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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 8 / Ansichten

Kolonialhenker

Der Westen und der Taliban-Sieg
Von Arnold Schölzel
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Das einzige Problem, das zu Afghanistan angesprochen wird, ist die Evakuierung der sogenannten Ortskräfte (Aus Kabul Ausgeflogene in Bundeswehr-Airbus, August 2021)

Ein Jahr nach dem Einzug der Taliban in Kabul – Eroberung war mangels Widerstand nicht nötig – gehen die Geschäfte in den Staaten, die den Kolonialkrieg am Hindukusch 20 Jahre lang führten, ihren gewohnten Gang. Ein Interview mit der deutschen Innenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigt zum Beispiel Bild am Sonntag mit Standardnichtigkeiten an: Faeser sehe »neue Gefahren von links und kämpft für mehr Zuwanderung sowie mehr Abschiebungen«. Das einzige Problem, das zu Afghanistan angesprochen wird, ist die Evakuierung der sogenannten Ortskräfte, das heißt auch der Agenten westlicher Geheimdienste.

Das ist für Herrenvolkdemokraten angemessen: Was gehen einen die Bürger eines Staates an, den man wegen »uneingeschränkter Solidarität« (Gerhard Schröder) mit den USA zertrümmern half? Sie erhielten »Demokratie« importiert und eine Nation aufgebaut – höchste Werte also. Wenn NATO und EU dafür ein Land bombardieren, mit Drohnen Tausende Zivilisten ermorden und insgesamt wahrscheinlich etwa 250.000 Tote hinterlassen, heißt das lediglich: Bewohner solcher Gegenden haben davon keine Ahnung. Sie werden nicht mehr »Primitive« genannt, nur hinterlassen die Kolonialhenker dieselbe Not wie zu Zeiten solcher Sprache. Russen sehen ja auch nur äußerlich wie Europäer aus.

Außerdem, so der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) 2002, musste die Bundeswehr »Landesverteidigung am Hindukusch« leisten. Afghanische Bürger – in der Bundesrepublik leben nach Vertreibung und Flucht laut Auswärtigem Amt heute 300.000 – waren zwar an den Anschlägen des 11. September 2001, die den Vorwand für die 20jährige »Selbstverteidigung« der USA lieferten, nicht beteiligt. Aber Tatsachen hinderten schon 2001 die regierenden SPD und Bündnis 90/Die Grünen nicht an der Zustimmung zu Kriegskrediten. PDS-Bundestagsabgeordnete, die damals Kritik übten, wurden so niedergemacht wie heute jemand, der die »Zeitenwende«-Waffenlieferungen und den Wirtschaftskrieg gegen Russland in Frage stellt. Geändert hat sich: Wer’s in der Linke-Fraktion macht, wird von den eigenen Leuten angezählt.

Die FAZ resümierte am Samstag, Afghanistan sei mit dem »investierten« Geld, das aus dem Westen vor allem in die Taschen der in Kabul installierten Politmarionetten floss, »eines der korruptesten Länder der Erde und eines der größten Drogenanbaugebiete« geblieben. Da kann sich die Bundesregierung nicht auch noch ums selbst verursachte Elend kümmern. Lebensmittel gebe es genug, sagte der Caritas-Vertreter in Kabul am Freitag, die Menschen hätten aber kein Geld. Mehr als 50 Prozent der 38 Millionen Einwohner litten Hunger, 95 Prozent unter größten wirtschaftlichen Problemen.

Die USA haben regelbasiert wie im Fall Russland auch aus dem Staatsbesitz Afghanistans Milliarden US-Dollar faktisch gestohlen und morden weiterhin mit Drohnen. Die Henkergeschäfte gehen ihren Gang.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (17. August 2022 um 10:10 Uhr)
    Ich weiß wohl … Ich weiß wohl, was es soll bedeuten, dass ich so tieftraurig bin. Eine Nachricht aus jüngsten Zeiten, die geht mir nicht aus dem Sinn. Sie stand in der Rheinischen Zeitung, ganz unauffällig platziert, als wäre sie kaum von Bedeutung und beinahe hätte ich sie ignoriert. Dort stand in nur wenigen Worten, was im fernen Afghanistan, durch eine heimtückisch-westliche Drohne friedlichen Menschen dort angetan. Eine fröhliche Hochzeitsgemeinschaft tanzend im Sonnenschein, als aus dem deutschen Ramstein der Tod brach über sie herein. Und so lautlos wie sie gekommen, die Drohne wieder entschwand; achtzig Menschen das Leben genommen, die niemand in Deutschland je gekannt. Ich weiß nun, was es bedeutet, dass ich so tieftraurig bin. Und ich schäme mich bis heute, weil auch ich ein Mittäter bin. (Berlin, 14.05.2019 / Reinhard Hopp)
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (17. August 2022 um 10:01 Uhr)
    »Wer zum Schwerte greift, wird durch das Schwert umkommen.« (Matthäus 26,52) Also auch wir Mörder und unsere Mordsfreunde. Denn »Mutter Erde« hat ein langes Gedächtnis und sie wird ihre verfluchten Bastarde alle verbrennen, ersäufen und zerschmettern. Das Inferno rückt bereits erkennbar immer schneller und massiver auch an unsere Herrenmenschenfestungen heran, und am Ende wird auch der Henker seiner Exekution nicht entgehen können.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (14. August 2022 um 21:27 Uhr)
    Der FAZ empfehle ich wärmstens die Lektüre des Buchs von Michael Lüders: »Hybris am Hindukusch« – und zwar vom Anfang bis zum Ende. Insbesondere könnte sie etwas über die Art der wertewestlichen »Investitionen« und die Entwicklung der Drogenanbaugebiete seit zwanzig Jahren erfahren. Voraussichtlich lässt die FAZ aber lieber lesen …
  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen (14. August 2022 um 20:36 Uhr)
    Eines ist jedenfalls mal gesichert, die Waffenindustrie, vor allem die der USA hat durch ihren angezettelten Krieg tüchtig verdient, hinzu kommt noch das eingesackte Staatsvermögen Afghanistans, das abgestaubt wurde. Darüber hinaus konnten durch diesen Krieg die führenden westlichen »Wertestaaten« ihre neuesten Waffen austesten. Gleichzeitig wurden andere ungefügige Trikontstaaten für eigene Wege abgeschreckt, schließlich wissen die ziemlich genau, was ihnen blüht, wenn sie nicht fügsam sind. Die NATO wird ihnen jederzeit dann harte Schläge verpassen.

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