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Aus: Ausgabe vom 10.09.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Licht und Schatten

Krieg im Donbass: Unterschiedliche Gefühle von Befreiung und Gleichgültigkeit
Von Loïc Ramirez
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Zerstörung allgegenwärtig: Ein Paar in Mariupol neben einem von Raketen getroffenen Auto (31.5.2022)

»Wir fühlen uns befreit«, sagt Wladimir Chebanow, ein Rentner. Wie viele Einwohner der nördlich von Mariupol gelegenen Stadt Wolodarskoje ist auch Wladimir angesichts des Vormarsches der russischen Armee nicht geflohen. »Nach dem Maidan war es nicht mehr möglich, hier zu demonstrieren, des 9. Mai zu gedenken oder die rote Fahne zu schwenken, dafür wurde man verhaftet«, sagt der ehemalige Bergmann und kommunistische Aktivist. »Wir haben diese Militäroperation unterstützt«, sagt er. In Anbetracht der hohen Zahl der Todesopfer, die die russische Invasion forderte, zieht er ein bitteres Fazit: »Leider gab es keine andere Möglichkeit.«

Nach der Eroberung durch russische Truppen und Einheiten der »Volksrepublik« im März nahm die Stadt Wolodarskoje ihren sowjetischen Namen wieder an (zuvor hieß sie Nikolske). Im Gegensatz zu anderen Städten in der Umgebung gab es hier keine Kämpfe. »2014 wurde auch hier ein Referendum über den Beitritt zur Republik Donezk organisiert«, erinnert sich die Rentnerin Walentina Dorojolskaja. »Aber dann kamen die nationalistischen Bataillone und hinderten uns daran, wählen zu gehen, und dann begann der Krieg.« Viele junge Menschen verließen die Stadt, die älteren, Zeitzeugen der UdSSR, sind empfänglicher für den russischen Diskurs, der das Epos des Großen Vaterländischen Krieges wieder aufleben lässt. Viele haben die Symbole der sowjetischen Vergangenheit, die lange Zeit verboten waren, wieder eingeführt. »Dies ist ein Gemälde von Lenin, das jemand in seinem Haus aufbewahrt hat«, erklärt der Generalsekretär der Donezker KP, Boris Litwinow. Es ist jetzt in einer der örtlichen Straßen ausgestellt.

Die Bevölkerung von Donezk, die seit acht Jahren bombardiert wird, hat jeglichen Willen und jede Hoffnung auf einen Wiederanschluss an Kiew endgültig begraben. Überall ist der Buchstabe »Z« auf Autos gemalt, um die russische Invasion zu unterstützen, oder die russische Flagge hängt an Balkonen. In den »neuen Gebieten« ist die Erwartungshaltung eine andere. »Sie und ihre Politik haben alles zerstört«, schreien einige Bürger von Mariupol, das in Trümmern liegt. Die Stimmung der meisten, die geblieben sind, ist von Gleichgültigkeit geprägt. Weder eine Ablehnung Russlands noch ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Ukraine als Staat. Diese Tatsache erklärt zum Teil die Leichtigkeit, mit der die Invasionsarmee vorrücken konnte. »Ich bin hier geblieben, weil dies meine Heimat ist«, sagt Elena Anatolijewna, »aber jetzt werde ich in der Ukraine wahrscheinlich als Verräterin angesehen«. Die Frau ist Konrektorin des Gymnasiums Nummer fünf in der Stadt Wolnowacha, südlich von Donezk, die seit März unter der Kontrolle der »Volksrepublik« steht. »Wir wollen einfach nur Frieden, das ist nicht unser Krieg, es ist ein Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Russland.«

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    »Wir sind der russische Donbass«: In Donezk haben die Menschen auf die Hilfe Russlands gewartet (5.6.2022)
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    Russischer Militärkonvoi auf einer Landstraße (31.5.2022)
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    Zeichen der Unterstützung für die russische »Spezialoperation« in Donezk (30.5.2022)
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    In Sicherheit: Kindergarten in Wolnowacha, der von den Kämpfen verschont blieb (1.6.2022)
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    Wieder erlaubt: Boris Litwinow, Generalsekretär der Donezker KP, bewundert ein Lenin-Gemälde in Wolodarskoje (8.6.2022)

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