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Aus: Ausgabe vom 29.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Heute abend hab’ ich Kopfweh

Schlagertexte zum Verzweifeln
Von Eileen Heerdegen
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Küsschen, Küsschen, gute Laune! Ireen Sheer und Patrick Lindner in der ZDF-Show »Willkommen bei Carmen Nebel« (2019)

Im alternativen Kinderladen der 80er zupfte der kleine Fidel-Pablo an seinem Schwänzchen und sang: »Ich spiele auf meiner weißen Gitarre.« Manches bekommt man einfach nicht aus dem Kopf, ich nehme trotzdem an, dass Semino Rossi mit »Ich spiel’ dir ein Lied, das niemand sonst kennt / Auf meiner Gitarre / Von Liebe, die mir die Seele verbrennt / Heute nacht« einen ganz harmlosen Schmachtfetzen zum besten gibt.

Aber es gibt auch Anzügliches im klassischen deutschen Schlager, für Deutlicheres ist allerdings die verstörende Kategorie Ballermann-Party-Musik zuständig. Bei Roland Kaiser gab’s Ende der 70er Andeutungen – »Manchmal möchte ich schon mit dir« –, die sich schließlich in seltsamen Formulierungen auflösten: »… das Wort ›Begehren‹ buchstabieren.« Scrabble?

Allgemein kann man Autoren von Schlagerlyrik nur zu ihrem Mut gratulieren, sich als Urheber zu outen. »Wir sind legendär / … Bonnie und Clyde sind wie wir / Ich seh’ es schon auf allen Wänd’n steh’n, wir können unsterblich sein /… Wir zwei geh’n in die Geschichte ein.« Weiß Anna-Carina Woitschack, die brav wirkende Ehefrau von Volksmusiker Stefan Mross, eigentlich, was sie da singt? Was hat die vor? Ein Ende im Kugelhagel?

Wegweisend könnte daher die Website von Sängerin Tanja Lasch sein, auf der die wichtigsten Songs erklärt werden. »Mama« beispielsweise handelt von der Liebe zur Mutter. Wir leisten uns sentimentale Momente.

Aber grundsätzlich sind wir einfach gut drauf. Wir (Frauen) tanzen gerne, für »Schlaflos – die Nacht mit dir / Bei Diskolicht und fetten Bässen« hat Vanessa Dollinger, österreichisches Talent mit Abitur, einen Preis gewonnen und bekennt: »Ich liebe es, Menschen mit Songs zu berühren und Gefühle zu vermitteln.« Um im Wortsinn auch zu bewegen, kommt selbst das Genre der Negativliebeslieder, wo gelogen, betrogen, gehasst und verziehen wird, fast ausnahmslos im tanz- und klatschtauglichen Rhythmus daher. Soll Adele zu »Someone Like You« doch allein den Blues tanzen, bei uns schieben Herren mit Tanzschulgrundkenntnissen vom Leben enttäuschte Damen im Disco-Fox übers Parkett, in der Hoffnung, der nächste Reinfall zu werden. Nachteile haben sie nicht zu erwarten.

Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben Opfer physischer oder sexualisierter Gewalt, alle 45 Minuten eine Tat, zu 25 Prozent durch aktuelle oder frühere Partner. Jeden dritten Tag ein Femizid.

Aber lieb sind sie doch? »Die Menschen sollten sagen: boah, genau. So einen Scheißkerl hab’ ich auch mal erwischt. Und ich kam einfach auch nicht weg von dem«, erklärt Schlumpf-Stimme Michelle ihr offenbar autobiographisches Werk: »Ach, fahr zur Hölle und komm am besten nie zurück / Und eine Sache noch, nur ’ne Kleinigkeit: Ich liebe dich / Weil du ein Scheißkerl bist / Oh Man, ich steh’ auf dich / … Du süßer Scheißkerl.«

Nicht alle sind so scheiße drauf wie Michelle, Linda Hesse (»Ich bin ja kein Mann«) hat aber zumindest ins gleiche Klo gegriffen: »Mein ganzes Bitten hat mir nichts eingebracht / Komm heul doch jetzt nicht / Sagtest du noch in der Tür / Und hast mich ausgelacht / Doch ich bin ja kein Mann / Ich kann mir Tränen erlauben« – aber dann: »… zieh’ mein engstes Kleid an / Und dann lass ich mich verführen.« Dann aber nicht wieder heulen, Linda!

Eigentlich schwer vorstellbar, dass sich Hunderttausende Frauen in diesen Texten wiederfinden, dass Dauermissachtung ihre Lebenswirklichkeit ist und ihnen Demut und Unterwürfigkeit noch als Größe verkauft werden können.

»Noch stehst du zögernd in der Tür / Und fragst: Was wird aus dir? / Nein, sorg dich nicht um mich / Du weißt, ich liebe das Leben / Und weine ich manchmal noch um dich / Das geht vorüber sicherlich« – Vicky Leandros, 1975, und bis heute der Renner zum Prosecco nachts um zwei.

Die große alte Dame der Contenance aber ist Andrea Berg. »Du hast mich 1.000mal belogen«, schallt ihre Stimme aus den Sozialwohnungen Alleinerziehender und hat der selbstbewusst, gern in Leder auftretenden gelernten Krankenschwester mittlerweile 20 Millionen auf’s Konto gehäuft. »Du hast mich tausendmal verletzt«, aber andererseits: »Ich würd’ es wieder tun, mit dir, heute Nacht.« Ähnlich geht es angeblich auch Kollegin Helene Fischer (35 Millionen). Zusammengefasst: Der On-off-Macker ruft nachts an, Frau Fischer wirft sich atemlos erst in was Verführerisches, dann ins Auto, dann ihm zu Füßen und denkt nicht an »Die Hölle morgen früh«.

Und wem es doch zuviel ist – mit ihrem Dauerbrenner »Heute abend hab’ ich Kopfweh« empfiehlt die irische Lysistrata Ireen Sheer den Sexstreik für alle anerkennungslos putzenden Hausfrauen. Soll er doch mal allein auf seiner weißen Gitarre spielen. So einfach kann konkrete Lebenshilfe sein.

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