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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Gratinado de coliflor

Unterzeile
Von Maxi Wunder

Viele Nutzer eines Gasherds lassen derzeit die Küche kalt und weichen ins Restaurant aus, das ist billiger. Einige schlagen dann um sich. »Nur keine hektischen Bewegungen, bleiben Sie ganz ruhig, dann stechen die nicht!« lautet stets der passende Rat eines Gemütsmenschen am Nebentisch, der inmitten eines Schwarms aufdringlicher Wespen seelenruhig seine Mahlzeiten verzehrt. Dass es von dieser Regel zumindest eine schmerzhafte Ausnahme gibt, kann ich mit Datum, Uhrzeit und acht Zeugen belegen. »Weißt du noch, Rossi, auf der Abschlussfeier im August 2013 an der Kuchentafel mit den vielen Wespen? Ich hatte mich extra nicht bewegt, als sich eine auf meinen Unterarm setzte und dann …« – »Ja, ja, ich weiß noch. Der Stachel blieb drin, es hat gebrannt und gejuckt und seitdem bist du traumatisiert …«

Wir sitzen auf der Terrasse eines Berliner Gartenlokals, der Kellner serviert das Essen. »Sagen Sie, haben Sie etwas gegen Wespen?« fragt Roswitha höflich. »Nee, Sie?« antwortet der frech und verschwindet mit seinem Tablett. »Ich würde lieber reingehen«, sage ich und winde mich wie ein Aal, jetzt kommen sie von allen Seiten. »Drinnen sind die Viecher auch«, knurrt Roswitha und deckt unsere Getränke mit Bierdeckeln ab. »Wir hauen ab!« Was? Prelle zechen in Marzahn, bloß weil der Bediener pampig ist? »Nimm deinen Teller, Maxi, los!« Ich schau’ mich unsicher um. Niemand schöpft Verdacht. Na gut. Als ich noch mein Glas greifen will, meint Rossi: »Lass stehen!«, und packt mir meine Gabel auf den Teller. »Komm jetzt!« An der nächsten Straßenecke haben wir unser Essen schon halb auf, man isst etwas schneller beim Weglaufen, wahrscheinlich aus Nervosität. »Ist dir was aufgefallen?« fragt Rossi. Ich drehe mich schuldbewusst um. »Nein, die Luft ist rein …« – »Das meine ich nicht.« Sie stellt ihren Teller auf ein parkendes Auto. Nach wenigen Sekunden sitzt der erste gelb-schwarze Summer auf der Salatdeko, ein zweiter ist im Anflug. Jetzt kapiere ich: Während wir liefen, blieben wir völlig unbehelligt von den Insekten und konnten in Ruhe essen. Offenbar ist die Witterung der Tierchen auf träge rumliegende Nahrung eingestellt und nicht auf zügig transportierte.

Hier unser Blumenkohl to run: Gratinado de coliflor. Ofen auf 240 Grad vorwärmen. Gratinform mit einer Knoblauchzehe ausreiben und buttern. 50 Zentiliter Sahne sanft erhitzen. Blumenkohl in Röschen zerteilen, waschen und in kochendem Salzwasser drei Minuten blanchieren. Wasser abgießen und Blumenkohl mit kaltem Wasser abschrecken. Röschen in der Gratinform verteilen, salzen und pfeffern und mit Muskatnusspulver würzen. Mit der Sahne übergießen und mit 100 Gramm grobgeriebenem Manchego sowie 60 Gramm grobgehackten ungeschälten Mandeln bestreuen. 15 bis 20 Minuten backen, bis der Gratin leicht gebräunt ist. Zurück auf der Restaurantterrasse, freue ich mich, die zugedeckten Getränke noch vorzufinden, und der Kellner freut sich auf seine Weise, uns wiederzusehen: »So jeht’s aber nicht, mein Damen!« – »Zur Zeit geht’s leider nur so«, entgegnet Rossi und zahlt. Mal ehrlich: Es heißt schließlich essen gehen und nicht essen sitzen.

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