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Aus: Ausgabe vom 02.09.2022, Seite 16 / Sport
Skisport

Alpen ade

Die Skielite muss zur Saisonvorbereitung in die Berge Argentiniens
Von Gabriel Kuhn
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Hier liegt der Schnee: Ushuaia auf der argentinischen Seite Feuerlands

Die alpine Weltcupsaison hat noch nicht begonnen, doch die ersten Schwerverletzten gibt es schon. Die österreichische Slalomspezialistin Katharina Gallhuber, Bronzemedaillengewinnerin bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018, riss sich im Training Kreuzband und Meniskus. Schauplatz: Ushuaia auf der argentinischen Seite Feuerlands, am »Ende der Welt«.

In diesem Jahr befindet sich praktisch die gesamte Skielite zur Saisonvorbereitung in den Bergen Südamerikas. Das ist insofern ironisch, als der schwedisch-britische Milliardär Johan Eliasch, Präsident des Internationalen Skiverbandes (FIS), im November 2021 verkündet hatte, die FIS zum »ersten klimapositiven Wintersportverband« zu machen. Denn die Trainingslager in Südamerika stellen diesbezüglich einen klaren Rückschritt dar. In den letzten Jahrzehnten wurden sie zugunsten von Trainingslagern auf europäischen Gletschern sukzessive zurückgeschraubt. Das Comeback hat zwei Gründe.

Der erste liegt auf der Hand: Der Klimakrise macht Sommertrainingslager in den europäischen Alpen kaum noch möglich. Das Schweizer Nationalteam, das dieses Jahr in Zermatt aufgeschlagen war, musste ihr Trainingslager dort Ende Juli aufgrund von Schneemangel abbrechen. Klimaexperten zufolge wird von den fünf in Deutschland noch existierenden Gletschern in zehn Jahren keiner mehr bestehen. Der Südliche Schneeferner wird aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr verschwinden.

Der zweite Grund für die Rückkehr in die südamerikanische Bergwelt ist hausgemacht: Die Skiindustrie fordert einen Werbeboost im Herbst, und so hält die FIS daran fest, dass die Weltcupsaison mit den Riesenslaloms Ende Oktober auf dem Rettenbachferner Gletscher bei Sölden eröffnet wird. Ab diesem Jahr kommen an den beiden darauffolgenden Wochenenden noch Abfahrten auf dem Theodulgeltscher am Matterhorn hinzu: Start in der Schweiz, Ziel in Italien.

Die Gletscherrennen bedeuten, dass die Weltcupteams praktisch zu Trainingslagern in Südamerika gezwungen werden. Würde die Weltcupsaison einen Monat später beginnen, wäre eine Vorbereitung in Europa nach wie vor möglich. Und würden die Abfahrer weiterhin ihre ersten Rennen Ende November in Nordamerika bestreiten, könnten sie nach wie vor dort ihre letzten Trainingswochen abhalten.

Nicht nur Athleten, Trainer und Betreuer müssen nach Südamerika verfrachtet werden, sondern auch jede Menge Ausrüstung. Zehn Tonnen Material wurden alleine für das österreichische Herrenskiteam verschifft, darunter 1.000 Paar Skier. Kostenaufwand: rund 150.000 Euro. Nichts darf dem Zufall überlassen bleiben, jede Hundertstelsekunde zählt.

Wintersportler sind von Skiverbänden und Sponsoren abhängig, und Widerstand regt sich selten. Doch die kritischen Stimmen werden lauter. Die vierfache Gesamtweltcupsiegerin Mikaela Shiffrin, gegenwärtig der größte Star im Skizirkus, problematisiert immer wieder die Zukunft des alpinen Skisports. Den klimapositiven FIS-Präsidenten Eliasch kümmert das wenig. Er schickt die Herren in der kommenden Saison nach den traditionellen Novemberrennen in Nordamerika im März gleich noch einmal dorthin. Das freut die Geschäftspartner vor Ort, zumal über den Novemberrennen ein Fragezeichen hängt. Sollte mit der FIFA keine Einigung erzielt werden können, was die Anstoßzeiten bei der gleichzeitig stattfindenden Fußball-WM in Katar betrifft, könnten sie aus dem Kalender fallen. Ohne zufriedenstellende Einschaltquoten keine Weltcuprennen.

Johan Eliasch löste den Schweizer Gian Franco Kasper im Juni 2021 an der Spitze der FIS ab. Kasper hatte dem Verband 23 Jahre lang quasi als Alleinherrscher vorgestanden. Eliasch scheint die Absicht zu haben, in seine Fußstapfen zu treten. Als Sportfunktionär hat Eliasch keinerlei Qualifikationen, doch er ist Geschäftsführer eines der erfolgreichsten Skisportunternehmen. Unter Mithilfe der bei seiner Firma unter Vertrag stehenden Stars sowie Versprechen von zusätzlichen Einnahmen brachte er die Mehrheit der Delegierten beim FIS-Kongress 2021 auf seine Seite.

Das erste Jahr seiner Präsidentschaft verlief nicht berauschend. Vor allem Eliaschs Absicht, die Fernseh- und Marketingrechte der Weltcuprennen zentral zu verwalten, stößt den großen nationalen Verbänden sauer auf. Bis jetzt verwalten sie die Fernseh- und Marketingrechte der in ihren Ländern stattfindenden Rennen. Als sie sich über die von Eliasch versprochenen Mehreinnahmen freuten, verstanden sie nicht, dass diese an ihnen vorbeigeschleust werden sollten.

Als Eliasch beim FIS-Kongress 2022 in Mailand ohne Gegenkandidaten zur Wiederwahl antrat, verließen 47 von 117 Delegierten den Saal. Die Spitzenfunktionäre der FIS störte das nicht. Sie führten die Wahl durch und verkündeten, dass Eliasch 100 Prozent der Stimmen erhalten hätte – schließlich hatten alle verbliebenen Delegierten für ihn gestimmt. Die Skiverbände Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Kroatiens legten daraufhin beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) Einspruch gegen die Wahl ein. Das Urteil steht noch aus.

Das Problem der schwindenden Gletscher betrifft freilich nicht nur den Leistungssport. In den Alpen, in denen der alpine Skilauf einst Volkssport war, können ihn sich nur noch die Reichen leisten. Gab es bis in die 1980er Jahre noch in jedem Dorf kostengünstige Skilifte, werden bald nur noch Skigebiete auf über 1500 Metern Seehöhe überleben können. Die Anreise wird immer aufwendiger, die Liftkarte immer teurer. Auch auf diesen Höhen sind für die Sicherung der Skisaison Beschneiungsanlagen notwendig, die Unmengen an Energie verbrauchen.

Eine Alternative zur künstlichen Schneeproduktion stellt die Konservierung des Schnees des Vorjahres mit Hilfe reflektierender Schutzplanen dar. Dank dieser schlängeln sich in manchen Alpentälern weiße Bänder durch die grüne Landschaft, auf denen man bereits im Herbst Ski fahren kann. Dieses System soll ebenso ausgebaut werden wie die Skihallen, in denen so mancher Weltcupläufer bereits heute zusätzliche Trainingseinheiten einlegt. Wer meint, der Skisport entfremde sich dabei seiner selbst, liegt nicht ganz falsch. Doch im Kapitalismus zählt, was Profite schafft.

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