75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 12. August 2022, Nr. 186
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Den Krieg richtig beurteilen

Lenin 1922: Die Vertreter der bürgerlichen Staaten schätzten schon 1914 die Lage falsch ein – und finden sich auch danach nicht zurecht
3.jpg
Ohne wirtschaftliche Beziehungen zu Russland wird der Verfall der bürgerlichen Staaten weitergehen. Lenin, 1921

Vom 10. April bis zum 19. Mai 1922 fand in Genua eine Konferenz statt, auf der außer den USA alle Teilnehmer des Ersten Weltkrieges vertreten waren, darunter auch das Deutsche Reich und die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR). Für letztere bedeutete das die diplomatische Anerkennung der Revolutionsregierung und das Ende des Boykotts. Die Konferenz sollte einen Ausweg aus der Nachkriegskrise der internationalen Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen finden. An ihrem Rand schlossen Deutschland und die RSFSR am 16. April den Vertrag von Rapallo. Lenin wollte als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare in Genua teilnehmen, musste aber aus gesundheitlichen Gründen verzichten. Die RSFSR legte dort zum ersten Mal in der Geschichte einen Plan für allgemeine und vollständige Abrüstung vor. Am 6. März sprach Lenin in Moskau auf einer Metallarbeiterkonferenz über die Konferenz:

In den reichlich vier Jahren des Bestehens der Sowjetmacht haben wir selbstverständlich genug praktische Erfahrung erworben (abgesehen davon, dass wir das auch theoretisch gut genug gewusst haben), um dieses diplomatische Spiel, das die Herren Vertreter der bürgerlichen Staaten nach allen Regeln der veralteten bürgerlichen diplomatischen Kunst treiben, gebührend einschätzen können. Wir verstehen ausgezeichnet, was diesem Spiel zugrunde liegt: Wir wissen, dass sein Kern der Handel ist. Die bürgerlichen Länder müssen mit Russland Handel treiben. Sie wissen, dass ohne die einen oder anderen Formen wechselseitiger ökonomischer Beziehungen der Verfall bei ihnen so wie bisher weitergehen wird; trotz aller ihrer großartigen Siege, trotz all der endlosen Prahlereien, mit denen sie die Zeitungen und Telegramme der ganzen Welt füllen, geht ihre Wirtschaft doch aus den Fugen, und die einfachste Aufgabe – nicht etwa Neues aufzubauen, sondern nur das Alte wiederherzustellen – können sie nach allen ihren grandiosen Siegen nun schon das vierte Jahr nicht meistern und kommen immer noch nicht damit zu Rande, wie man zu dritt, zu viert, zu fünft (eine ungewöhnlich hohe Zahl, wie Sie sehen, die die Möglichkeit einer Verständigung ungeheuer erschwert) zusammenkommen und eine Kombination finden könnte, die es ermöglichen würde, Handel zu treiben.

Ich begreife wohl, dass Kommunisten wirklich Zeit brauchen, um Handel treiben zu lernen, und dass jeder, der das lernen will, anfangs einige Jahre lang die gröbsten Fehler machen wird; die Geschichte wird ihm verzeihen, weil das für ihn eine neue Sache ist. (…) Dass aber die Vertreter der bürgerlichen Staaten das Handelsgeschäft von neuem zu lernen haben, das sie seit Jahrhunderten betreiben und auf dem ihr ganzes gesellschaftliches Dasein beruht – das ist sonderbar. Für uns übrigens ist das nicht so sonderbar: Wir haben schon längst gesagt und gewusst, dass sie den imperialistischen Krieg weniger richtig beurteilt haben als wir. Sie pflegten ihn danach zu beurteilen, worauf sie mit der Nase stießen, und drei Jahre nach ihren gigantischen Siegen können sie keinen Ausweg aus der Lage finden.

Wir Kommunisten sagen, dass wir den Krieg tiefer und richtiger einschätzen, dass sich seine Widersprüche und Drangsale unvergleichlich breiter auswirken, als die kapitalistischen Staaten annehmen. Und wenn wir als Außenseiter die bürgerlichen Siegerländer betrachteten, sagten wir: Sie werden noch des öfteren an unsere Voraussagen und unsere Einschätzung des Krieges und seiner Folgen denken. Der Umstand, dass sie sich in den einfachsten Dingen nicht mehr zurechtfinden, setzt uns nicht in Erstaunen. Doch gleichzeitig sagen wir: Wir brauchen den Handel mit den kapitalistischen Staaten, solange sie noch als solche existieren. Zu den Verhandlungen mit ihnen gehen wir als Kaufleute, und dass wir das zustande bringen, wird durch die wachsende Zahl der Handelsverträge mit den kapitalistischen Mächten bewiesen. (…)

In der Frage der Genueser Konferenz muss man den Kern der Sache streng unterscheiden von den Zeitungsenten, die die Bourgeoisie loslässt, der Bourgeoisie scheinen sie schreckliche Bomben zu sein, uns aber schüchtern sie nicht ein, weil wir ihrer schon viele erlebt haben und sie nicht immer verdienen, dass man sie auch nur mit einem Lächeln beantwortet. Alle Versuche, uns Bedingungen wie Besiegten aufzuzwingen, sind leerer Wahn, auf den es nicht lohnt zu antworten. Wir knüpfen als Kaufleute Beziehungen an und wissen, was man uns schuldet und was wir den anderen schulden und wie hoch ihr rechtmäßiger und sogar erhöhter Profit sein kann. Wir erhalten viele Angebote, die Zahl unserer Verträge nimmt zu und wird weiter zunehmen, was sich die drei, vier Siegermächte auch in den Kopf setzen mögen.

Wladimir Iljitsch Lenin: Über die internationale und die innere Lage der Sowjetrepublik. Rede in der Sitzung der kommunistischen Fraktion des Gesamtrussischen Verbandstages der Metallarbeiter, 6. März 1922. Prawda Nr. 54, 8. März 1922. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 33. Dietz-Verlag, Berlin 1973, Seiten 199–200 sowie 204

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.