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Aus: Ausgabe vom 29.08.2022, Seite 16 / Sport
Schachboxen

Kopf und Faust

Irgendwie cool: Anfangs ein Performanceact, hat sich Schachboxen inzwischen als Sport etabliert
Von Gabriel Kuhn
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Der Mann dahinter: Iepe Rubingh (1974–2020)

Vom gesunden Geist in einem gesunden Körper haben alle schon gehört. Aber nicht unbedingt von einem Sport, der sich als Verwirklichung des Prinzips sieht: dem Schachboxen. Immer wieder erklären Schachboxenthusiasten, dass es die »Kampfsportart Nummer eins« und die »Denksportart Nummer eins« vereine. Josef Galert, zweiter Vorsitzender des Chess Boxing Clubs Berlin, erklärte in einem RTL-Bericht vom Januar 2022 gar, dass das Schachboxen »die ältesten Kulturkämpfe der Menschheit kombiniert«.

Der Ursprung des Schachboxens lässt sich allerdings in der modernen Populärkultur finden. Ein Science-Fiction-Comic des französischen Autors Enki Bilal brachte Anfang der 2000er Jahre den niederländischen Aktionskünstler Iepe Rubingh auf die Idee, einen Wettkampf im Schachboxen aufzuführen. Ein ähnlicher Wettkampf wird im letzten Band von Bilals »Alexander-Nikipol-Trilogie« skizziert.

Rubingh war Ende der 1990er Jahre nach Berlin gezogen. Nach einem dortigen Probegalopp war er selbst einer der beiden Kontrahenten, die sich 2003 in Amsterdam vor 1.000 Zuschauern bei der ersten »Weltmeisterschaft« im Schachboxen maßen. Bald danach wurde aus der Performance ernsthafter Sport. Die Kombination aus Boxen und Schach reizte Athleten und zog ein unkonventionelles Publikum an. O-Ton einer Besucherin bei einem Schachbox­event in Berlin 2014: »Ich kann weder Schach, noch habe ich mich jemals für Boxen interessiert – aber ich finde die Kombination irgendwie cool.«

Wie sieht ein Wettkampf im Schachboxen aus? Er geht über elf Runden von je drei Minuten, sechsmal Schach, fünfmal Boxen, immer abwechselnd. Das Schachspiel wird als Blitzschach ausgetragen, insgesamt haben die Konkurrenten für ihre Züge neun Minuten Zeit. Es gewinnt, wer seinen Gegner k. o. schlägt oder schachmatt setzt. Gibt es nach elf Runden weder K. o. noch Schachmatt, wird die Schachpartie als Remis gewertet, und die Punkte des Boxkampfs entscheiden über Sieg und Niederlage.

Auch in der Geschichte des Schachboxens als Sport ist Rubingh die zentrale Figur. 2004 gründete er den Chess Boxing Club Berlin, den ältesten Schachboxverein der Welt. Andere Städte in Deutschland zogen nach. Im 2009 gegründeten Boxwerk in München entstand unter der Leitung von Nick Trachte eine besonders starke Schachboxabteilung. Der Sport fand auch außerhalb Deutschlands viele Anhänger. Nicht nur in den USA oder Großbritannien gibt es Vereine, auch in Russland oder dem Iran. Der größte nationale Schachboxverband existiert in Indien.

Für die meisten Schachboxer ist Boxen der Einstieg. Doch es gibt auch Schachspieler, die sich entscheiden, in den Ring zu steigen. So war Alina Rath, Mitglied im Chess Boxing Club Berlin und 2019 Weltmeisterin im Halbschwergewicht, 2010 deutsche Meisterin im Blitzschach. Auch international angesehene Schachspieler wie Arik Braun und Lawrence Trent haben schon an Schachboxwettkämpfen teilgenommen. Dass Schachboxer Schach auf hohem Niveau spielen, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Chess Boxing Club Berlin am 29. August mit einem eigenen Team an der Berliner Mannschaftsmeisterschaft im Schnellschach teilnehmen wird.

Wie in jeder Sportart, die zwei unterschiedliche Disziplinen vereint – etwa Biathlon oder die nordische Kombination –, wird emsig die Frage diskutiert, welche Disziplin das Wettkampfformat bevorzugt. In einem Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit erklärte Iepe Rubingh 2012, dass Garri Kasparow in einem Schachboxkampf gegen Wladimir Klitschko chancenlos wäre: Eineinhalb Minuten bzw. zehn Züge würden ihm nicht reichen, um Klitschko schachmatt zu setzen, während Klitschko Kasparow in weniger als einer Minute auf die Bretter legen würde. Doch sobald die Teilnehmer in beiden Disziplinen grundlegende Fähigkeiten haben, reicht es nicht, in einer zu dominieren – man muss beide beherrschen. Schachboxer werden nicht müde, dies zu betonen.

Rubingh verdankte die Anerkennung, die er als Künstler erfuhr, zu einem wesentlichen Teil dem Schachboxen. Als er im Mai 2020 im Alter von 45 Jahren an plötzlichem Herzversagen verstarb, widmeten ihm zahlreiche deutsche Tageszeitungen Nachrufe. In der Süddeutschen Zeitung stand zu lesen: »Dieses spannende Berlin, das im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ein so großes Versprechen war, für Kreative und Künstler, es brachte eine eigene Sportart hervor, die, rückblickend betrachtet, nur in diesem Berlin zu dieser Zeit gedeihen konnte: das Schachboxen.«

Um eine solide ökonomische Grundlage kämpft das Schachboxen freilich bis heute. Leben kann von dem Sport kaum jemand, auch wenn zu seinen Hochzeiten vor rund zehn Jahren anständige Preisgelder gezahlt wurden. Rubingh gründete 2013 die Firma Chess Boxing Global Marketing zur weltweiten Promotion des Schachboxens. Viel geändert hat sich dadurch nicht. Größere Events lassen sich nur durch private Sponsoren stemmen. Dementsprechend vielfältig ist die berufliche Ausrichtung der Aktiven. Was den Chess Boxing Club Berlin betrifft, meint Josef Galert im Gespräch mit jW, dass sich dort »vom besten Pizzabäcker der Stadt bis zum erfolgreichen Bankier« so ziemlich alles findet.

Von Corona wurde das Schachboxen wie die meisten Randsportarten hart getroffen. Wettkämpfe fanden kaum statt, trainiert wurde im Freien. Ein besonderer Rückschlag war freilich der plötzliche Tod Rubinghs zu Beginn der Pandemie. Josef Galert bestätigt, dass dieser schmerzlich vermisst wird. Doch das Schachboxen werde deshalb »nicht aussterben«. Galert berichtet von einem enormen Interesse, das dem Chess Boxing Club Berlin momentan entgegenkomme, Trainingsplätze seien kaum noch frei.

Bis zu einer Olympiateilnahme, von der Rubingh träumte, ist es noch ein weiter Weg. Doch im November soll in Antalya in der Türkei nach zwei Jahren Coronapause endlich wieder eine Weltmeisterschaft stattfinden. Als Sport etabliert hat sich der einstige Performanceact allemal.

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