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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 13 / Geschichte
Geschichte Indiens

Freiheit und Grauen

Vor 75 Jahren wurde Indien unabhängig. Die Eigenstaatlichkeit ging mit einer Teilung des Subkontinents einher
Von Thomas Berger
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Jubel, Trubel, Heiterkeit. Bürger Kalkuttas feiern die Unabhängigkeit Indiens, August 1947

Am Abend des 14. August 1947, kurz vor Mitternacht, wurde der Union Jack am Flaggenmast vor der Residenz des Vizekönigs in Delhi endgültig eingeholt und im Anschluss erstmals die indische Trikolore feierlich aufgezogen. Ein neuer, unabhängiger Staat auf der politischen Weltkarte war mit dem beginnenden Tag geboren – fast dreieinhalb Jahrhunderte, nachdem mit der »Hector« 1608 erstmals ein Schiff der britischen East India Company an den Gestaden des Subkontinents gelandet war. Im großen Stil begann die koloniale Ära aber 1757, als in der Schlacht von Plassey der Nawab von Bengalen den britischen Truppen unterlag. Genau ein Jahrhundert später, 1857, gab es die erste größere Erhebung gegen Fremdbestimmung, Ausbeutung und Unterdrückung: im sogenannten Sepoy-Aufstand. Am Ende blutig niedergeschlagen, rebellierte ein Großteil der Soldaten der einheimischen Hilfstruppen. Zumindest vereinzelt schlossen sich auch Bauern, Großgrundbesitzer und gar Angehörige der adligen Familien an. Mangelnde Koordination mündete jedoch in einem Misserfolg der Aufständischen. Als wichtige Zäsur kam nunmehr das zuvor als Firmenbesitz der East India Company verwaltete Gebiet unter direkte Herrschaft Londons und wurde zum »Kronjuwel« des Empire.

Kurz vor der Flaggenzeremonie im August 1947 hatte ein kleines Stück entfernt in der Hauptstadt gegen 23 Uhr Ortszeit die Sitzung der Verfassunggebenden Versammlung begonnen, vor der Jawaharlal Nehru seine berühmte Rede »Tryst with destiny« hielt: »Vor vielen Jahren trafen wir eine Verabredung mit dem Schicksal, und nun ist die Zeit gekommen, da wir unser Versprechen einlösen.« In seiner Ansprache wandte sich Nehru ebenso an seine Landsleute wie auch an die Weltgemeinschaft: »Und so haben wir zu arbeiten, hart zu arbeiten, um unsere Träume in die Realität umzusetzen. Diese Träume sind für Indien, aber sie sind auch für die ganze Welt.«

Bitterer Beigeschmack

Die Freude und der Jubel, die sich zu mitternächtlicher Stunde Bahn brachen, hatten jedoch für viele einen traurigen Beigeschmack. Denn nicht das vormalige Britisch-Indien in seiner Gesamtheit wurde an jenem Tag vor 75 Jahren unabhängig, sondern es entstanden zwei neue, getrennte und alsbald bitter verfeindete Staatswesen: Indien und Pakistan. Die Teilung des Subkontinents war der Preis, den dessen Bewohnerinnen und Bewohner für die gerade errungene Freiheit vom kolonialen Joch zu zahlen hatten.

Bestimmende Kraft des Unabhängigkeitskampfes war der 1885 gegründete Indische Nationalkongress (INC) – eine breite Sammlungsbewegung, die im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert noch moderat auf »Selbstregierung« setzte. Radikaler wurden die Forderungen ab 1917. Kurz zuvor war ein Mann heimgekehrt, der zur wichtigsten Symbolfigur werden sollte: Mohandas Karamchand Gandhi, bald unter dem Beinamen Mahatma (große Seele) landesweit ein Begriff. Der in England ausgebildete Jurist, der einige Zeit in Südafrika wirkte, wurde zum geistigen Anführer der Bewegung. Es war Gandhi, der vor allem mit Beginn der 1930er Jahre wesentlich Ton und Methoden des Widerstands vorgab – Boykott englischer Waren, Nichtkooperation und ziviler Ungehorsam (Satyagraha). Eines der machtvollsten Zeichen auf diesem Weg war der sogenannte Salzmarsch 1930, bei dem er eines der Monopole der britischen Kolonialherren herausforderte. Immer eng an seiner Seite: Nehru, der zu Indiens erstem Regierungschef (1947 bis zu seinem Tod 1964) wurde. Nehru war es, der den jungen Staat wesentlich prägen sollte – mit einer unabhängigen Außenpolitik und einer Abkehr vom Kapitalismus traditioneller Prägung in Form eines alternativen Wirtschaftssystems, das stark auch auf nationalisierte und genossenschaftliche Strukturen setzte. Was indes ausblieb, war eine umfassende Landreform.

Bis das britische Parlament im Juli 1947 den inhaltlich von Vizekönig Lord Mountbatten vorbereiteten Grundsatzbeschluss fasste, die einstige Kronkolonie in die Eigenständigkeit zu entlassen, hatte es jahrelange und mühselige Verhandlungen gegeben. Zeitweise saß nahezu die gesamte Führung des INC im Gefängnis. Mit Härte und teils Massakern war auf den Widerstand reagiert worden, was wiederum Teile der Bewegung noch stärker radikalisierte. Zum zusätzlichen Problem wurde, dass sich die Allindische Muslimliga, anfangs mit dem INC verbündet, zu einem Akteur mit ganz eigenen Forderungen wandelte. Die insbesondere in den westlichen und östlichen Randregionen in der Mehrheit befindlichen Muslime wollten sich nicht in ein gemeinsames Staatswesen mit den insgesamt dominierenden Hindus pressen lassen. Vor allem Mohammed Ali Jinnah, der 1947 zum »Gründungsvater« Pakistans wurde, machte sich diese 1906, im Gründungsjahr der Muslimliga, erstmals verkündete Position später rigoros zu eigen und verfolgte sie so unnachgiebig, dass die Briten schließlich einknickten.

Plötzlich Feinde

Obwohl es warnende Stimmen gab, ahnte niemand wirklich, welch katastrophale Auswirkungen diese Entscheidung haben würde. Die mit der Festsetzung der Grenzlinie beauftragte Kommission hatte weder ausreichend Fachkenntnis noch genügend Zeit für solch ein heikles Unterfangen. Geteilt wurde grob nach Hindu- und Muslim-Mehrheitsgebieten, was bedeutete, sogar zwei Provinzen, Punjab und Bengalen, zu zerschneiden. Millionenfach fanden sich so Hindus und Muslime urplötzlich auf der »falschen« Seite einer neuen Staatsgrenze – wechselseitige Pogrome und Gewaltexzesse forderten alsbald rund eine Million Todesopfer, etwa zehn Millionen Menschen waren auf der Flucht. Gandhi, der sich in Bengalen für den Schutz der bedrängten Muslime eingesetzt und bürgerkriegsähnliche Zustände eingedämmt hatte, wurde am 30. Januar 1948 in Delhi von dem hindunationalistischen Attentäter Nathuram Godse erschossen.

Während Indien 1947 den Großteil des Beamtenapparats und die Verwaltungsstrukturen für ein funktionierendes Staatswesen erbte, befand sich Pakistan in einer wesentlich ungünstigeren Ausgangsposition. Das künstliche Gebilde, dessen zwei Landesteile (Ostpakistan sollte erst 1971 als Bangladesch eigenständig werden) weit voneinander entfernt lagen und außer der Religion wenig gemein hatten, verfügte kaum über Infrastruktur und musste noch länger mit vielen Provisorien leben. Die Hunderten vormals eigenständigen Fürstentümer konnten sich wahlweise Indien oder Pakistan anschließen. Unabhängigkeit, das zeigte das Beispiel des mächtigen Nawab von Hyderabad mit dem Einmarsch indischer Truppen, war nur eine theoretische Option. Jammu und Kaschmir wiederum wurde zum Zankapfel der neuen Nachbarn und ist es bis heute.

Rede des Vizekönigs: Ein vereintes Indien die beste Lösung

Nichts, was ich in den vergangenen Wochen gesehen oder gehört habe, hat meine tiefe Überzeugung zu erschüttern vermocht, dass mit einer vernünftigen Portion guten Willens zwischen den Gemeinschaften ein vereintes Indien die mit Abstand beste Lösung des Problems wäre.

Seit mehr als 100 Jahren haben 400 Millionen von Ihnen zusammengelebt und wurde dieses Land als einheitliches Gebiet verwaltet. Das Ergebnis dessen sind einheitliche Kommunikation, Verteidigung, Postservice und Währung, ein Fehlen von Tarif- und Zollschranken; dazu die Basis für eine einheitliche politische Wirtschaft. Meine große Hoffnung war, dass die Differenzen zwischen den Volksgruppen dies nicht zerstören würden. (…)

Aber es steht außer Frage, große Gebiete mit klaren Mehrheiten einer Gemeinschaft gegen ihren Willen unter die Herrschaft einer Regierung zu zwingen, in der die andere Gemeinschaft die Mehrheit stellt – und die einzige Alternative zu solchem Zwang ist die Teilung. (…) Ich bin natürlich genauso gegen die Teilung von Provinzen, wie ich gegen die Teilung Indiens selbst bin, und das aus den gleichen grundsätzlichen Erwägungen. (…) Und so fühlte ich, dass es an den Menschen Indiens selbst wäre, diese Frage einer Teilung zu entscheiden.

Nachdruck der am Vorabend gehaltenen Rundfunkrede von Vizekönig Lord Mountbatten an das indische Volk in der Times vom 4. Juni 1947, Quelle: www.nationalarchives.gov.uk; Übersetzung Thomas Berger

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