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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Engraxadores

Von Konstantin Arnold
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Engraxador bei der Arbeit

Es gibt in Lissabon diesen Moment am kühlen Morgen eines heißen Werktages, wenn die letzten Reste der Nacht noch in den Schluchten der Unterstadt hängen und von müden Straßenkehrern entfernt werden. Kellner stellen Stühle raus. Menschen müssen irgendwohin. Sie eilen durch schöne Parks, über weiße Plätze und Boulevards und trinken einen Kaffee, bevor sich die endlose Kette der Ereignisse in Gang setzt und sowieso alle zu spät kommen lässt. Einen nach dem anderen, der dann wegen einem den anderen warten ließ und nicht früher konnte, weil der andere auch zu spät gewesen ist. Es muss schön sein, einen Grund zu haben, um diese Zeit durch diesen Teil der Stadt zu gehen, dachte ich immer, aber es gab kaum einen, und niemand, den ich kannte, arbeitete da, und kein Weg führte daran vorbei, und es gab keine Lokale, in die wir gingen oder sonst irgendwer geht, schon gar nicht zu dieser Zeit. Nur frühe Frauen, die in Bügelfaltenhosen vor geschäftigen Hintergründen sitzen und mit anderen frühen Frauen was Eiliges zu besprechen haben. Ihr Parfüm noch dicht und ungeatmet. Männer in frischen Anzügen sehen ihnen nach. Zwischendurch ein alter Herr, der Brot holt und ihnen auch nachsieht. Die Touristen schlafen. Frieden. Diese Stunde gehört noch der Stadt. Und Jorge, dem Schuhputzer.

Es gibt noch so eine Stunde am späten Nachmittag. Wenn alle gefaltet von der Arbeit kommen. Wenn der Morgen seine Versprechungen über den Tag nicht halten konnte. Die Tage heute, meint Jorge, taugen den Leuten nicht mehr. Die Leute sind nicht in Gedanken, nur noch in Stoffschuhen am Telefon. Es kommen wenige. Früher seien sie am Rossio über vierzig Engraxadores gewesen. Die Leute standen Schlange. Aber das war alles in einer Zeit, in der Männer noch Hüte trugen und Lissabon das Küssen auf den Straßen nicht kannte und man Frauen nicht nachpfiff, sondern schon von weitem anfing zu pfeifen, weil es sich nicht schickte, eine Dame auf offener Straße anzuhalten. Nicht wie die Drogenverkäufer und Teppichhändler heute und die Kellner der schlechten Restaurants.

Heute gibt es in der Unterstadt noch vier Schuhputzer. Wobei, drei. Der eine hat sich das Hirn weggesoffen und zählt nicht, meint Jorge. Über den Tag kommt vielleicht eine Handvoll Kunden. Oder weniger, wenn ich nicht komme. Mit vielen von ihnen verbindet Jorge eine lebenslange Geschäftsbeziehung. Sie kamen zu ihm als junge, ehrgeizige Männer, mit neuen Oxfords, erfolgreich, verheiratet, und sie kamen frisch geschieden, als gebrochene Männer, in Derbys, die nie wiederauferstanden. Was mit den anderen Schuhputzern ist? Ach, die seien gegangen. Jorge meint damit, dass sie tot sind, aber er sagt es so, als ob nur die Zeit vergehe und sie schon früher wegmussten. Wenn man mit ihm spricht, spürt man die Endlichkeit sehr. Man spürt, dass das Leben nun mal so ist und irgendwann nicht mehr und er eben Schuhputzer war, und was einer war, ist egal, sind wir doch alle aus einem Wesen. Außer Leuten, die mit Mietspekulationen Geld verdienen, die sind aus was anderem, sollen zur Hölle fahren, meint Jorge. Neulich habe wieder einer zwanzig Apartments gekauft, um ein Parkhaus daraus zu machen oder ein Einkaufzentrum, oder was man eben braucht, um transzendental unglücklich zu sein. Ob ich wüsste, was sie aus dem ehemaligen Hotel Francfort machen, und vom Hotel, das sie aus dem ehemaligen Hospital am Botto Machado machen, und dem, was aus der ersten Etage der Confeitaria Nacional entstehen soll? Wieder Franzosen, die alten Baumeister.

Nun ist Frankreich etwas Schönes, das man nicht nachmachen kann, ohne Portugal zu zerstören. Sie freuen sich, hier zu sein, zum Beispiel im Ritz, auch wenn sie da noch nicht ganz dort sind, wo sie sind, weil man im Ritz noch nicht ganz in Lissabon ist. Das Hotel ist in Lissabon, aber es ist nicht Lissabon, es sind mehr Leute im Gym als an der Bar. Deswegen bin ich auch Investor. Ich investiere in alte Cafés und halte die Bars am Leben, gehe in die dreckigsten Tascas, obwohl ich weiß, dass man stirbt, wenn man zuviel von da isst. Jorge, mein Schuhputzer, ist fast an ihnen gestorben. Er wäre hier einfach umgekippt, an einem Junimorgen, auf der Schattenseite des Rossio, Lissabons zentralem Platz. Seitdem kann er sich nicht mehr ganz nach vorne beugen. Als es passierte, wusste er gleich, dass es schlimm war, aber er wusste, dass er am Leben war, solange er das wusste.

Tascas sind portugiesische Tavernen. Sie entstanden aus Kohleläden, in denen man auch Wein aus Fässern ausschenkte, und wurden von Minho-Leuten betrieben. Die grüne Weinregion im Norden gilt mit ihrer ehemaligen Hauptstadt Guimarães und Braga als religiöses Zentrum, als Wiege Portugals. Heute sind Tascas bekannt für ein Gefühl, das silbernes Operationsgeschirr auf versauten Papiertischdecken in einem erzeugen kann. Es sind grelle Läden, aber man kann sie sich schön trinken. Das Leben in ihnen kommt mir immer sehr einfach vor. Die Tagesgerichte stehen handgeschrieben an der Wand, und man darf kein Klopapier ins Klo werfen. Es gibt Fleisch und Fisch und Fleisch. Bunte Früchte warten in den Vitrinen. Ein paar Tropfen vor dem Männerklo und mindestens ein Alter, der sich Sprite in den Wein kippt. Und natürlich eine Frau, die etwas aus der Küche brüllt. Was sehr Banales, das sehr schön ist, so was wie: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, oder: Graças a Deus; Junge, was stellst du wieder an. Ich ging gerne in Tascas, die wir kannten, und Tascas, die wir nicht kannten. Tascas, die wir unterwegs gesehen hatten oder von denen wir hörten oder in die wir schon immer mal gehen wollten, weil Jorge uns von ihnen erzählt hatte.

Er redet ständig von Tascas, weil es Museen sind, und in einer lernte ich Jorge auch kennen. Aber wir lernen uns jedesmal aufs neue kennen und verabschieden uns wie alte Freunde. Er ist einfach der Typ, der einen nicht erkennt, bis man ganz dicht vor ihm steht und was sagt. Keine Ahnung, wieso das so ist. Entweder ist er sehr schüchtern oder sehr vergesslich, oder er erwartet einfach nichts von niemandem. Das Leben steht ihm ins Gesicht geschrieben, aber ich habe keine Ahnung, was da steht. Alles an ihm ist alt, außer seine Augen, die traurig und erschrocken gucken, aber unbesiegt. Ansonsten wirkt er gebrochen, mit hängenden Schultern und halbfertigen Tätowierungen. Auf seinem Handrücken steht Jor. Die Tätowierungen sind wie Erinnerungen, die er nicht wegbekommt, während er sie zu vergessen versucht. Er sieht ein bisschen aus wie jemand, der einmal was Schlimmes getan hat. Barhäuptig, hemdsärmelig, braungebrannt, mit Silberkette am Handgelenk und Zigaretten in der Brusttasche. Mit dem Lachen eines Bauchredners, das von irgendwo herkommt, man weiß nicht von wo. Er kann über sehr einfache Sachen lachen und sehr lange und leidenschaftlich reden, und wenn man selbst was erzählt, vom Rossio zum Beispiel, zeigt er auf den Platz und sagt, der ja, der sei hier, als ob man noch nie hier gewesen wäre. Wenn ich über andere Länder spreche, zeigt er in die Richtung oder dorthin, wo er denkt, dass da die anderen Länder sind. Einmal sprach er von seiner Tochter, 24 sei die. Sie arbeitet als Köchin in einer Tasca der Bica, in welcher, weiß ich auch nicht.

Als ich das erste Mal zu ihm kam, war ich fürchterlich aufgeregt. So aufgeregt, wie man ist, wenn man sich zum ersten Mal an die Elektrische hängt, weil drinnen wieder alles überfüllt ist. Es ist und bleibt das schönste Vergehen. Wie man da so steht und dann so bei Jorge sitzt, von oben herab, und auf seine Glatze guckt und sieht, wie einen die Menschen sehen, erfordert Mut. Die Touristen gucken und machen Bilder von der poetischen Gleichförmigkeit seiner Bewegungen und der routinierten Abgeklärtheit im Terrain. Davon, wie man sitzt und ein altes Handwerk am Leben erhält, weil man diesem Mann gibt, was seine Arbeit wert ist, und noch ein bisschen mehr.

Für mich wird in ihm die Stadt lebendig. Er ist das lebendige Lissabon, länger hier als manche Bäume, so lang in Lissabon, dass er selbst Lissabon geworden ist. Von ihm weiß ich alles, was ich über die Stadt weiß und ihre Vergangenheit, die Leuchtreklame auf den Dächern am Rossio: Zigaretten, Uhren, Martini. Dom Jorge, der die Gefängnisse vollmachte und mit Flut füllte und alle hinrichten ließ, die auf die Befreiung durch Dom Pedro hofften. Luis de Camões, der sehr mutig gewesen sein soll und einen Sklaven hatte, der für ihn betteln ging, als er den Hungertod starb, und dann die Schnellzüge, die Anfang des 20. Jahrhunderts Portugals Hauptstadt mit dem Rest Europas verbanden. Eine Zeitlang dachte ich auch, dass die Stadt in den Taxifahrern lebendig werde, aber das stimmt nur bedingt und trifft auf ihre schlechtesten Seiten zu. Ich habe ihnen viele Chancen gegeben, und das werde ich auch weiterhin, und ich glaube schon, dass man von ihnen auch einiges erfährt und sich ruhig abziehen lassen kann, wenn man zum ersten Mal herkommt. Aber sie machen es selbst mit Portugiesen, die hier leben, und mir, obwohl ich ihnen genau sage, wo’s langgeht. Es sind immer die gleichen, oder es sind andere, und nicht alle sind so, aber die meisten sind Arschlöcher. Jorge sagt das auch. Nach unserem ersten Mal fragte ich, ob ich seine Nummer haben kann fürs nächste Mal, und er fragte: Wieso? Er sei immer hier, und wenn nicht, wäre er tot. Er war schon hier, als ich mit 17 zum ersten Mal hier war, in Puma-Hose auf der Bank da, unter den Bäumen.

Manchmal muss ich meinen heiligen Georg aber auch in der Tendinha abholen. Er trinkt da, weil wieder niemand kommt und er keine Frau hat und sein Magen platzt. Gib mir noch eine Stunde, sagt er dann vor einem Glas. Eine Stunde brauchst du für ein Glas? Wenn du mit mir redest, wird’s nicht besser. Kauf dir eine Zeitung, guck dir die Märchen von Mädchen an, die Fünf-Uhr-Flaneure, ist jetzt eine gute Stunde. Die Tendinha ist ein guter Ort, wo es mitten in der Innenstadt noch Sachen gibt, die man nur auf portugiesisch bestellen kann, und nur an der Theke, auch nicht durch Zeigen. Ein Filet do Pescada mit Knoblauchbrot oder ein Bier mit Martini. Eine Bica com Cheirinho, die Alkoholiker den Tag über tarnt. Jorge meint, warum nicht gleich mischen, wenn das der Bauch sowieso tut. Früher bekam man hier ein Glas Wein für 25 Cent (damals Escudos), man durfte sogar sein Pferd mit reinnehmen.

Neulich erst zeigte er mir seine dreißig Zentimeter lange Narbe. Ging vom Sack bis zur Brust. Er merke die aber nur noch beim Essen, beim Trinken merkt er die nicht, und wenn er ans alte Lissabon denkt und all die neuen Geschäfte, die es aushöhlen, oder sich über die Qualität meiner Schuhe aufregt. Wieso die so teuer gewesen sind und nach einem Jahr schon wieder so aussehen, wo ich die wieder getragen hätte? Solche Schuhe sollten ein Leben lang halten, aber wenn man in einem Jahr soviel an so vielen Orten damit umhergeht wie andere im ganzen Leben, geht das nicht. Ich soll meine Schuhe nicht soviel in anderen Städten tragen. Die hätten nicht solches Kopfsteinpflaster wie wir. In Lissabon ist das Kopfsteinpflaster anders, es ist sanft, da halten die Sohlen länger.

Jorge meinte, dass sich Städte sowieso immer ähnlicher werden, und als er das letzte Mal die Avenida Liberdade herunterging, hätte er auch eine Avenida in Paris oder anderswo runtergehen können, und das mache ihn traurig. Es sind die gleichen Läden wie überall, oder es sind andere. Die Fassaden der Stadt bleiben aus Denkmalschutzgründen seit Jahrhunderten gleich, aber das Innere ändert sich doch. Gewaltig. Läden, die innen noch so sind wie die Chapelaria Azevedo Rua (1886) oder die Sapataria do Carmo (1903), die Drogaria Central oder die Manteigaria Silva, die Casa Macário oder die Wolläden, aber was soll man da. Das seien alles noch Geschäfte, sagt Jorge, und dass es in der Baixa schon noch anständige Läden gibt mit Menschen, die stolz auf das sind, was sie tun, auch wenn es Schlüpfer sind, und es nicht nur tun, um dann andere Dinge tun zu können.

Es ist nicht so, dass früher alles besser war. Es gab viel Kriminalität, Prostitution, Gewalt und Trinken auf den Straßen. Aber damals waren die Messer zum Klauen da, heute sticht man damit zu. Zehn Jahre nach der Troika und drei Jahrzehnte nachdem man mit volkswirtschaftlichen Brustvergrößerungen Menschen anlockte, die nicht gerne Steuern zahlen, ist Lissabon die dritteuerste Stadt der Welt, gemessen an Einkommen und Lebenshaltungskosten. Jorge bekommt 300 Euro Rente, davon gehen 140 Euro Miete ab, und das ist ein sehr alter und gnädiger Mietvertrag für eine Einzimmerwohnung in der Baixa. Die Stadt ändert sich, und die Leute, die sich daran erinnern, sterben, und alle wollen, dass es wieder wird, wie es nie war. Lissabon ist sehr alt, und die meisten wollen in jenem Moment kommen, bevor es sich ändert. Sie sind alle wieder da, und die Rua Garrett ist wieder die gleiche geile Meile. Der Tourist hat den Chiado zurückerobert. Sie pressen sich in der Mittagshitze durch ihn durch wie Thrombosen, und Ricardo vom Café Nicola bindet ihnen den Latz um. Sie haben keinen Schimmer und essen zu Unzeiten, weil sie sich den Tag nicht einteilen und im August kommen und sich ihren Hunger mit Sandwiches zerstören. Sie tun es nicht in einer Tasca, wo das Essen gut und der Wein billig ist und langsam tötet und man nicht gefragt wird, ob man hier essen will. Nein, sie tun es immer und überall, essen Pommes um sechs, an Orten, die Pommes in ihrer Sprache dahaben. Den Kaffee bestellen sie zur Rechnung dazu. Sie kommen aus Ländern, in denen das Grau aussieht, als würde es nie wieder blau werden, und sie bringen ihre Götter und Geschlechtskrankheiten mit und schauen sie sich von den Miradouros aus an. Fodass, sagt Jorge. Das schlimme ist, dass sie das nicht mal in ordentlichen Schuhen tun, weil Urlaub für sie immer Flipflops bedeutet.

Er regt sich sehr über die Touristen auf, aber seine Aufregung weicht schon fast dem, was nach der Aufregung kommt. Er regt sich darüber auf, dass sich die Touristen sogar selber über die Touristen aufregen. Immer die anderen. Wie im Verkehr. Er regt sich über die Touristen auf und die mit ihren Touristenläden und die mit ihren schlechten Lebensmittelgeschäften, aber er regt sich nicht auf wie die Deutschen, die dann ausrasten und total durchdrehen. Am Anfang konnte ich das natürlich nicht verstehen. Ich sprach Sprachschulportugiesisch. Irgendwann fing ich an, das, was ich von Jorge lernte, mit dem, was ich in Gedichten von Luis de Camões las, zu verbinden und konnte so sprechen, dass Jorge mich versteht.

Einmal wollte ich ihn zum Mittag einladen, und er sagte: Nein, lass, Junge, und ich sagte: Na komm schon, Jorge, wir gehen ins Gambrinus, weil das der beste Laden ist, also nicht heute, aber damals, zu Jorges Zeit. Er meinte: Junge, nein, tu das nicht. Die haben mir 20 Zentimeter Darm rausgeschnitten, ich esse eine Krokette und bin satt. Zeit ist Geld, auch wenn am Tag keiner kommt. Lass uns in einer Tasca bleiben, und so blieben wir, und wie, und aßen ein wenig und tranken und sprachen über eine Zeit, als der Wein noch aus Fässern in Flaschen gefüllt wurde und noch keine Schwermetalle drin hatte wie Monte Velho. Nach meinem Essen und der Krokette von Jorge liefen wir um die Baustellen beim Hotel Francfort und sahen uns die Informationstafeln an, die sie aufgestellt hatten, um die Zerstörung erträglicher zu machen. Jorge blieb vor jedem Bild stehen und erklärte mir alles. Sachen, die sehr klar waren, und Sachen, die ich nicht wusste. Wir rauchten Zigaretten, und er sprach sehr viel über die Schuhe der Leute auf den historischen Fotografien und die Pasteleria Suiça, die jüdischen Intellektuellen im Zweiten Weltkrieg als letzter Treffpunkt diente. Es war ein gutes Café, das man so sehr renovierte, bis es nicht mehr zu retten war. Jorge stand eine Weile vor dem Bild wie eines seiner Teile, das kurz aus dem Bild gekommen ist, und ich dachte, etwas angeschossen vom Wein, dass er nicht ins Gambrinus wollte, weil es ihm unangenehm wäre, und dass Lissabon nicht sterben darf, wenn Jorge nicht mehr ist und die letzte dicke Fischfrau dünn ist und Fotos davon macht und sich der letzte alte Mann von seinem weißen Plastikstuhl erhebt, weil er was Besseres zu tun hat als rumsitzen. Aber solange hier noch eine gelbe Laterne brennt und auf eine bröckelnde Fassade scheint und Gras durch die Decken wächst und ein Huhn über die Gasse rennt, hab’ ich Hoffnung. Solange die Unterstadt morgens und abends diese eine Stunde hat, die nur Jorge und der Stadt gehört.

Seitdem ich ihn kenne, ist es schön, Gründe zu haben, um zu dieser Zeit durch diesen Teil der Stadt zu gehen. Ich kenne jetzt viele Leute, die hier arbeiten, und viele Wege, die daran vorbeiführen und versteckte Lokale, in die wir gerne gehen. Man kann gut was besorgen und auch hingehen, wenn man nichts zu besorgen hat, sich die Schuhe wichsen lassen, wenn man welche hat, die sich wichsen lassen, oder eine Morgenausgabe kaufen, wenn man die Sprache spricht, obwohl das Land auch gut ohne Nachrichten auskommt, mit denen man hier eh nichts anfangen kann, außer Heulen. Man wüsste bei hundert Toten nicht mehr, was ein einziger ist, meint Jorge. Es ist und bleibt ein besonderes Gefühl, gerade wenn man hauptberuflich durch die Straßen geht und Pedro grüßt, den Besitzer der Casa Macário, oder Antonio, den Oberkellner unter den Arkaden, oder die Kellnerinnen der Tendinha oder die Fleischer­jungs, aber die kennen meinen Namen nicht, die grüßen nur. Die Kellnerinnen der Tendinha kennen ihn, und sie rufen: Bom Dia Konstantino, como e que? Já comeste pequeno-almoço, ob ich schon gefrühstückt habe und wie’s mit dem Buch läuft und der Liebe, und ich rufe: Gut und geht und nein, und sie rufen: Komm her, wir braten dir ein Ei. Das sind so herzliche Frauen, und das Highlight ihrer Tage ist, sie im Kalender durchzustreichen oder mir ein Ei zu braten. Sie fragen dann, ob ich wüsste, welchen Tag wir heute haben, damit sie ihn durchstreichen können, und ich sage nein. Sie wissen es genau, aber sie wollen es genauer wissen und gehen raus und fragen lieber noch mal. So ist Lissabon. Die Menschen kommen ins Gespräch und fangen an zu reden und landen vielleicht auch irgendwo. Man kommt ins Gespräch und auch ganz einfach wieder raus.

Es ist dann einen frühen Morgen lang so wie eine Erinnerung daran, die Wiedergewinnung von etwas, das nicht verlorengeht. Es ist eine Dreiviertelstunde bei Jorge, so wie es nie war, und glaub mir, dir wurden noch nie so die Schnürsenkel gebunden. Jeder Schuhputzer in Lissabon hat da seinen eigenen Stil. Jorge macht einen doppelten Knoten links, damit die Schleife nicht verrutscht. Es ist seine Unterschrift.

Konstantin Arnold, Jahrgang 1990, ist freier Autor und lebt in Lissabon. Er schreibt Reportagen für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können. 2020 publizierte er seinen Debütroman »Libertin. Briefe aus Lissabon« (Proof-Verlag).

Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 12. Februar »Allnacht«

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