Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 27. September 2022, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 08.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Documenta 15

Kritik aus Kassel

Petition gegen Kunstkontrolle findet Zulauf
Von Peter Merg
imago0164642583h.jpg
Ist das Kunst, oder muss das weg? Selten waren in Kassel die Gemüter so erhitzt wie heute

Die Documenta-Stadt regt sich. Der Unmut ist groß in Kassel über den zuletzt erneut hochgekochten Antisemitismusstreit um die weltbekannte Kunstausstellung. Zu diesem Eindruck kann gelangen, wer zuletzt die Leserbriefseiten der in Nordhessen maßgeblichen Regionalzeitung Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) aufschlug. Durchaus namhafte Vertreter der Stadtgesellschaft melden sich dort zu Wort. Man solle sich endlich auf eine offene Diskussion einlassen, schreibt etwa Christian Kopetzki, Professor i. R. für Stadtplanung an der Kasseler Uni, man brauche keine »Gesinnungsschnüffelei und keinen Kontrollwahn à la Volker Beck«. Man versuche, »die Documenta kaputtzukriegen«, mutmaßt der Rechtsanwalt Stephan Dewald. Anlass der jüngsten Zuschriften ist ein Artikel vom 4. August über einen offenen Brief der Politikwissenschaftler Werner Ruf und Rainer Werning (beide auch häufig jW-Autoren) sowie des Indonesisten Ingo Wandelts an Documenta-Aufsichtsrat, Bundesregierung und Medien, der am 28. Juli auf den Nachdenkseiten veröffentlicht wurde. Der Text steht auch als Petition auf der Plattform change.org, wo er bislang ca. 800 Unterstützer fand.

In dem Beitrag wird gefordert, die Debatte zu beruhigen. »Gesittete Umgangsformen und eine den Namen verdienende Dialogkultur mit entsprechenden öffentlichen Foren regen Gedankenaustausches« sollten »die verbleibende Zeit der Documenta 15 prägen«. »Zwei Bildausschnitte« des Banners »People’s Justice« des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi seien zum Anlass genommen worden, »die Documenta 15 vorschnell politisch zu instrumentalisieren beziehungsweise sie als ›antisemitisch‹ zu denunzieren«. Eine Soldatenfigur mit Schweineschnauze, Davidstern und der Aufschrift »Mossad« sei nur eine von vielen ähnlichen Figuren, »die in ihrer Gesamtheit für internationale Geheimdienste« stünden, welche »als Korsettstangen des Regimes von General Suharto (1965–1998)« gedient hätten. Auch eine Gestalt in Anzug mit Reißzähnen und Schlangenzunge, die einen Hut mit SS-Runen und Schläfenlocken trägt, sei nicht eindeutig als antisemitisch zu lesen: »Wird hier ›der Jude‹ angegriffen oder das internationale Finanzsystem? Das Interpretationsproblem verlagert sich eher ins Auge des westlichen, genauer deutschen Betrachters, als dass es eine eindeutige Aussage über ›das Judentum‹ wäre.« Wahrscheinlicher sei, »dass es sich hier tatsächlich um eine SS-Figur handelt«. Schließlich sei es der Deutsche Rudolf Oebsger-Röder gewesen, ein früherer SS-Obersturmbannführer und späterer Suharto-Intimus, der unter dem Namen O. G. Roeder das internationale Image der Militärdiktatur zu polieren half. Eine bloß anti-suhartoistische Grundintention »kommt dem westlichen Auge offensichtlich nicht einmal in den Sinn« (sic). Weshalb indonesische Künstler ausgerechnet einen deutschen Nazi mit jüdischen Attributen wie Schläfenlocken darstellen und dies zugleich als Kritik des »internationalen Finanzsystems« intendieren sollten, lassen die Autoren offen.

Schlüssiger ist die übrige Kritik: Das 70. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und Indonesien müsse Anlass sein, die Archive zu öffnen, um die Unterstützung des westdeutschen Staates für die Suharto-Diktatur zu erforschen, deren antikommunistischen Pogromen nach Schätzungen mindestens 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Auch deshalb verlangen die Unterzeichner der Petition, wenigstens einen Südostasienspezialisten in das neue Beratergremium zu berufen, welches den Skandal aufarbeiten soll. Wie triftig die Forderung ist, zeigt, dass sie ignoriert wurde: Auf der am Montag vor einer Woche veröffentlichten Liste der in Abstimmung der Documenta-Gesellschafter, das Land Hessen und die Stadt Kassel, sowie der Museum Fridericianum gGmbH berufenen Wissenschaftler fehlt ein ausgewiesener Experte für Kulturen und Gesellschaften Südostasiens. Einer unabhängigen Auswertung der Vorgänge, welche die erhitzte Diskussion begünstigten, dürfte es nicht zuträglich sein. Die Documenta-Leitung hat zu der Petition bislang nicht offiziell Stellung genommen.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton