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Aus: Ausgabe vom 08.08.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Sozialdemokratie

Sogar vorsichtige Kritik

Ein Sammelband zur Geschichte der SPD in Brandenburg
Von Leo Schwarz
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SPD-Wahlkampf in der DDR 1990

Seit 2019 gibt es eine Historische Kommission der SPD in Brandenburg, die nun, nachdem 2021 bereits ein Band für den Zeitraum 1868 bis 1933 erschienen war, einen weiteren vorgelegt hat, mit dem über biographische Zugänge die Parteigeschichte zwischen 1933 und 1989/90 in den Blick genommen wird. Was wie eine peinliche Verbeugung vor der Formel von den »zwei deutschen Diktaturen« aussieht, ist vermutlich »nur« darauf zurückzuführen, dass die Herausgeber konzeptionell keinen Zugang für einen eigenständigen Band gefunden haben, der den Zeitraum 1945 bis 1990 abdeckt.

Dass auch in Brandenburg nach dem Zusammenschluss mit der KPD im April 1946 viele Sozialdemokraten in der SED auf allen Ebenen bis zum Ende ihres politischen Lebens mitarbeiteten, wird in dem Band hinter einer abgegriffenen Floskel versteckt, die der ehemalige Landes- und Bundesvorsitzende Matthias Platzeck bereits im Vorwort unterbringt: Diese seien »in SED und Gesellschaft schnell an den Rand und ins Aus« gedrängt worden – unfreiwillig komisch wirkt die Aussage auch deshalb, weil sie gleich von mehreren der vorgestellten 18 Lebensläufe (Friedrich Ebert jun., Carl Steinhoff, Gertrud Marx, Anni Rehdorf, Georg Spiegel) dementiert wird. Die Herausgeber legen in der Einleitung mit der absurden Behauptung nach, die Politik der sowjetischen Militäradministration sei »durch die feindselige Haltung der KPdSU gegenüber der Sozialdemokratie gekennzeichnet« gewesen. Auch sonst mangelt es nicht an schrägen Diagnosen wie der, Rudolf Breitscheid sei in der »DDR-Historiographie« als »Vordenker der SED« dargestellt worden.

Die Auswahlkriterien für die biographischen Texte sind nicht recht nachvollziehbar. Was zum Beispiel hat Beatrix Bouviers flacher Beitrag über Margarete Buber-Neumann, die nie etwas mit der Brandenburger Sozialdemokratie zu tun hatte, in dem Band zu suchen? Andere Texte sind dagegen lesenswert; an einigen Stellen blitzt sogar vorsichtige Kritik am verächtlichen Umgang mit sozialdemokratischen Lebensläufen nach 1990 auf, wenn diese durch eine spätere SED-Mitgliedschaft »kontaminiert« waren.

Willi Carl, Martin Gorholt, Sabine Hering (Hrsg.): Sozialdemokratie in Brandenburg (1933–1989/90). Lebenswege zwischen Widerstand, Vereinnahmung und Neubeginn. Dietz, Bonn 2022, 335 Seiten, 26 Euro

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