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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 12 / Thema
Sprachpolitik

Wir denken, was wir tun

Zum Verhältnis von Sprachpolitik, Bewusstsein und Praxis (Teil 2 und Schluss)
Von Kai Köhler
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The proof of the schnitzel is in the eating. Ein Wort durch ein anderes zu ersetzen, löst die damit verbundenen Probleme noch nicht

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich skizziert, wie der identitätspolitische Teil der Linken den Kampf gegen Rassismus und Sexismus als Kampf gegen einzelne Wörter – statt gegen politische Aussagen – führt und bin auf die Begründungen für dieses Tun eingegangen. Außerdem habe ich auf Unzulänglichkeiten der Vorschläge für eine neue Sprachpraxis hingewiesen. Eine gründliche Widerlegung dieses sprachpolitischen Konzepts muss indessen bei der zumindest impliziten theoretischen Grundannahme ansetzen: der Entsprechung von Sprache und Denken. Diese muss sich beim Vergleich verschiedener Sprachen als richtig erweisen. Einige Beispiele von Übersetzungsproblemen haben indessen gezeigt, dass die Zweierkonstellation von Sprache und Denken durch einen dritten Faktor erweitert werden muss, den der gesellschaftlich bestimmten Praxis.

Sprache überhaupt hat also stets mit Praxis zu tun, mit Sprechen also; es sind ja tatsächlich die täglich millionenfach wiederholten bzw. abgewandelten Sprechakte, die eine Sprache in ihrer Entwicklung ausmachen. Man spricht, wenn man mit der Wirklichkeit umgehen muss. So verwiesen Vertreter der These, dass jede Sprache eine eigene Welt ausmache, auf die Inuit, die angeblich über zahlreiche Wörter für Schnee verfügen. Das scheint einsichtig: In den Schnee- und Eislandschaften Grönlands oder Nordkanadas kann das Überleben davon abhängen, die genaue Beschaffenheit der Umgebung zu erkennen und sich darüber eindeutig zu verständigen.
Freilich ist schon der Befund kritisiert worden: Alle Bezeichnungen für Schnee seien tatsächlich nur von zwei Wortkernen abgeleitet. Ob dies nun stimmt oder nicht: Man könnte unter Hinzuziehung von Adjektiven auch im Deutschen die verschiedenen Schneesorten benennen.

Mit einem Gedanken von Roman Jakobson gilt: »Sprachen unterscheiden sich hauptsächlich durch das, was sie vermitteln müssen, und nicht durch das, was sie vermitteln können.« (»On Linguistic Aspects of Translation«, 1959). Mit dem im ersten Teil angeführten Sprachpaar Deutsch-Koreanisch lässt sich das konkretisieren. Es gibt im Koreanischen zum Beispiel kein Wort für »Schwester«, statt dessen Wörter für »ältere Schwester« (»Onni«) und »jüngere Schwester« (»Dongseng«). Das Deutsche erlaubt die Präzisierung, das Koreanische erzwingt sie. Dies verweist auf eine Gesellschaft, in der zumindest bis in die jüngste Vergangenheit nicht nur Familie zentral war, sondern auch die Hierarchie innerhalb der Familie – also wiederum auf eine soziale Praxis.

Verhältnis zur Welt

Freilich sieht man möglicherweise Dinge nicht, die man hätte sehen können, hätte man präzise Bezeichnungen für sie gelernt. Bessere Beispiele als Fremdsprachen bieten vielleicht Fachsprachen, die sich besonders offensichtlich aus Bedürfnissen der Praxis gebildet haben. Ohne diese Fachsprachen zu lernen, werde ich bestimmte Arbeitsvorgänge nicht verstehen und vermutlich auch nicht ausführen können.

Stimmt also doch der berühmte Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein: »Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt«? Selbstverständlich nicht. Zum Beispiel sichert es kein langes Leben, das Wort »Krebs« nicht zu kennen. Aus dem Bereich der Wahrnehmung fehlt uns ein differenzierter Wortschatz für Gerüche und Geschmack. Man beißt in ein Stück Brot, merkt: »Igitt, das ist verschimmelt!«, auch ohne ein Wort dafür zu haben oder wenigstens umschreiben zu können, wie Schimmel schmeckt. Wir haben zudem ein Körpergedächtnis. Die ersten paar hundert Meter Radfahren in unserem Leben sind schwierig, vielleicht fallen wir um. Danach wissen wir, ganz ohne Sprache, wie wir uns zu bewegen haben. Ein Nachdenken darüber, wie wir erst die linke Pedale treten und dann die rechte, wie wir überhaupt das Gleichgewicht halten, würde uns eher gefährden, als die Stabilität zu fördern.

Gehen wir von der Ebene der Wörter auf die der Grammatik. Ein beliebtes Beispiel derjenigen, die eine Identität von Sprache und Denken vertreten, ist die Sprache der Hopi-Indianer. Die Hopi sollen – nach dieser These – weder grammatisch noch mittels Wortschatz über die Möglichkeit verfügen, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden. Auch diesem Befund wurde zwar empirisch widersprochen. Aber stellen wir uns für einen Moment vor, eine solche Sprache würde existieren – würden damit ihre Sprecher in einer immerwährenden Gegenwart leben? Das hieße, dass jede Planung unmöglich wäre. Kein Ackerbau – der mindestens den Gedankengang »Erst säen, später ernten« voraussetzt. Kein Fallenbau – man bastelt ja solch ein Gerät, damit in der Zukunft ein essbares Beutetier darin zappelt. Kurz: Diese Phantasie-Hopi müssten, um zu überleben, der These von der Identität von Sprache und Denken entgegen eine Vorstellungswelt haben, die über ihre sprachlichen Möglichkeiten hinausgeht.¹

Bestätigt wird dies durch eine Entwicklung im Deutschen der Gegenwart. Das Futur geht allmählich verloren. Niemand sagt mehr, kaum jemand schreibt noch: »Morgen werde ich nach Leipzig fahren.« Statt dessen heißt es: »Morgen fahre ich nach Leipzig.« Geht dadurch eine Möglichkeit der Zeitwahrnehmung verloren? Sicher wird niemand aus Versehen deshalb schon heute zum Bahnhof laufen.

Zusammengefasst: Ich habe in aller Kürze die These widerlegt, dass Sprache (bzw. Sprechen) und Denken identisch seien, und gezeigt, dass es erstens ein Verhältnis zur Welt außerhalb der Sprache gibt und zweitens, dass auch Sprache eng mit außersprachlicher Praxis verbunden ist. Damit allerdings habe ich nur eine verkürzte Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Politik zurückgewiesen.

Politische Wörter

Das mögliche Gegenargument der identitätspolitischen Sprachkämpfer könnte so gehen: Gut, zugegeben, es gibt die Ebene der Praxis. Aber auf genau dieser Ebene bewegen auch wir uns! Denn es geht uns nicht um Sprache als ein Zeichensystem der Welterfassung, sondern es geht uns ums Sprechen. Und Sprechen ist, wie jede Kommunikation, soziale Praxis. Ändert man diese Praxis, so ändert man das Verhältnis zur Welt und dadurch das Verständnis der Welt.

Ich überprüfe dies nun zunächst auf der Wortebene, denn diese Ebene ist am einfachsten zu erfassen. Zu diesem Zweck spreche ich über fünf Wörter, die für verschiedene Fälle stehen.
Das erste dieser Wörter ist »Imperialismus«. Dieses Wort auf heutige Verhältnisse bezogen zu verwenden hat unzweifelhaft politische Nachteile. Man steht dadurch nach Ansicht wohl einer Mehrheit als Ewiggestriger da. Gilt also auch hier das, was ich im ersten Teil auf politisch-pragmatischer Ebene gegen abschreckende identitätspolitische Sätze festgestellt habe? Nur sehr bedingt. Das Wort »Imperialismus« ist nicht einfach durch ein anderes Wort zu ersetzen, das freundlicher oder kompromissbereiter klingt. Man kann statt »Zigeuner« neu »Sinti und Roma« sagen und bezeichnet dieselbe Gruppe von Personen. Verliert man das Wort »Imperialismus«, so steht keine Ersatzbezeichnung für diese Sache zur Verfügung. Zugleich steht »Imperialismus« für ein politökonomisches Verhältnis, das – anders als der Schimmelgeschmack von Brot – unmittelbar sinnlich zu erfahren unmöglich ist. Gäbe man das Wort auf, verlöre man also zugleich die Möglichkeit, die Sache zu denken. Ähnliches gilt übrigens für das Wort »Klasse« und die damit bezeichnete Sache.

Etwas anders steht es mit »Ausbeutung«. Dieses Wort hat bei Marx seine genaue Bedeutung, nämlich die Aneignung des Mehrwerts durch den Kapitalisten. Hier scheitert die Kommunikation oft daran, dass sich alltagssprachlich eine ganz andere, nämlich moralisierende Bedeutung des Worts durchgesetzt hat, die Ausbeutung mit Elend in eins setzt.

Drittens kann mit einer Wortprägung die Existenz eines politischen Verhältnisses suggeriert werden, das es gar nicht gibt. Wenn die Nazis eine »Endlösung der Judenfrage« versprachen, war nicht nur das verharmlosende Wort »Endlösung« eine Lüge. Falsch war schon die Grundlage, nämlich dass es überhaupt eine Judenfrage gäbe.

Mein viertes Beispiel bringt einen Fall, in dem es für ein und dieselbe politische Sache mehrere mögliche Wörter gibt. Wer von »Sanktionen« spricht, ruft damit die Vorstellung auf, es gebe ein Fehlverhalten, das nun bestraft werden müsse. Moralisch steht das für Gerechtigkeit, politisch und völkerrechtlich für jene »regelbasierte Ordnung«, die der Westen zu vertreten behauptet. Nun ist tatsächlich leicht zu erkennen, dass die sogenannten Sanktionen interessengeleitet sind, nämlich um konkurrierende Mächte zu schwächen und Widerstand zu ersticken. Im Regelfall treffen sie die Zivilbevölkerung, oft fordern sie mehr Opfer als ein Militäreinsatz. Das zutreffende Wort wäre also »Wirtschaftskrieg«.

Auch mein letzter Fall bezieht sich auf einen Euphemismus. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs verkündete die Nazipropaganda, wenn ein Rückzug nicht zu leugnen war, es sei eine »Frontbegradigung« vorgenommen worden. Das Wort sollte nahelegen, dass es sich um eine planmäßige Aktion gehandelt habe und nun sogar eine verbesserte Stellung eingenommen worden sei. Allerdings verlor das Wort – und mit ihm die Lüge – im Lauf der Zeit an Überzeugungskraft. Wenn irgendwann die begradigte Front 500 Meter vorm Brandenburger Tor verläuft, wird auch der gläubigste Volksgenosse misstrauisch.

Erfahrung organisieren

Kurz gesagt – und damit komme ich zur Auswertung meiner Beispiele: Propaganda mit dem Wort »Frontbegradigung« funktionierte von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht mehr, Propaganda mit dem Wort »Sanktionen« funktioniert dagegen auf absehbare Zeit sehr gut. Der Unterschied zwischen den beiden Fällen liegt nicht im Wissen: Die Äußerung der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright, dass der Kampf gegen Saddam Hussein 500.000 an den Folgen der Sanktionen gestorbene Kinder wert gewesen sei, ging durch die meisten Medien. Doch eine halbe Million Tote bleiben in der Wahrnehmung abstrakt, zumal wenn die Opfer einzeln verhungern und nicht als Leichen zusammen auf einer Straße liegen. Ein alliierter Panzer vor der Haustür ist dagegen nicht nur etwas, das man sehr eindrücklich erlebt. Anders als zu einem Zeitungsartikel muss man sich zu ihm praktisch verhalten, und das ist einprägsam.

Der Stellenwert von Erfahrung erklärt auch, weshalb der moralische Begriff von Ausbeutung den wissenschaftlich-marxistischen verdrängen konnte. Elend als Ergebnis besonders rücksichtsloser Behandlung von Lohnabhängigen kann man sehen – nicht aber den Vorgang, wie sich ein Kapitalist Mehrwert aneignet. Ebenso ist »Imperialismus« nur in der plattesten Verschiebung direkt wahrnehmbar: Ein mächtiges Land überfällt ein weniger mächtiges. Eine politökonomische Theorie wie die Lenins ist, verglichen damit, abstrakt.

Sprach- oder genauer Sprechpolitik hat also nur unter bestimmten Voraussetzungen Aussicht auf Erfolg. Was das Lügen mittels Wortwahl angeht, so kommt man damit durch, solange beim Zielpublikum keine Erfahrung der Sache vorliegt. Sobald sich das ändert, ist das Wort verbraucht; Beispiel dafür ist die »Endlösung«, die im heutigen Deutsch auch in harmlosen Zusammenhängen kaum mehr vorkommt. Entsprechend sind zutreffende Begrifflichkeiten und Worte dann zu vermitteln, wenn eine entsprechende Erfahrung organisiert wird. Dass es etwas gibt wie »Klasse«, wird in dem Moment überzeugend, in dem die Klasse handelt.

Praxis bestimmt Sprachinhalt

Was hat all das mit Sprache und Identitätspolitik zu tun? Es zeigt, dass es nicht ausreicht, Wörter auszutauschen. Allein schon Höflichkeit und Rücksichtnahme gegenüber den Betroffenen legen es zwar nahe, statt »Zigeuner« nun »Sinti und Roma« zu sagen. Doch solange Personen auf der Straße betteln, die als Angehörige dieser Gruppe erkannt oder ihr fälschlicherweise zugeordnet werden, wird die Abwertung der Gruppe nicht aufhören. Zum Betteln muss man sich praktisch verhalten, und jede Praxis ist einprägsamer als der Gebrauch alter oder neuer Bezeichnungen.

Manchmal sind alte Wörter sogar die tauglicheren, nämlich wo es darum geht, eine hierarchische und rassistische Praxis kenntlich zu machen und ihre Verbindung mit dem Imperialismus zu zeigen. Wer in Theatern die Toiletten putzt, die dort vorwiegend von als weiß geltenden Personen benutzt werden, wer zum dritten Mal innerhalb einer Woche anlasslos einer Polizistin den Ausweis zeigen muss, wer sich schließlich zwecks Abschiebung im Flugzeug wiederfindet – ist das kein Neger? Hier liegt ein Grenzfall vor. Als polemische Eigenbezeichnung ist die kritische Absicht eindeutig; als ebenso polemische Fremdbezeichnung wäre auf den Zusammenhang zu achten, um ein Missverständnis zu vermeiden. Klar ist hingegen, dass nette Wörter für weniger nette Verhältnisse die Gefahr bedeuten, die Lage zu verharmlosen. Die Frage nach der Bezeichnung verliert jedenfalls an Bedeutung, sobald die Realität sich ändert. These: Die rassistische Wahrnehmung wird vor allem dann geschwächt, wenn es mehr schwarze Rechtsanwälte, Ärzte, Landtagsabgeordnete oder Leutnants gibt.

Ich habe sehr viel über die Wortebene gesagt, und es bleibt die Ebene der Grammatik. Hier ist umstritten, ob es eine Verknüpfung von grammatischem Geschlecht einerseits, dem Sex oder Gender von Personengruppen andererseits gibt. Die traditionelle Sprachwissenschaft ging vom sogenannten generischen Maskulinum aus, was impliziert, dass in einer Formulierung wie »die Lehrer« die Lehrerinnen eingeschlossen seien. Dagegen wird neuerdings gefordert, die Lehrerinnen auch sprachlich sicht- oder hörbar zu machen. Dies kann im Plural durch Aufzählung geschehen (Lehrerinnen und Lehrer) oder durch ein groß geschriebenes Binnen-I. Dem Grundsatz gemäß, dass die Schrift dem Gesprochenen entsprechen soll, lässt sich das auch akustisch durch eine kurze Sprechpause markieren: »Lehrer-Innen«. Allerdings sind wir hier immer noch bei der Zweiteilung der Geschlechter. Was in letzter Zeit an optischen Signalen vorgeschlagen wurde, um von der Dichotomie von männlich vs. weiblich wegzukommen, in der Grammatik wie in der Außenwelt, das lässt sich nicht mehr sagen. Zumindest ist beim Hören unmöglich zu entscheiden, ob mit der Pause das Binnen-I, ein Unterstrich, ein Sternchen oder ein Doppelpunkt gesprochen wurde.

Sind solche Ansätze notwendig? Es gibt Sprachen, die grammatisch kein Geschlecht kennen. Das Englische hat nur den Artikel »the« und für alle die Bezeichnung »Teacher«. Viele ostasiatische Sprachen haben gar keinen Artikel und keine markierte Pluralform. Dass diese Gesellschaften deshalb weniger patriarchal geprägt seien als die deutsche, lässt sich kaum behaupten. Offensichtlich ist auch auf dieser Ebene die Bedeutung der Sprache für die Praxis geringer als behauptet.

Sind die Ansätze zu einer angeblich gendergerechten Sprachreform wenigstens aussichtsreich? Versuche, beide oder gar alle Geschlechter nicht nur an einzelnen Stellen signalhaft, sondern durchgängig hörbar zu machen, widersprechen dem Prinzip der Sprachökonomie. Ich vermute deshalb, dass sie sich nicht durchsetzen werden. Gleiches gilt für konstruierte Neuerungen: Die von der Arbeitsgruppe »Feministisch Sprachhandeln« an der Humboldt-Universität vorgeschlagene Lösung, ein geschlechtsneutrales »x« als Endung zu verwenden, dürfte schon an der Sprechbarkeit scheitern. Man mag ja in der E-Mail noch schreiben, so ein tatsächlich verwendetes Beispiel: »Liebx Profx«. Es zu sprechen ist schon schwieriger. Das gilt zwar in geringerem Maße für die Variante, die eine Stadtteilzeitschrift in meinem Berliner Wohngebiet genau eine Ausgabe lang erprobte, nämlich ein geschlechtsneutrales »i« anzuhängen. Die Anrede als »liebes Lesi« bzw. im Plural »liebe Lesis« führte zu etlichen Lesibriefen, deren Verfassis sich dagegen wehrten, derart verkindlicht zu werden.

Auch hier stellte sich der Versuch, einen Sprachwandel zu erzwingen, als sicheres Mittel heraus, eine an sich wichtige Sache, nämlich die Gleichstellung der Geschlechter, in Misskredit zu bringen. Und auch hier gilt, dass die Praxis über den Inhalt der Sprache bestimmt und nicht umgekehrt. Wenn es selbstverständlich ist, dass Frauen in bestimmten gesellschaftlichen Positionen auftauchen, dann bezeichnet die Sprache das auch. Frauen in der DDR konnten darum sogar im Singular über sich sagen: »Ich bin Arzt«, ohne dass sie sich dadurch dem Patriarchat unterwarfen. Wo aber Frauen fehlen, stellt die sprachliche Gleichbehandlung eine Welt dar, die nicht existiert. Als Extremfall erinnere ich mich an einen militärgeschichtlichen Sammelband, in dem politisch korrekt durchgängig von »GeneralInnen« geschrieben wurde, ohne dass für die behandelten Zeiten die Existenz einer einzigen Generalin nachgewiesen worden wäre.

Ich fasse zusammen. Ein Großteil der identitätspolitischen Sprachforderungen ist sektiererisch und diskreditiert wichtige Anliegen. Die identitätspolitische Wut trifft vor allem mögliche Bündnispartner. Dagegen bietet sie den realen Gegnern willkommene Anlässe, sich freiheitlich zu geben und sich über linke Verrücktheiten auszulassen. Grundlage der Forderungen ist zum einen eine herbeigeredete Empfindlichkeit gegen Sprechhandlungen – als wären Worte, und zwar unabhängig von ihrem Kontext, das Problem und nicht eine rassistische oder sexistische Praxis. Zum anderen wird der Zusammenhang zwischen Sprache und Praxis verdreht. Manipulation mittels Sprache ist dauerhaft nur dort möglich, wo keine Erfahrung sie widerlegt; darum zum Beispiel sind Euphemismen wie »Endlösung« oder »Konzentrationslager« verbraucht.

Folgerungen

Es bleiben zwei Fragen. Die erste ist die nach den Gründen dieser Sprachforderungen. Man könnte meinen, dass es sich um Kompensation handelt: Wo reale Erfolge ausbleiben, weicht man auf symbolische Felder aus. Doch ist diese Antwort unzureichend: Gerade geschlechterpolitisch gab es in den letzten Jahrzehnten Fortschritte. Auf einem anderen identitätspolitischen Feld hingegen, dem Kampf gegen den als Diskriminierung begriffenen »Klassismus«, gibt es sprachpolitisch nichts zu vermelden, obwohl die Klassenspaltung sich in derselben Zeit vertieft hat.

Zumindest bei den eingangs erwähnten Formen der Wortmagie dürfte die Moralisierung von Politik eine große Rolle spielen. Wenn ich bestimmte Wörter nicht sage und all diejenigen verteufle, die sie weiterhin aussprechen, kann ich mich auf einfache Weise als guter Mensch fühlen. Praktisch hat das den Vorteil, dass dieser Zorn keine Grundlagen der Herrschaft gefährdet und harte Kämpfe ausbleiben (bis auf Auseinandersetzungen innerhalb der identitätspolitischen Linken selbstverständlich, wo es unendlich viele Möglichkeiten gibt, kleinste Spaltungen auszuleben).

Der wichtigste Grund aber ist vielleicht wieder einer der Praxis. Er ist in der Akademisierung der Linken zu suchen. Handeln in Universitätsseminaren ist in der Tat zu einem ungewöhnlich großen Teil Sprechhandeln. In dieser Lebenswelt liegt der Fehlschluss nahe, Realität überhaupt mit Sprache in eins zu setzen.

Die zweite Frage übernehme ich von Lenin. Sie lautet: Was tun? Mein Ratschlag wäre, im persönlichen Umgang individuelle Wünsche zu respektieren. Wer unbedingt als »Profx« angeschrieben werden möchte, sollte seine Anrede erhalten. Keinesfalls aber sollten sich Linke den Buß- und Selbstbezichtigungsritualen unterwerfen, die angebliche Bündnispartner von ihnen nach einem angeblichen Fehltritt verlangen. Man wird davon ohnehin niemals genug liefern können. Essentiell bleibt auch, dass das Argument zählt, doch niemals, wer etwas sagt. Das heißt nicht, auf politische Neugier gegenüber anderen Erfahrungswelten zu verzichten. Natürlich gibt es von dort etwas zu lernen. Doch sollte zuletzt die eigene Position kein Resultat einer Bußübung angesichts wirklicher oder angeblicher Privilegien sein, sondern auf eigener Erkenntnis beruhen. Und Erkenntnis entsteht nicht, wenn man auf böse Wörter zugunsten guter Wörter verzichtet, sondern in der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Herrschaft.

¹ Zur Widerlegung der Entsprechung von Sprache und Denker prägnant Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache. Das Buch verdeutlicht den Unterschied zwischen linguistischem Forschungsstand und verbreitetem kulturwissenschaftlichem Sprachidealismus. Deutscher weicht vom linguistischen Konsens nur insofern ab, als er sehr vorsichtig sprachliche Einflüsse auf die Wahrnehmung von Wirklichkeit doch erwägt.

Teil 1 der Untersuchung unseres Autors Kai Köhler erschien in der Wochenendausgabe vom 13./14. August: »Bessere Wörter, bessere Welt?«

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  • Leserbrief von Robert Martschinke aus 48155 Münster (16. August 2022 um 18:19 Uhr)
    Ein Plädoyer für korrektes Zitieren. Der »berühmte Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein« – Tractatus, Satz 5.6 - lautet tatsächlich: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« (»Die Grenzen meiner Sprache« hat der Autor im Original wohl bewusst kursiv gesetzt.) »Sein« und »bedeuten« sind bei Wittgenstein keineswegs identisch. Es gibt schließlich auch »das Unsagbare«, das Sache der Philosophie ist – sowie jenes gewisse Etwas, »wovon man nicht sprechen kann«, also darüber schweigen muss. »Was das Lügen mittels Wortwahl angeht, so kommt man damit durch, solange beim Zielpublikum keine Erfahrung der Sache vorliegt.« Das unterschlägt wiederum, dass man sich Begriffe und Sachverhalte auch durch Reflexion aneignen kann. Den Begriff »Imperialismus« habe ich – um noch mal Wittgenstein zu zitieren – »mit der Sprache gelernt«. Dank aufmerksamer Lenin-Lektüre vielleicht.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Philipp S. aus Innsbruck (15. August 2022 um 11:38 Uhr)
    Im Hinblick auf den Sprachgebrauch des Wortes Sanktion: Es kann neben den bereits geschilderten Verwendungsarten noch im Sinne der Heiligsprechung verstanden werden. z. B. »Die Kreuzfahrer erhalten die Sanktion des Papstes.«