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Aus: Ausgabe vom 08.08.2022, Seite 8 / Inland
Auf dem rechten Auge blind

»Sie nehmen Aussagen von Betroffenen oft nicht ernst«

»Sekundäre Viktimisierung«: Studie untersucht Umgang von Behörden mit Opfern rechter Gewalt. Ein Gespräch mit Daniel Geschke
Interview: Henning von Stoltzenberg
Ankündigung MO.jpg
Betroffene von Naziterror nicht alleine lassen: Demonstration nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (Kassel, 22.6.2019)

Sie leiten ein Forschungsprojekt mit dem Titel »Sekundäre Viktimisierung von Betroffenen rechter Gewalt«. Können Sie den Begriff kurz erklären?

In der kriminologischen Forschung zur Viktimisierung beziehungsweise der Opferwerdung werden verschiedene Phasen unterschieden, die nacheinander auftreten können. Die primäre Viktimisierung findet direkt durch die Tat statt, beispielsweise wenn ein Mensch aufgrund rassistischer Vorurteile körperliche oder verbale Gewalt erfährt und dadurch geschädigt wird. Sekundäre Viktimisierung dagegen entsteht erst danach durch Fehlreaktionen des sozialen Nahraums der Betroffenen oder staatlicher Institutionen wie der Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gerichten. Wenn beispielsweise Freundinnen und Freunde oder Verwandte den Betroffenen eine Mitschuld am Vorfall geben oder wenn Vertreterinnen und Vertreter staatlicher Behörden den Betroffenen nicht zuhören oder sie sogar als Täter statt als Opfer behandeln, kann das erneut schädigen.

Welche Fragen spielen bei Ihrem Projekt eine besondere Rolle?

In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir vor allem, welche Erfahrungen Betroffene von rechter, rassis­tischer, antisemitischer oder durch andere Vorurteile motivierter Gewalt im Umgang mit Polizei, Gerichten und Staatsanwaltschaften gemacht haben, ob während der Tat oder danach. Und wir schauen uns an, welche Auswirkungen diese Erfahrungen auf sie haben.

Was ist das Forschungsziel Ihrer Studie?

Insbesondere von Opferberatungsstellen, die Betroffene von rechter Gewalt unterstützen, gibt es immer wieder Berichte über problematisches Verhalten durch Vertreterinnen und Vertreter staatlicher Institutionen. Sie hören Betroffenen oft nicht richtig zu und nehmen ihre Aussagen nicht ernst. Über das Ausmaß des Problems in Deutschland ist allerdings wenig bekannt, und bisher gibt es meines Wissens nach auch nur eine kleine Studie von 2014 dazu. Diese Lücke wollen wir füllen und führen deshalb in enger Absprache gemeinsam mit dem Dachverband der Opferberatungsstellen VBRG diese Studie durch.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Erfahrungen mit Polizei und Justiz. Diese sind als Repräsentanz des Staats besonders wichtig für die psychische Verarbeitung der Gewalterfahrungen: Wenn die Betroffenen ernstgenommen werden und ihnen mit Empathie begegnet wird, kann das die Bearbeitung traumatisierender Erfahrungen erheblich erleichtern. Wenn aber rassistische, sexistische oder andere Stereotype zum Beispiel von der Polizei oder im Gerichtssaal reproduziert werden, fühlen sich die Betroffenen nicht nur erneut geschädigt, sondern es sendet auch ein Signal an die Täterinnen und Täter. Diese können sich in ihrem Handeln legitimiert sehen.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern vom VBRG haben wir in einem kooperativen Forschungsprozess zunächst längere Interviews mit ausgewählten Betroffenen sowie Expertinnen und Experten geführt und sie nach ihren Erfahrungen gefragt. Die Ergebnisse dieser Gespräche dienten uns als Grundlage für die Erstellung eines standardisierten Onlinefragebogens, der noch bis Ende August im Netz zur Verfügung steht.

Wie wollen Sie dafür sorgen, dass die gewonnenen Erkenntnisse Eingang in die praktische Arbeit bei Institutionen und Beratungsstellen finden?

Wenn die Ergebnisse der Onlinebefragung vorliegen, werden wir gemeinsam mit den Projektpartnern eine Kampagne starten, um das neue Wissen sozusagen in die Welt zu tragen. Geplant sind unter anderem eine Broschüre, die auch online kostenlos verfügbar sein wird, sowie Vorträge, Workshops, Fachtage und Weiterbildungen.

Wer kann wie an der Studie teilnehmen?

Wir suchen immer noch Teilnehmende, bis Ende August. Menschen, die volljährig sind und in den letzten fünf Jahren von vorurteilsmotivierter Gewalt betroffen waren und danach Kontakt mit Polizei oder Justiz hatten, können an der Onlinestudie teilnehmen.

Daniel Geschke ist wissenschaftlicher Referent beim Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena

idz-jena.de

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