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Aus: Ausgabe vom 02.09.2022, Seite 5 / Inland
Alt sein in Deutschland

Welle an Kosten

Höhere Löhne in Pflegeeinrichtungen, Explosion der Energiepreise, Inflation: Eigenanteil für Pflege steigt drastisch
Von Susanne Knütter
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»Kostentsunami für Pflegebedürftige« (Altenheim im mecklenburgischen Parchim, 18.7.2022)

Hierzulande bedeuten höhere Löhne in Pflegeeinrichtungen höhere Kosten für die Bewohner. Seit diesem Donnerstag müssen die Pflegeheime Tariflöhne zahlen. Die Modelle, nach denen das geschehen soll, sind nicht vergleichbar mit einem von Verdi ausgehandelten Flächentarifvertrag – ein solcher wurde in letzter Minute von Caritas und Diakonie verhindert. Aber immerhin. Pflegeheime müssen nun entweder einen eigenen Tarifvertrag abschließen, mindestens entsprechend einem Tarifvertrag zahlen, der in der Region angewendet wird, oder mindestens die Höhe des Durchschnitts aller Tariflöhne in der Region bezahlen.

Angehörige müssen zahlen

Vergüteten »freiwillig« bislang nur 25 Prozent der Einrichtungen nach Tarif, trifft das laut dem Bundesverband der AOK mittlerweile auf 90 Prozent der insgesamt mehr als 34.000 Einrichtungen zu. 3.500 Pflegeheime haben sich bis dato noch nicht dazu geäußert, welches der drei möglichen Modelle sie anwenden wollen, erklärte Peter Willenborg, Pressereferent beim AOK-Bundesverband am Donnerstag gegenüber jW. Eins ist bereits festzuhalten: An den Gehaltszuwächsen, die schon erfolgt sind, zeigt sich, wie schlecht die Gehälter bislang waren. Je nach Bundesland und Einrichtung betrugen sie zwischen zehn und 30 Prozent, wie das Bundesgesundheitsministerium unter Berufung auf Einschätzungen privater Einrichtungsträger am Donnerstag mitteilte.

Zur Finanzierung des sogenannten Tariftreuegesetzes stieg der Pflegebeitrag für Menschen ab 23 Jahre ohne Kinder bereits von 3,3 auf 3,4 Prozent. Hinzu kommt ein Bundeszuschuss zur Pflegeversicherung von jährlich einer Milliarde Euro. Und Heimbewohner bekommen seit Jahresbeginn neben den Zahlungen der Pflegekasse jetzt einen Zuschlag, der mit der Pflegedauer steigt. Trotzdem werden die Lohnerhöhungen auf jeden Fall auf den Eigenanteil durchschlagen, den die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zahlen müssen. Das bestätigte auch Willenborg gegenüber jW.

Schon jetzt kostet ein Platz im Pflegeheim im Schnitt 2.250 Euro monatlich. »Bereits in den letzten Jahren lagen die Steigerungen mit etwa acht bis zehn Prozent deutlich über Inflation oder Rentenanpassungen«, erklärte die Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) am Mittwoch in einer Presseerklärung. Das entsprach bei der meist jährlichen Entgelterhöhung einer Steigerung des Eigenanteils von etwa 200 bis 300 Euro pro Monat. In diesem Jahr seien die Erhöhungen noch größer. Aktuell lägen die in der BIVA-Beratung vorgelegten Erhöhungen bei durchschnittlich 500 bis 600 Euro, in der Spitze bei mehr als 1.000 Euro.

Die Stiftung Patientenschutz geht davon aus, dass die Pflegekosten für die Betroffenen am Ende des Jahres um mindestens 15 Prozent gestiegen sein werden. »Das Tariftreuegesetz wirkt, löst aber einen Kostentsunami bei den Pflegebedürftigen aus. Denn es ist nicht die Gesellschaft, die diese Leistung besser honoriert, sondern allein die Pflegebedürftigen«, erklärte der Vorstand, Eugen Brysch, am Donnerstag gegenüber jW. Mit Inflation und explodierenden Energiepreisen türme sich eine große Welle auf. Das könnten die gestaffelten Zuschüsse zu den reinen Pflegekosten je nach Verweildauer nicht stoppen. »Es ist für die vier Millionen betroffenen Menschen erschreckend, dass der Bundesgesundheitsminister die Fakten ignoriert«, so Brysch. Die mehr als 20prozentige Lohnerhöhung in der Altenpflege schlage mit der Inflation und den Energiepreisen auf alle Bestandteile des Eigenanteils durch.

Überholtes Modell

Das zeigt: Das geltende Modell der Unterstützung ist überholt. »Bisher werden nur von der Bundesregierung festgelegte Zuschüsse in der Pflegeversicherung gezahlt. Bei explodierenden Ausgaben laufen diese Festbeträge der Kostenrealität immer hinterher«, erklärte Brysch. Schon jetzt sind 40 Prozent der bundesweit rund 800.000 Menschen in stationärer Pflege auf Sozialhilfe angewiesen. Auch unter den 1,2 Millionen Menschen in ambulanter Pflege gibt es viele Bezieher von Sozialhilfe. Ein weiterer deutlicher Anstieg werde direkt auf die Kommunen durch eine Explosion der Sozialhilfeausgaben durchschlagen.

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