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Aus: Ausgabe vom 12.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ein Rest an Selbstvertrauen

Mit »Bullet Train« erreicht die Actiongroteske ihre Endstation
Von Peer Schmitt
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»Wollen wir nicht lieber noch mal drüber reden?« Mandarine würgt Marienkäfer in der Bordkantine: Tangerine (Aaron Taylor-Johnson, l.) und Ladybug (Brad Pitt)

Einen Zug besteigen, die Fahrkarte verlieren, dem Schaffner entkommen, einen Koffer aus der Gepäckablage stehlen, dieses Objekt sichern, den Zug möglichst körperlich unversehrt wieder verlassen. Das klingt nach einem einfachen Job. Der Sean-Connery-James-Bond hätte ihn noch binnen weniger als zwei Minuten in ein paar gelassenen Einstellungen und mit ein paar Stirnrunzlern erledigt. Zwischendurch hätte er noch den Schurken daran erkannt, dass er im Bordrestaurant Rotwein zum Fisch bestellt (so noch in »Liebesgrüße aus Moskau«, 1963).

Aus dem Briefkasten etwas entnehmen, das einem nicht gehört, einen für den Auftrag, den man hat, aber weiterbringt; etwas zum Aufwärmen, wenn man unter Umständen ein wenig aus der Übung ist. Brad Pitt braucht dafür in David Leitchs Abräumkommando von einem Actionfilm »Bullet Train« über zwei Stunden und hinterlässt einen Haufen Leichen und eine Spur der Verwüstung. Weder der Zug selbst noch seine Passagiere werden die Jause im Schnellzug von Tokio nach Kyoto heil überstehen.

Der blanke Hohn

Das ist so, weil Brad Pitt in dem Film ein echtes Glückskind ist: Codename »Ladybug« (zu deutsch Marienkäfer, allgemein ein Symbol heiteren, infantilen Glücks). »Ladybug« ist ein Berufskiller, der berufsbedingt eine therapeutische Auszeit genommen hat. Mit Anglerhut, Hornbrille und hellem Trench sieht er aus wie ein Depp auf Urlaub oder wie einer der desillusionierten Spione der 70er, die primär mit Zeitungslesen beschäftigt sind. Den vermeintlich leichten Kofferjob übernimmt er als Krankheitsvertretung. Er wird es schnell bereuen. Das ist sein berühmtes Glück, das er wiederholt beklagt. Ihm klebt das Pech wie Scheiße am Turnschuh. Sein Codename ist, wie sollte es anders sein, der blanke Hohn, sogenannte Ironie. »Ladybug« hat noch nie etwas ohne Friktionen hingekriegt. Er hätte besser auf seine Auftraggeber gehört, deren Anweisungen ihm permanent am Telefon von (in der Originalfassung) Sandra Bullocks Stimme durchgeben werden.

Pech und Schwefel, Dummheit und Desaster. Damit ist das Projekt »Bullet Train« schon hinreichend umschrieben. Ist es wenigstens halbwegs lustig? Stellenweise schon. Bemerkenswert aber ist an »Bullet Train« der Grad an Auflösung und Erschöpfung, den das Genre der Actiongroteske mittlerweile erreicht hat.

Regisseur David Leitch hat daran keinen geringen Anteil. Bei »John Wick« (2014), ein dem asiatischen Kino schwer verpflichteter Action-Revival-Großversuch, war er Mitproduzent, Choreograph und heimlicher Regisseur. Sein Film »Atomic Blonde« (2017) sah aus, als hätte Anfang der 60er Jayne Mansfield im Zeichen totaler Paranoia James Bond gespielt, tatsächlich aber war es Charlize Theron im Berlin des Jahres 1989. Oder der Marvel-Film »Deadpool 2« (2018), der durchaus als Markenzeichen des großen Elends der Post-Cinema-Gegenwart durchgehen kann. Das Elend ergeht sich in Zynismus und Geschwätzigkeit. Mit »Bullet Train« verhält es sich ähnlich. Nur die Leichen sind darin nicht übermäßig eloquent. Doch auch dessen kann man sich immer sicher sein: Wofür gibt es schließlich Flashbacks?

Auf den ersten Blick geht es um Geschwindigkeit und Zerklüftung. Im »Bullet Train«, so die englische Bezeichnung für den Shinkansen, den Hochgeschwindigkeitszug zwischen Tokio und Kyoto, wird alles zu Projektil, Zielscheibe und Fragment. Dann aber soll sich doch noch ein kontemplativer Zusammenhang, eine schwebende Bedeutung ergeben wie in den alten Tagen von »Der Mord im Orientexpress«. Der »Bullet Train« ist nicht zufällig angefüllt mit den tödlichsten Profis der Branche. Sie alle sind sich irgendwo einmal über den Weg gelaufen, und irgend etwas – sinistre Mordaufträge, Unfälle, peinliche Begegnungen – verbindet ihre Lebensläufe, die auf der Bahnfahrt an ihre jeweilige Endstation gelangen.

Die kleine Lokomotive

Die Profis sind offensichtlich kostümiert wie zum Totentanz und sprechen mit wiedererkennbaren Akzenten: Japanisch natürlich, Russisch, wenn’s gefährlich wird, und diverse Spielarten eines britischen Englisch, wenn kulturell wertvoll. Ein britisches Killerpaar, schwarz-weiße Zwillinge, trägt Obstsortencodenamen – Tangerine (Mandarine) und Lemon (Zitrone) – wie in einem depperten Schwulenwitz und spricht elaboriert über den entscheidenden Referenztext ihrer (und aller) Biographie: die britische TV-Kinderserie »Thomas the Tank Engine & Friends« (Thomas, die kleine Lokomotive, 1984–2021). Deren Held ist eine anthropomorphe Lokomotive mit goldenem Herzen. Soweit der Beitrag von »Bullet Train« zum »Eisenbahn-Kino-Interface«, wie die Filmtheorie eines der historischen Kennzeichen der modernen Welt mal nannte.

Was bleibt uns noch? Melancholie, nervöse Reizbarkeit und allgemeine Erschöpfung. Eine Zugfahrt unter härtesten Konsumbedingungen, ein Haufen Verweise und noch mehr Trümmer und Leichen, eine besoffene Nostalgie nach dem »postmodernen Hollywood« der 90er, als das fröhliche Zertrümmern noch Spaß gemacht hat, weil es glaubte, es könnte bis ans Ende aller Zeiten so weitergehen. Wir haben Mineralwasserflaschen, Smartphones, Kinderbücher, Karnevalskostüme und Spielzeugbildschirme. Wir haben einen Star – Brad Pitt –, der wirklich nicht mehr fürchten muss, sich zum Deppen zu machen. Und wir haben die Stimme von Sandra Bullock, die uns noch einen Rest an Selbstvertrauen zu vermitteln versucht. Man braucht es. Auf Zugfahrten und anderswo. Denn wie schrieb Wolfgang Schivelbusch in seiner »Geschichte der Eisenbahnreise« (1977) noch? »Der Reisende, der in diesem Projektil sitzt, hört auf Reisender zu sein, und wird, wie ein Topos des 19. Jahrhunderts besagt, zum Paket.«

»Bullett Train«, Regie: David Leitch, USA/Japan 2022, 127 Min., bereits angelaufen

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