dem Projekt die »soziale Nachhaltigkeit« gefährdet, sprich: die Rechte der Sámi. Ob Aquila Capital angesichts des Storebrand-Berichts ähnliche Sorgen hat, ließ sich nicht feststellen. Eine entsprechende Anfrage von jW ließ das Unternehmen bis zur gegebenen Frist am Freitag unbeantwortet.

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