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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zombies hautnah

Von Arnold Schölzel
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Der sogenannte Botschafter Andrij Melnyk ist noch in Berlin und waltet dort seines Amtes: Faschismus in der Bundesrepublik salonfähig machen. Der Widerstand ist erwartbar gering, die Unterstützung in allen Konzern- und Staatsmedien groß.

Trotz klarer Linie gibt es aber Pannen. Am Freitag berichtet der Tagesspiegel, dass eine »Ausstellung zerschossener russischer Panzer vor der russischen Botschaft« abgesagt worden und Melnyk erbost sei: »Das zerstörte Kriegsgerät Russlands, das im Herzen Berlins ausgestellt würde, sollte den Menschen in Deutschland ein hautnahes Gefühl von dem brutalen Vernichtungskrieg vermitteln.« Daher seien »die Ukrainer« schockiert, dass das Bezirksamt Mitte den Antrag »mit einer absolut fadenscheinigen Begründung abgelehnt« habe – ein »echter Skandal«. Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey solle die Genehmigung erteilen.

Die Trophäen wurden auf Initiative des Kiewer Außenministeriums bereits in Warschau und Prag gezeigt, nach Berlin wollen sie die beiden Betreiber des privaten Museums »Berlin Story Bunker«, Enno Lenze und Wieland Giebel, holen. Das Bezirksamt Mitte hatte in seiner Ablehnung laut Tagesspiegel unter anderem angeführt, »dass in dem zerstörten Kriegsgerät Menschen gestorben sind und dessen Ausstellung auch daher nicht angemessen ist«. Reaktion Giebels: Das Bezirksamt übe »inhaltliche Zensur bei einem Kunstprojekt« aus. Und Tote? »Wieso darf dann aktuell im Technikmuseum das Raserauto vom Unfall auf dem Ku’damm gezeigt werden, bei dem auch ein Mensch starb?«

Die bislang verhinderte Kunstausstellung dürfte für Melnyk nur eine Station auf dem Weg sein, in der Bundesrepublik endlich der Staatsideologie Kiews nicht nur bei Bündnis 90/Die Grünen zur Anerkennung zu verhelfen. Bei Erwähnung des Nationalhelden Stepan Bandera zucken hierzulande zum Beispiel immer noch einige aus unverständlichen Gründen zurück. Also dozierte Bandera-Fan Melnyk in der Zeit vom 28. Juli: »Ich habe nur versucht, zu erklären, dass viele meiner Landsleute – laut jüngsten Umfragen 76 Prozent – diese historische Persönlichkeit positiv bewerten und man diese zweifelsohne umstrittene Gestalt nicht nur in einem durch die russische Propaganda erzeugten schwarz-weißen Kontext sehen muss. 2016 wurde eine große Straße in Kiew nach ihm benannt. Es gibt Dutzende Denkmäler.« Denn sind die erst errichtet, steht ja wohl fest: Bandera war einer von uns.

In diesem Sinn setzte Melnyk am Montag, wie die Berliner Zeitung online berichtete, seinen Kampf gegen die Saboteure seiner Mission fort und twitterte: »Als Putins deutsche Komplizen werden Sie @ernst_klaus und all Ihre linken Freundchen wie Wagenknechts & Co. landen auf der Anklagebank des Nürnberger Tribunals 2.0. gegen die russischen Kriegsverbrecher in der Ukraine. Ihre Verharmlosung des Aggressors ist einfach abscheulich.« Ernst und Wagenknecht hatten für Verhandlungen plädiert.

Das wird ihnen nicht viel helfen. Die Zeit dachte sich jedenfalls, 76 Prozent können sich nicht irren, und veröffentlichte am Donnerstag eine Homestory aus dem »Asow«-Regiment. Überschrift: »Die Russen sind Zombies«. Die übermittelten Zitate kommen von Herrenrassemördern alten Stils und angesagten NSU-Killern. Zum Beispiel Dmitri: »Was fühlt man, wenn man einen Russen umbringt? Antwort: Den Rückstoß der Kalaschnikow.« Die Zeit findet dafür vornehmes Vokabular: »Hypernationalismus, Männlichkeitsmythen und Askese«.

Das Bezirksamt Berlin-Mitte sollte sich seine Ablehnung noch einmal überlegen. Panzer, in denen untote Russen von asketischen Ukrainern getötet wurden, gehören in eine Kunstausstellung. Weil Melnyk das so will. Der beruft sich zwar auf einen Judenmörder, hat mit Antisemitismus aber nichts zu tun.

Das Bezirksamt Berlin-Mitte sollte sich seine Ablehnung noch einmal überlegen. Panzer, in denen untote Russen von asketischen Ukrainern getötet wurden, gehören in eine Kunstausstellung. Weil Melnyk das so will. Der beruft sich zwar auf einen Judenmörder, hat mit Antisemitismus aber nichts zu tun.

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