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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Medien

Ein kleines Steinchen nur

Verlegerin, Philanthropin und Milliardärin der Herzen: Friede Springer wird 80. Eine Verbeugung
Von Stefan Gärtner
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Kirk Douglas (l.) wusste noch, was sich gehört, und Friede Springer war sichtlich angetan (Berlin, 1988)

Sozialdemokrat will man ja sowieso nicht sein, und das Internet wusste wieder mal, warum: »Die Witwe von Axel Springer hat am Montag Geburtstag. Berlins Bürgermeisterin Franziska Giffey findet warme Worte für die Milliardärin«, und sollte man seinen Kindern je erklären müssen, was das eigentlich ist, Sozialdemokratie, dann lautet die Erklärung: Sozialdemokratie ist, sich für die Armen und Schwachen einzusetzen, dabei aber warme Worte für Milliardärinnen zu finden, als hätte die Armut mit den Milliarden nichts zu tun.

Milliardärinnen, soviel ist wahr, können es Sozialdemokratinnen ihrerseits recht machen, indem sie zum Beispiel 70 Millionen Euro für ein Herzzentrum spenden; doch wenn Leute wie der Schriftsteller Christian Baron eine »Wirtschaftsdemokratie« fordern, dann meinen sie nicht, dass Demokratie Milliardärinnen zum Geburtstag gratuliert, damit hin und wieder ein Herzzentrum dabei abfällt, sondern eine, in der die 70 Millionen für ein Herzzentrum ohne Umweg über die Spendierlaune unserer Milliardärinnen da sind. Bis es soweit ist, steht Friede Springer, fünfte Frau und Erbin Axel Cäsar Springers, auf der Webseite mein-erbe-tut-gutes.de im roten Kostüm am Wasser und lässt ausrichten: »Das Leben der Menschen zu erleichtern – das ist mein Mosaiksteinchen in einem großen Bild aus vielen bunten Steinchen. Vielleicht bin ich das, was ein großes Bild komplett macht. Aber ein ganz kleines Steinchen nur.« Ein wirklich ganz kleines, das das Leben der Menschen erleichtert, indem es ihre Aggressionen auf Fremde oder Schmarotzer umlenkt (Bild: »Hat dieser Arbeitslose drei Frauen vergewaltigt?«).

Aber seien wir fair: Friede Springer geb. Riewerts kam als Kindermädchen ins Haus Springer und wurde eine der mächtigsten Medien- und Konzernfrauen überhaupt; muss eine auch erst einmal hinkriegen. »Eine Frau, hin- und hergerissen zwischen Vergangenheit und Zukunft und auf der Suche nach einem eigenen Leben. Raus aus dem Kokon, in den sie während ihrer Ehe mit Axel Springer und in den Jahren danach eingesponnen war«, beschrieb der Springer- und Bild-Mann Claus Larass 2005 im Handelsblatt die Hin- und Hergerissenheit einer Frau, die »eine Ehe wie auf Zehenspitzen« geführt habe. »Vertraute berichten, dass sie fragend zu ihrem Mann blickte, wenn das Telefon ging. Soll ich abheben?« Heute soll und darf sie, wenn das nicht ihr Vorzimmer erledigt, und also hat es sich doch gelohnt, die fünfte große Liebe eines Mannes gewesen zu sein, der ihr verbot, zur Hochzeit ihre Familie einzuladen: der Vater Gärtnermeister, die Mutter Hauswirtschaftslehrerin und also, wie der Springer-Geselle Peter Boenisch das nannte, »Primitivos«, die man melken, aber nicht sehen will.

Heute lädt Friede Springer selbst ein, und zwar sogar Primitivos wie den Medienclown Eckart von Hirschhausen, der dann auf dem Foto neben ihr steht wie ein Landmann, der sich vor Ergriffenheit gleich in die Hose macht, weil er bei der Königin sein darf. Überhaupt ist Friede Springer, die heute 80 wird, wie die Queen: topfit, schwerreich und immer irgendwie da, mit dem nicht ganz kleinen Unterschied, dass Friede was zu melden hat und die Regierende Bürgermeisterin der deutschen Hauptstadt ihr »dankbar« ist. Ist Franziska Giffey der Queen dankbar? Sicher nicht, und wofür denn auch?

Friede Springer hat das Feld bestellt und einen großen Teil ihres großen Anteils am Springer-Konzern nicht eben der Stadt Berlin oder der Deutschen Herzstiftung, aber doch dem Mathias Döpfner geschenkt, ein halbes Jahr bevor der den Edelfinger Julian Reichelt als »letzten und einzigen Journalisten in Deutschland« lobte, der noch mutig gegen den »neuen, autoritären DDR-Staat« (wegen Coronaregeln) aufbegehre. Denn es geht, hatte die FAZ in ihrer Schenkungsanalyse gewusst, »um die Grundlagen der Demokratie und das Überleben eines sowohl vom Staat wie von der Gunst von Megakonzernen unabhängigen Pressejournalismus«, und dass die Axel Springer SE, dieser gute deutsche, vorbildlich demokratische Mittelstand da mitbaut, dazu will Friede Springer ihr Mosaiksteinchen beigetragen haben.

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  • Leserbrief von Hufnagel aus Wattenscheidt (15. August 2022 um 08:41 Uhr)
    Kreislauf des Geldes: In diesem gespendeten Herzzentrum arbeiten viel zu wenige und schlecht bezahlte Menschen, damit Profite erwirtschaftet werden, die als Dividende ausgezahlt werden können. Die Parteien erzählen was von sozialer Marktwirtschaft und der Zeitungskonzern verbreitet dieses Märchen täglich. Die Schlechtbezahlten kaufen die Bild-Zeitung und machen es der Milliardärin möglich, zu spenden.

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