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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Energiepolitik

Zahlreiche kleine Gaskraftwerke

Statt Atomkraft oder Braunkohle: Womit sich Erdgas am besten ersetzen ließe
Von Wolfgang Pomrehn
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Könnten Gaskraftwerke zum Teil ersetzen: Biogasanlage zur Strom- und Wärmeerzeugung in Mecklenburg

Deutschland soll Gas sparen. Nicht ganz Deutschland, aber die privaten Haushalte und die Gaskraftwerke. Über den Verbrauch der Industrie – immerhin 36,5 Prozent des Gesamtverbrauchs – wird vornehm geschwiegen.

Um weniger Gas in Kraftwerken zu verbrennen, haben Unionspolitiker in den letzten Wochen und Monaten immer wieder die Verlängerung der Laufzeiten für die letzten drei AKW ins Spiel gebracht. Die Sache hat allerdings – neben den oben erwähnten Sicherheitsproblemen – mindestens zwei Haken.

Erstens: die Brennstäbe. Natürlich haben die Betreiber für ihre Brennstoffversorgung das Betriebsende im Dezember einkalkuliert. Aus Neckarwestheim heißt es zum Beispiel, dass man die Nutzung der alten Brennstäbe bis zum Februar strecken könnte, wenn die Leistung heruntergefahren würde. Oder mit anderen Worten: Wenn das AKW in den nächsten Monaten weniger Strom liefert, könnte es bis in den Februar weiterlaufen. Ein Ersatz für das Gas, das man in den Kraftwerken angeblich mit der Laufzeitverlängerung einsparen will, wäre das also nicht.

Neue Brennstäbe sind aber nicht von heute auf morgen zu beschaffen. Schon gar nicht, wenn sie nicht aus Russland oder von russischen Unternehmen kommen sollen. Auch ist nicht anzunehmen, dass die Betreiber neue Brennstäbe bestellen, solange im Atomgesetz steht, dass ihre Reaktoren spätestens Ende Dezember abgeschaltet werden müssten. Die Unionsfraktion müsste also zunächst einmal einen entsprechenden Gesetzesantrag ausarbeiten und durch den Bundestag bringen, der derzeit in der Sommerpause ist.

Zweitens: Atomkraftwerke arbeiten für die Grundlast. Das heißt, sie laufen im Dauerbetrieb, weil sie sehr träge sind und sich schlecht runter- und wieder hochfahren lassen. Damit können sie kaum die hochflexiblen Gaskraftwerke ersetzen, die im Augenblick für Netzstabilität sorgen, wenn morgens der Verbrauch hochgeht, aber die inzwischen reichlich vorhandenen Solaranlagen noch nicht genug Strom liefern. Eine ähnliche Rolle spielen sie am späten Nachmittag und in den frühen Abendstunden, wenn der Verbrauch weiter hoch ist, aber die Sonne sich bereits dem Horizont zuneigt und weniger liefert.

Vielmehr stehen AKW ähnlich wie die ebenfalls für die Grundlast konzipierten Braunkohlekraftwerke wegen ihrer Trägheit dem weiteren Ausbau der Solar- und Windenergie im Wege. Weil diese Nuklear- und Braunkohleanlagen ihre Produktion schlecht dem wetter- und tageszeitbedingt wechselnden Angebot von Sonnen- und Windstrom anpassen können, kommt es immer wieder zu Phasen von Stromüberangebot, das nur durch verstärkten Export und das Abschalten von Solaranlagen und Windrädern abgebaut werden kann.

Auf der anderen Seite gibt es aber zahlreiche kleine Gaskraftwerke, deren Betreiber bisher weder ausreichend Anreiz noch eine Verpflichtung haben, sich an Sonnen- und Windstrom anzupassen. Dabei handelt es sich um Biogasanlagen. Eine kürzlich vorgestellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Biogasanlagen schon heute bis zu 46 Prozent der momentan durch Gaskraftwerke erzeugten Stromproduktion übernehmen könnten. Erarbeitet haben die Studie das Deutsche Biomasseforschungszentrum in Leipzig und das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Notwendig wäre allerdings, dass die Förderbedingungen für flexibel genutzte Biogasanlagen deutlich verbessert werden. Wenn deren Abwärme genutzt wird, brauchen die Betreiber zum Beispiel einen Wärmespeicher, sofern sie die Stromproduktion an den Strom- statt an den Wärmebedarf anpassen wollen. Der muss sich dann allerdings auch betriebswirtschaftlich für sie rechnen, wofür es einer längeren oder höheren Förderung bedürfte. Überhaupt sind die Bedingungen für Biogasanlagen derzeit so schlecht, dass die Studienschreiber eher damit rechnen, dass ihre Zahl in den nächsten Jahren abnehmen wird. Das passt eigentlich schlecht zum Ziel, erneuerbare Energieträger ausbauen und Gaskraftwerke ersetzen zu wollen.

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