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Aus: Ausgabe vom 12.08.2022, Seite 15 / Feminismus
Buchrezension

Hinter der Fassade einer Musterfamilie

Eine Erzählung von Gewalterfahrung: Schumachers Debütroman »Liebe ist gewaltig«
Von Christiana Puschak
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Jede dritte Frau in der BRD wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt (Symbolbild)

Es gibt Studien und Statistiken, die will man nicht wahrhaben. So wurde in repräsentativen Studien ein signifikanter Zusammenhang von Gewalt gegen Frauen und Gewalt in der Kindheit – sei es direkte oder miterlebte Gewalt – festgestellt. Eine weitere Untersuchung belegt, dass jede dritte Frau in der BRD mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt wird. Frauen in mittleren und hohen Bildungs- und Sozialschichten sind ebenso davon betroffen.

Diesem erschreckenden, viel zu oft beschwiegenen Thema widmet sich die Journalistin Claudia Schumacher in ihrem Debütroman »Liebe ist gewaltig« – bereits der Titel lässt aufhorchen.

Im Mittelpunkt des Buches, das in drei Kapitel eingeteilt ist, die den Jahre 2007, 2014 und 2016 gewidmet sind, steht die Ich-Erzählerin Juli Ehre, die mit drei Geschwistern in einem bürgerlichen Vorort Stuttgarts aufwächst. Zu Beginn des Romans befindet sich die »seelisch zerschmetterte Siebzehnjährige« in einer Kurklinik, weil sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Sie soll rehabilitiert, aber nicht therapiert werden, weil sonst die brutale Gewaltherrschaft des Vaters ans Licht kommen könnte.

Während ihres Klinikaufenthalts spricht Juli wenig von sich, nur von ihrer »generellen Unentschiedenheit, was das Weiterleben betrifft«. In ihrer Familie gilt, nach außen hin den Schein einer »Vorzeigefamilie« zu wahren. Die Mutter erhält das System aufrecht, indem sie Blutspuren im Haus entfernt und ihre blauen Flecken auch im Sommer hinter einem Rollkragenpullover versteckt. Sie wird zur »Tatortreinigerin« und Mittäterin. Ebenso unterstützt der Bruder des Vaters, ein Arzt, dieses Gewaltsystem, indem er schweigt, Tabletten verschreibt sowie Krankschreibungen ausstellt.

Scheinbar hat sich Juli diesem toxischen Gefüge angepasst: »Nur wer dominiert, konnte halbwegs vor Papa bestehen.« Sie ist Klassenbeste, Klassensprecherin und liebt die Mathematik, weil es dort »Klarheit« gibt und »kein gefühliges Gelaber wie daheim«. Sie spielt zwei Musikinstrumente, ist eine erfolgreiche Eiskunstläuferin und will in allem »perfekt« sein, weil sie hofft, dadurch »den wackeligen Hausfrieden« aufrechterhalten zu können. Und trotzdem »artete (…) alles in rohe Gewalt aus. Papa hat mich durchs Haus gejagt und gedroht, mich umzubringen. Einen Grund gab es nicht.«

Die Eltern sind beide erfolgreiche Rechtsanwälte. Ihr Sohn Max macht Karriere als Lokalpolitiker, muss jedoch ebenso Schläge einstecken wie Juli und wie sein Bruder Bruno, der ein erfolgloser Musiker ist. Einzig ihre Schwester Alex schafft den Absprung, indem sie Stuttgart und dem tyrannischen Vater den Rücken kehrt.

Eindringlich schildert Schumacher die seelischen Folgen kindlicher Gewalterfahrung. Die Schatten der Vergangenheit lassen Juli auch nach ihrer geographischen Veränderung nicht los. So gelingt es ihrer Protagonistin in Berlin nicht, ein tiefergehendes Vertrauen zu ihrer Freundin und Geliebten Sanyu aufzubauen und über ihre traumatischen Erlebnisse im Elternhaus zu sprechen. Die geplante Promotion im Fach Mathematik verschiebt sie und arbeitet statt dessen als Profigamerin. Hier im Gaming-Room findet sie erstmals Selbstbestätigung. Und hier in Berlin lernt sie Thilo kennen, mit dem sie eine enge Beziehung eingeht. Sie meint, an seiner Seite »endlich anzukommen in ihrem Leben, Zufriedenheit zu finden«; sie will »endlich lernen, normal zu sein«. Alles »von den Einstellungen bis zur Körperhaltung« verändert sich an ihr. Aus Juli wird Julia. Dabei wird sie jedoch immer mehr zum Spiegelbild ihrer Mutter. Erst als Thilo sich als prügelnder Machtmensch entpuppt, der glaubt, »sein Mädchen aufs richtige Gleis gesetzt« zu haben, »spürt sie eine Kraft in sich, die lange nicht da war (…) Mama ist geblieben, ich muss nicht bleiben, ich werde nicht bleiben«.

Im Epilog erfahren die Leserinnen und Leser, wie Julia ein selbstbestimmtes Leben beginnt und einen noch weiten, schmerzhaften Weg vor sich hat. Atemlos verfolgt man die Identitätssuche und die Emanzipationsbestrebungen der Hauptdarstellerin. »Liebe ist gewaltig« ist ein starkes Debüt, das stilistisch mitreißend, in einem leichten, das Schwere sowie Beklemmende treffenden Ton den Entwicklungsprozess der Protagonistin, ihr Erwachsenwerden, ihre Sensibilität sowie ihre herben Verletzungen zeichnet.

Claudia Schumacher: Liebe ist gewaltig. DTV, München 2022, 376 Seiten, 22 Euro

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