Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Sa. / So., 1. / 2. October 2022, Nr. 229
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 5 / Inland
Nachhaltigkeit

Reparatur statt Neukauf

Nabu: Produzenten müssen verpflichtet werden, Elektrogeräte so herzustellen, dass sie einfacher oder überhaupt zu reparieren sind
Von Gerrit Hoekman
imago0128150302h.jpg
Besser als Neukauf: Techniker bei Instandsetzung einer Waschmaschine

Klare Ansage oder Realitätsferne? »Um teure Neuanschaffungen wie eine Waschmaschine zu vermeiden, muss mehr repariert werden«, wird der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Leif Miller, am Donnerstag in einer Pressemitteilung zitiert. »Durch das Reparieren leben unsere Geräte länger, und das spart massiv Ressourcen und CO2-Emissionen ein.« Aber wer beispielsweise schon einmal sein Handy reparieren lassen wollte, weiß: Die Reparatur ist oft fast so teuer wie ein Neugerät. Und es braucht natürlich Menschen, die den dann viel größeren Arbeitsumfang fachgerecht erledigen können.

Wie es gehen könnte, zeigt die Thüringer Landesregierung. Sie startete im vergangenen Sommer ein Pilotprojekt. Wer ein Elektrogerät reparieren lässt, anstatt es auf den Müll zu werfen, bekommt die Hälfte der Reparaturkosten erstattet. Maximal 100 Euro pro Person und Jahr. Die Nachfrage ist groß: In den ersten vier Monaten gingen 7.000 Anträge ein. Vor allem für Mobiltelefone, Waschmaschinen und Geschirrspüler. Das erfolgreiche Projekt wird nun fortgeführt. Seit dem 31. Mai können online neue Anträge eingereicht werden.

Vorbild DDR?

Die bürgerliche Presse vermutete, dass auch die Erfahrungen aus der DDR eine Rolle spielen, dass der Reparaturbonus in Thüringen so gut angenommen wird. Bekanntlich wurde im Arbeiter-und-Bauern-Staat tatsächlich alles solange repariert, bis es endgültig auseinanderfiel. Auf dem Gebiet des Einsparens von knappen Ressourcen war der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden immer auf Weltniveau.

Allein an den Erfahrungen im real existierenden Sozialismus kann es aber nicht liegen, wenn die Menschen den Reparaturbonus freudig beanspruchen. Das zeigt das Beispiel Österreich. Seit April können sich die Bürgerinnen und Bürger der Alpenrepublik ebenfalls die Hälfte der Kosten vom Staat zurückholen, wenn sie ein Elektrogerät reparieren lassen. Im südlichen Nachbarland Deutschlands sind es sogar maximal 200 Euro. Die Regierung stellt für das zunächst bis 2026 befristete Programm 130 Millionen Euro zur Verfügung. Laut dem Klimaministerium in Wien wurden bis jetzt 118.000 Bons im Gesamtwert von 5,1 Millionen Euro ausgestellt, berichtete Der Standard am 24. Juli. 40 Prozent der Gutscheine wurden für die Reparatur von Mobiltelefonen eingesetzt. Gefolgt von Waschmaschinen, Kaffeemaschinen und Laptops.

In Deutschland wollen künftig weitere Kommunen und Bundesländer Thüringens Beispiel folgen. »Zu einem wahren Erfolg und einer echten Entlastung kann der Reparaturbonus aber nur werden, wenn er bundesweit, unterstützt und ausgerüstet mit dem entsprechenden Budget, umgesetzt wird«, so der Nabu. Die Umweltorganisation fordert ein »Recht auf Reparatur«. Die Produzenten müssen dazu verpflichtet werden, Elektrogeräte so herzustellen, dass sie einfacher oder sogar überhaupt zu reparieren sind. Zum Beispiel sollen sich alle Geräte mit handelsüblichen Werkzeugen einfach öffnen lassen, damit Ersatzteile ausgetauscht werden können. Das ist längst kein Standard. Außerdem setzen die produzierenden Unternehmen die Preise für Ersatzteile so hoch an, dass es sich unterm Strich finanziell fast mehr lohnt, ein Neugerät zu kaufen.

Das geht Hand in Hand mit der »geplanten Obsoleszenz«. Das heißt: Die Produzenten bauen mit Absicht minderwertige Teile ein, die einen hohen Verschleiß haben. »Das ist definitiv so. Zahlreiche Studien belegen das«, sagte die Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Nabu, Julia Simon, am Freitag gegenüber junge Welt. »Früher waren die Trommeln von Waschmaschinen aus Stahl. Heute ist fast alles aus Plastik.«

Sollbruchstellen

Dem Erfindungsreichtum der Industrie sind keine Grenzen gesetzt. So werden ausgerechnet wärmeempfindliche Teile in der Nähe von Wärmequellen verbaut, Glühbirnen können nicht ausgewechselt werden – und der Klassiker: die Elektrozahnbürste mit dem fest eingebauten Akku. Ist der kaputt, kann die Zahnbürste auf den Müll. Der deutsche Hersteller Miele sei hingegen ein positives Gegenbeispiel, so Julia Simon.

Im Moment wird ein Smartphone laut Nabu nur zweieinhalb Jahre genutzt. Wären es aber sieben Jahre, ließe sich knapp die Hälfte an CO2 einsparen. »Jährlich könnten in Deutschland alleine durch die längere Nutzung von Fernsehern, Waschmaschinen und Notebooks rund vier Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Das entspricht laut einer Studie des Ökoinstituts dem Ausstoß von knapp zwei Millionen Autos im Jahr«, rechnet der Nabu vor.

»Wie kaum ein anderes Thema vereint Reparatur die Interessen von Verbraucher-, Klima-, Umweltschutz und stärkt den lokalen Mittelstand sowie das Handwerk«, erklärt der Nabu auf seiner Homepage die einleuchtenden Vorteile. »Ein solcher Reparaturbonus ist ein sehr gutes ökologisches und soziales Instrument, das in ein kommendes Entlastungspaket gehört«, urteilt Julia Simon. »Er kommt auch bei Menschen an, für die hohe Neuanschaffungskosten in den kommenden Monaten zu einem richtigen Problem werden können.«

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

  • Leserbrief von Anneliese Berger (18. August 2022 um 13:00 Uhr)
    Zum Leserbrief von Herrn Schulz: Es ist nicht nur eine Frage eines gut ausgebildeten Handwerkers und dem Wunsch einer Reparatur. Wenn die Diagnosestellung durch eine Reparaturfirma schon 130 Euro kostet, übelegt sich jeder Kunde, ob er nicht gleich neu kauft, denn der Kunde muss u.U. erwarten, dass der Defekt nicht reparabel ist. Das ist gerade bei meinem Geschirrspüler der Fall, er funktioniert, aber heizt nicht und dadurch geht die Klappe für den Tab nicht auf. Er ist integriert in meine Küche, deshalb würde ich ihn gerne behalten, obwohl er 25 Jahre alt ist. Ich stehe also gerade vor dem Problem, ob ich 130 Euro investiere, um mir sagen zu lassen, dass er nicht mehr repariert wird, obwohl das Ersatzteil von Miele für Imperial noch geliefert wird. Ich habe schon erlebt, dass ich über den Bau meines Elektroherdes besser Bescheid wusste, als der Reparateur. Dann wurden mir für das Auswechseln einer Glühlampe, die ich auch noch selbst besaß, weit über 100 Euro berechnet, so z. B. die Anfahrt, die Arbeitsvorbereitung (Arbeitsvorbereitung ist das Beladen des Autos in der Firma mit 35 Euro) und dazu die Arbeitsleistung mit einem ordentlichen Stundenlohn. Sie können sich vorstellen, Herr Schulz, dass ich diese Firma nicht wieder in Anspruch nehme. Das kleine Lämpchen kostet noch 60 Euro, aber das hatte ich ja zum Glück schon einmal etwas billiger kaufen können. Wenn unsere Regierung Reparaturen nicht unterstützt über die Handwerksleistung, aber ich wünsche dann auch einen Handwerker, der sein Fach versteht, der leider schwer zu bekommen ist, dann werden wir weiterhin Elektroschrott in Massen produzieren und in die dritte Welt entsorgen. Ich sehe keine Reaktionen, höre nur Worte.
  • Leserbrief von Klaus Kassel (15. August 2022 um 15:01 Uhr)
    In dem Artikel ist im Abschnitt »Sollbruchstellen« zu lesen:
    »Dem Erfindungsreichtum der Industrie sind keine Grenzen gesetzt … Der deutsche Hersteller Miele sei hingegen ein positives Gegenbeispiel, so Julia Simon.«
    Meine Erfahrung mit Miele ist eine andere: Auch dieser Hersteller verbaut die empfindliche Elektroniksteuerung seiner Waschmaschinen in Bodennähe, so dass bereits ein wenig Wasser in den Nassräumen, in denen solche Geräte üblicherweise aufgestellt werden, diesen den Garaus bereiten muss. Der Austausch der Platine sollte 2021 für eine exakt 3 Jahre vorher gekaufte und circa 900 Euro teure Miele-Waschmaschine über 600 Euro kosten, ohne dass der Werkskundendienst garantieren wollte, dass die Reparatur auch erfolgreich wäre. Immerhin wurde mir – nach Protest – die mir vorher unbekannte Pauschale nur für das Erscheinen des Kundendienstes in Höhe von 129 Euro zurückerstattet.
    Habe jetzt für etwas mehr als die Hälfte der Reparaturkosten eine Maschine eines türkischen Herstellers, nachdem auch die AEG, die ich vor der Miele hatte, im sechsten Jahr nach Neukauf bereits den dritten Defekt an der in Bodennähe verbauten Hauptplatine hatte. Neupreis circa 600 Euro, Schaden jeweils rund 450 Euro (zwei davon in der fünfjährigen Garantie).
    Daher die teure Miele als vermeintlich nachhaltigen Ersatz. Diese ist aber wohl ebenso vom Obsoleszenzbeauftragten konstruiert. Da ich jetzt in nicht einmal zehn Jahren bereits die vierte Waschmaschine kaufen musste (im selben Raum unter gleichen Bedingungen hatten zwei ältere, nicht elektronisch gesteuerte Miele jeweils deutlich über 20 Jahre anstandslos funktioniert), kaufe ich nur noch die billigsten Varianten. Nachhaltigkeit kann man bei keinem Waschmaschinenhersteller mehr erwarten, und für das, was heimische Hersteller nur für eine Reparatur verlangen, bekomme ich fast zwei billige Neugeräte!
    Die 100 Euro Zuschuss sind da ein schlechter Witz; solche Konstruktionsprinzipen gehören komplett verboten!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev S. aus Gaggenau (15. August 2022 um 09:20 Uhr)
    Dieser Artikel ist sehr gut recherchiert! Ich bin gelernter Radio- und Fernsehtechniker und habe in der DDR Industrieelektronik studiert, was heute als Automatisierungselektronik bezeichnet wird. Seit vielen Jahren bin ich im Ausbildungsbereich tätig. Mittlerweile wird unserem fachtechnischen Nachwuchs nur noch fragmentarisch das physikalisch-elektrotechnische Grundwissen vermittelt, welches als Voraussetzung für erfolgreiche Reparaturen unentbehrlich ist. Ein Berufsleben als »Teilewechsler« ist damit vorprogrammiert! Ein klassisches Beispiel ist der Beruf des Mechatronikers. Bei selbigem soll das komplexe Themenfeld der Elektronik in hälftiger Zeit vermittelt werden. Jedem Fachmann ist klar, dass das zu einer Verflachung des Wissensschatzes führt. Die im Artikel angeführte geplante Obsoleszenz geht noch viel tiefer! Man könnte durch kleine elektronische Veränderungen in den Leuchtmitteln deren Lebensdauer auf nahezu »unendlich« heraufsetzen. Bei vielen Geschirrspülern befindet sich die Steuerungselektronik in Bereichen, welche vom warmen Dampf umgeben sind. Die sogenannten »Steuerungseinheiten« in Waschmaschinen müssen höchst selten komplett ausgetauscht werden. Mitunter liegen die Kosten des defekten Bauteils im Cent-Bereich! Natürlich steht all das im Konsens zur beabsichtigten Profitsteigerung. Der Kunde wird durch die Werbestrategen in einen Zustand versetzt, in welchem er gar nicht mehr willens ist, seine elektrotechnischen Geräte reparieren zu lassen. Ich verfüge über ein kleines »Nostalgiezimmer«, in dem sich funktionsfähige Geräte mit Baujahr 1990 und früher befinden. Unser erster Waschvollautomat wurde meinerseits so lange repariert, bis er »rostbedingt« auseinanderfiel. Der Beitrag liefert ein sehr schönes Anschauungsbeispiel, wie konträr sich wirtschaftliche Interessen und technischer Fortschritt gegenüberstehen. Elektroschrott kann schließlich kostengünstig in Afrika entsorgt und dann noch als Entwicklungshilfe deklariert werden!

Regio: