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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 14 / Thema
jW-Kunstedition

Alltag und Inferno

Heute erscheint die zehnte Grafik in der junge Welt-Kunstedition: »Meine Masken« von Erik Seidel
Von Andreas Wessel
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Die zehnte Grafik der jW-Kunstedition ist ein dreifarbiger Linolschnitt (Hochdruck) von Erik Seidel, »Meine Masken«, gedruckt von Jürgen Puchta (Druckerei Möbius, gegr. 1894, in Artern/Thüringen) auf Munken-Karton, Darstellungs- und Blattmaß: 29 × 20 cm, unten links: Prägestempel der jW-Kunstedition, unten Mitte: signiert und datiert, Auflage: 250 Exemplare, davon 50 Exemplare nicht für den Handel (h. c.)

Samstag morgen, Punkt neun Uhr, klopft Erik Seidel an die Tür der Maigalerie in der Torstraße 6, Berlin-Mitte. Während ich den weißen Rosen unter dem Selbstbildnis von Käthe Kollwitz frisches Wasser gebe, dreht Erik frisch und gut gelaunt eine Runde durch die am Vorabend gemeinsam mit vielen Künstlerkollegen und fast 100 Besuchern eröffnete Schau »Inspiration Käthe Kollwitz«. Ich bin nicht ganz so frisch und versuche das Katerchen, das hinter meiner Stirn maunzt, auch mit etwas frischem Wasser zu besänftigen – eine Kaffeemaschine fehlt noch in der Ausstattung unserer neuen Galerie. Erik Seidel kontrolliert noch einmal den frisch geweißten Sockel seiner Eisenplastik am Eingang (so liebt das der Galerist, wenn der Künstler nicht nur einen passenden Sockel mitbringt, sondern auch alles dabei hat, um ihn schnell noch einmal neu zu streichen – typisch Bildhauer) und schaut hinüber zum Soho House Berlin (Eigenwerbung: »Unser Berlin House bildet einen Eckpfeiler der stetig wachsenden kreativen Community im Stadtbezirk Mitte« – ein Pfeiler, in dem das Ausmaß der Kreativität ganz offenbar und ganz innovativ an der Dicke des Geldbeutels gemessen wird …): »Das ist ja wirklich absolut zentrumsnah, die Lage ist ja wirklich sensationell!« Da werden Käthe, das Katerchen und ich nicht widersprechen.

Erik Seidel lebt und arbeitet in Leipzig, wobei Aufenthalte in Berlin durch eine neue Liebe häufiger werden. Heute Nachmittag muss er in Havelberg sein, wo im Prignitz-Museum noch bis zum 7. August seine Werke in einer Personalausstellung gezeigt werden. Das gab Gelegenheit, ihm vorher noch ein paar O-Töne für diesen Text zu entlocken. Dabei geht es mir stets nicht in erster Linie um die Kunst, das heißt, um die Dinge, die als Kunst präsentiert, beschaut und vielleicht auch gekauft werden, sondern darum, warum ein Mensch sich sein Lebtag damit plagt, solche Dinge herzustellen – woher kommt die Motivation?

»Dresden-Trauma«

Erik Seidel wurde 1966 im vogtländischen Rodewisch geboren. »Und dann bin ich in Auerbach, Vogtland, aufgewachsen, eine schöne Ecke, landschaftlich toll, und dort hat das auch angefangen mit der Kunst. Ich hatte einen guten Kunstlehrer, der mich so ein bissel bestärkt hat, ich hatte schon als 13jähriger eine Ahnung, dass das in die Richtung Kunst geht.« Gab es ein Schlüsselerlebnis? »Bei uns gab’s soʼne Gruppe von zehn, zwölf Jungs, die immer da waren, greifbar waren, und wir waren bis zum Alter von 14 auf dem Fußballplatz. Dann haben die anderen alle ein Moped bekommen, aber wir waren drei Kinder zu Hause, da war das nicht drin, und das war, sag’ ich mir heute, meine Chance: Die anderen waren unterwegs, und ich war ›übrig‹ und konnte nicht weg und hab’ meine Zeit anders genutzt, z. B. mit Postkarten abmalen, so wie man halt erst mal anfängt, von Ansichten der Moritzburg bis van Gogh. Mein Taschengeld hab’ ich in den Buchladen Buch & Kunst Auerbach getragen, da gab’s diese kleinen Hefte für zwei Mark ›Maler und Werk‹, und da lernte ich die ersten Künstler kennen, auch DDR-Künstler, wie Wolfgang Wegener, Wagner, so ein Hallenser, Otto Knöpfer oder Niemeyer-Holstein; Rudolf Nehmer habe ich früher sehr geliebt, auch heute noch.« Spielte die Kunst im Elternhaus eine Rolle? »Gar nicht, nix, null. Meine Mutter war Kindergärtnerin, und mein Vater war in einer Maschinenfabrik, die haben mich im Prinzip immer unterstützt, zumindest nie irgendwie behindert, aber sie waren, glaub’ ich, von alleine nie in einem Kunstmuseum.«

Wann kam der Gedanke auf, Künstler zu werden? »Das war in der Schule bei mir noch gar nicht so im Kopf, dass ich mal ›Künstler‹ als Beruf werden will. Während der Abiturzeit hatten wir ein paar Leute, die konnten so richtig gut zeichnen, die haben sich dann beworben in Dresden und Halle und sind alle abgelehnt worden, da hatte ich gar keinen Mut dazu. Nach der Armee habe ich erst einmal ein Kunstlehrerstudium begonnen und mich dann relativ spät, 1996, das erste Mal in der Dresdner Kunsthochschule beworben, da war ich schon 30. Ich war ein Jahr Gaststudent – und dann bin ich abgelehnt worden und habe das abgebrochen. Das hat mich schon getroffen, ich hatte durchaus ein paar Jahre ein ›Dresden-Trauma‹. Wobei ich hinzufügen muss, dass ich mich bei der Bildhauerei beworben hatte, und der Maler – ich hatte auch ein paar Ölbilder abgegeben –, der hätte mich genommen in der Malklasse, aber ich war damals auch ein bissel eigen und zu stolz: Ich wäre halt gern Bildhauer geworden und wollte nicht in die Malerklasse! Aus heutiger Sicht vielleicht ein bissel dumm, aber es ist alles gut gelaufen hinterher.

Gleich im Anschluss dann hab’ ich Steinmetz und Steinbildhauer gelernt und hatte aber auch schon mein Lehrerstudium abgeschlossen, hatte mein Referendariat fertig, allerdings noch nie als Lehrer gearbeitet. Von 1997 bis 2002 habe ich bei einer Steinmetzfirma gearbeitet und die schönen Aufträge nach der ›Wende‹ abgearbeitet, so schöne Sandsteinstücke durfte ich machen, das war cool, aber als es dann mit dem Granitzeug losging, mit peinlichen Sachen, Fensterbänke einbauen, da wusste ich, das ist jetzt nicht mehr meins, und hab’ mich in der Schule beworben, und dort auch gleich eine Stelle gekriegt. Seitdem bin ich in Leipzig Kunstlehrer, Schwimmlehrer und Werklehrer an einer Schule für geistig Behinderte, eine sogenannte G-Schule (offiziell: Förderschule mit dem Schwerpunkt ganzheitliche Entwicklung). Ich unterrichte die oberen Klassen, die sind 12, 13, bis 18, und du hast sechs bis sieben Leute in der Klasse, mit denen kannst du richtig was machen. Da hast du auch etliche ›leichte‹ Behinderungen, die bei guter familiärer Führung auch einen guten Hauptschulabschluss gemacht hätten, oder in der Lernbehinderten-, in der L-Schule gut durchgekommen wären und auch einen Beruf gelernt hätten, aber wir haben tatsächlich in Leipzig viele aus den sozialen Randgruppen …, da gibt es einfach keine Förderung, und durch diese Nichtförderung wirst du irgendwann blöde, muss ich einfach mal so sagen. Nur eine Minderheit sind die wirklich Schwerstbehinderten, wir haben auch paar Trisomie-21-Leute, wobei die Bandbreite gerade beim Down-Syndrom ja riesengroß ist.« Und wie macht man da Kunstunterricht? »Das ist natürlich nicht leicht, ich musste das auch erst lernen, und es sind immer nur wenige, die diese nötige Kreativität haben, oder sagen wir mal so, auch denen wurde das irgendwann mal aberzogen. Wir machen viel Handwerkliches, gerade bauen wir Hausmodelle aus Ton, und ich arbeite mit ihnen auch an meiner Druckerpresse. Du musst dir halt was einfallen lassen, was dir auch selber Spaß macht!«

Steine kloppen und Brotjob

Mit der eigenen Kunst ging es immer weiter, wann kam das Gefühl, ein »richtiger« Künstler zu sein? »Ich hatte 1994 an einem Wettbewerb der Stadt Plauen teilgenommen und – für mich ziemlich überraschend – gewonnen. Es ging um eine Bronzeplastik ›Vater und Sohn‹ für Erich Ohser, bekannt als e. o. plauen, die steht jetzt dort vor’m Museum. Damals hab’ ich gedacht, jetzt läuft das, jetzt kommen die Aufträge – aber da lief gar nix. Anfang der 2000er Jahre habe ich angefangen, Holzschnitte zu machen, und schon 2004 war ich mit drei dieser frühen Holzschnitte bei ›100 Sächsische Grafiken‹, der Biennale sächsischer Druckgrafik, dabei, und ab da hatte ich das Gefühl, jetzt gehöre ich auch dazu! Es kam also durch die Druckgrafik, durch die Holzschnitte und auch Siebdrucke.«

Und die Bildhauerei? »Ich kloppte auch immer Steine, Sandsteine, bis mir irgendwann mal ein befreundeter Galerist sagte: ›Eigentlich ist das Stötzer für Arme‹, und da dachte ich: Verdammt, der hat recht, und von dem Tag an hab’ ich aufgehört, diese Torsi zu machen.« Künstlerisch konsequent, aber ökonomisch schmerzhaft. »Das blöde war, dass sich diese Steine verkauften wie geschnitten Brot, aber da bin ich dann auch selber stutzig geworden, die gingen mir einfach zu gut von der Hand …, Stötzer hat mich natürlich sehr beeinflusst, besonders seine kleineren Arbeiten sind wirklich hervorragend, ein toller Mann, den ich wirklich sehr schätze. Ich habe aber auch gesehen, dass das Arbeiten in seinem Fahrwasser gefährlich ist. Viele, die bei ihm waren, können sich nicht lösen von ihm, man sieht ihnen 20 Jahre später immer noch an, dass sie bei Stötzer gelernt haben, und das wollte ich irgendwann nicht mehr, also Schluss. Mit den Steinen war dann zwar auch eine sichere Einkommensquelle weg, aber ich machte es doch nicht wegen der Kohle!«

Und es gab ja immer den Brotjob. »Ja, anders würde es ja gar nicht gehen. Zurzeit habe ich eine volle Stelle, ich muss jetzt auch erst einmal Schulden in der Gießerei abzahlen. Außerdem bringt der Job soziale Kontakte; ich glaube, wenn ich nur Kunst machen würde, würd’ ich ziemlich versauern.« Die Einsamkeit des Künstlers im Atelier. »Du hast halt den Nachteil, dass du viel Zeit und auch körperliche Energie verausgabst; wenn du um drei zu Hause bist, da machen andere Feierabend, und du musst anfangen, da muss man sich ordentlich zusammenreißen, da leidet natürlich auch die Familie drunter. Aber ja, das ist halt in einem so drin, man will das, man macht das, und man denkt eigentlich auch an nischt anderes, das ist ja das Schöne daran.« Ist da nicht immer auch die Hoffnung auf Resonanz? »Also, ich mach’ nie eine Sache für eine Ausstellung, sondern ich fange an und weiß, ich mach’ jetzt die Linie und die Linie und die Fläche, scheißegal, ob das einer will, ob das einem gefällt, das macht man nur für sich …, und das ist ja das Schöne, durch diesen Brotjob kann ich mir das leisten! Ich habe auch Künstlerfreunde, die auf Hartz-IV-Niveau leben und für die alle Künstler, die noch einen Brotjob haben, keine Künstler sind: Entweder ich mache meine Kunst den ganzen Tag und leide, oder es ist alles nichts. Aber da hab’ ich keinen Bock drauf, ich habe ’ne Familie, die leben will, und nicht auf Hartz IV. Meine Tochter ist künstlerisch auch sehr begabt, hat Geige im Orchester gespielt, richtig gut, und ich hätte auch gerne gesehen, dass sie irgendwas mit Kunst macht. Dann hat sie ein Praktikum bei einem Geigenbauer gemacht, der ihr 14 Tage lang erzählte, wie wenig man als Geigenbauer verdient. Als sie wiederkam, sage sie zu mir: Papa, ich studiere Chemie, ich will nicht mein ganzes Leben arm sein. Das war ein wichtiger, schöner Satz! Ich hab’ nie wieder drüber geredet, weil sie ja recht hat: Du musst wegen der Kunst nicht in die Askese gehen, weil die Kunst dadurch auch nicht automatisch besser wird.«

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Erik Seidel

Mit den geldbringenden Steinen war dann also plötzlich Schluss, und es begann, das zeigen die Kataloge, das Modellieren für Metallgüsse. »Ich war zuerst in einer erzählerischen Tradition, Heinrich Apel und Bernd Göbel, das gefällt mir auch immer noch, und dieser Maskenmann«, Erik zeigt auf den vor uns liegenden Entwurf für die Editionsgrafik, »der soll jetzt im Herbst auch eine Plastik werden, auch wieder was Erzählerisches. Aber zwischendurch hatte ich mich davon gelöst und kam zu Figuren in der Tradition von Hermann Blumenthal oder auch Gerhard Marcks, so was ganz Strenges, das liebe ich halt auch.« Vielleicht ist es ja auch wichtig, sich immer wieder an der menschlichen Figur, am Akt zu vergewissern, um nicht ins Beliebige abzudriften? »Das ist interessant, dass du das sagst, ich hab’ im letzten Jahr ein paar Sachen gemacht, in Wachs, die sind immer luftiger geworden, sind immer weiter auseinandergegangen, und an einem Punkt habe ich mir gesagt, ich muss mich jetzt wieder konzentrieren, dass ich die Form wieder straffe, wieder zur Form zurückkomme, wieder eine Figur, nicht nur Stangen und Stäbe. Ich guck’ mir auch Hans Arp gerne an, Henry Moore oder Glöckner, alles schön, aber, die Ecke kannste so falten, so falten und so falten, alles schön, kann mir auch gefallen, da noch ’ne Spirale, da noch ’ne Kugel, da noch was, aber es wird dann beliebig, und deswegen mag ich so einen Kopf hier lieber.« Er steht auf und streicht behutsam über »Soldat und Tod«, von Marguerite Blume-Cárdenas in Reinhardtsdorfer Sandstein gehauen. »Wenn ich das sehe, trau’ ich mich kaum noch an einen Stein ran, unglaublich die Frau, und eine Frische mit bald 80 Jahren!«

Fröhlich in der Apokalypse

Wer zur Zeit die Maigalerie betritt, steht sofort vor Erik Seidels Eisenfigur »Ich fahre, ich fahre«: ein rennender oder wohl eher Anlauf nehmender Knochenmann mit fröhlich grinsendem Totenschädel. Und im Fenster hängt sein Riesenholzschnitt »Die Ufer waren klebrig«, auch hier ein menschliches Skelett, das sich durch Dantes Inferno kämpft: »So, nicht durch Feuer, sondern höhern Einfluß, / Sott in der Tiefe hier ein dickes Pech, / Das überall das Ufer klebrig machte« (Dante Alighieri, La Divina Commedia, Inferno, Canto 21, übersetzt von Karl Eitner). 2010 stülpt der Bildhauer einer seiner Figuren einen Totenschädel über den Kopf (»Meister, was ist es, was ich höre«) und lässt das ganze in Eisen gießen – willkommen in der Apokalypse. Die Schädel maskieren und entlarven und sind seitdem aus Seidels Werk nicht mehr zu vertreiben: Mit oder ohne Skelett durchdringen sie die Bilder, werden zu Quadern gehäuft, schweben, schwitzen, wuchern, treiben aus, wachsen zum grausig-makabren »Bouquet für einen Freund« (2016). Nächstenliebe? O Mensch, sei dir dein bester Freund, dann brauchst du keine Feinde.

»Es muss nicht immer der Tod mit drinstecken.« Aber in unserer Editionsgrafik »Meine Masken« ist ja auch Apokalypse angesagt, wenn auch ohne christliche Konnotation – da ist eher ein irres Kichern im Hintergrund … »Ja, der guckt auch schon wieder ein bisschen wahnsinnig, dabei bin ich eigentlich ein total fröhlicher Mensch.« Mitten in der Apokalypse. »Genau, und weiß leider, oder glaube zu wissen, dass wir der Apokalypse näher sind als der Rettung, ökologisch gesehen. Ich sag’ mir, man kann den Kindern nicht die Wahrheit sagen, also aus meiner Sicht. Es wird auch noch eine ganze Zeit weitergehen, aber die Einschränkungen werden irgendwann größer, und die Verschmutzung wird immer mehr, auch wenn der Mensch immer wieder irgendwas erfindet. Das ist ja das Erstaunliche, das Erfinderische am Menschen, leider ist auch immer ein Pferdefuß dabei!« Da ist nun der rechte Zeitpunkt fürs Klassikerzitat: »Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns«, schreibt Friedrich Engels in »Dialektik der Natur« und mahnt weiter, »dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr (der Natur) angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.«

Seidel sieht den Menschen fröhlich-pessimistisch nicht als gescheitertes, sondern scheiterndes Wesen, scheiternd »in seiner vollkommenen, idealtypischen, noch nie erreichten Entfaltung«, wie er es im Katalog zur Ausstellung »Inspiration Kollwitz« formuliert. »Mich wundert, dass ich fröhlich bin«, so trällerten schon die mittelalterlichen Sänger den »Reim der Gottlosen« (Luther). Den Dialektiker wundert’s nicht, es ist ja gerade die Resilienz – bis hin zur totalen Realitätsverleugnung – des idealtypischen Homo sapiens, die uns als biologische Art zu nie erreichter Entfaltung führte. Und in Konsequenz bis an den Rand des Abgrunds. Hurra, die Apokalypse ist da, aber die Layla, die Layla, die ist geila – Herr Ober, noch ein Bier.

Erik blickt auf die Vorzeichnungen zu »Meine Masken«: »Und wir werden immer mehr Menschen auf dieser Erde und werden natürlich immer mehr verbrauchen, und wir hier mehr als die im globalen Süden, die zwölf Kinder haben; das ist ja das Idiotische, wir tun so, als wären die, die zwölf Kinder haben, die Bösen, nein, wir sind die Bösen mit dem einen Kind, weil wir trotzdem am meisten verbrauchen – die ökologisch lebende Kleinfamilie, die sich zweimal im Jahr eine Urlaubsreise gönnt.« Sind nicht die jugendlichen Klimabewegungen ein realer Hoffnungsschimmer? Erik knistert mit den transparenten Farbauszügen für den ›Maskenmann‹. »Ich sehe die jungen Leuten im Bekannten- und Familienkreis, die sind 18 Jahre lang ökologisch gut erzogen worden, und jetzt fliegen sie, als Studenten, mit ihren Freunden drei Wochen nach Thailand oder übers Wochenende nach Barcelona, weil da ein Sportevent ist, und du denkst, was haben wir denn falsch gemacht, aber ich sag’ da nix dazu, ich hör’ es nur … völlig irre, und dann versuch’ ich aber, daran selber nicht zu zerbrechen, höre mir Wenzel-Lieder an, und kann mich daran aufbauen.«

Verzweifeln kommt nicht in Frage

Mich wundert, dass ihr so fröhlich seid? »Ich mag es, wenn andere Künstler schöne Sachen machen, aber ich kann nicht wirklich verstehen, dass man die heute noch machen kann. Jemand sagte mir neulich, gerade deshalb müssen Landschaften gemalt werden, o. k., das ist eine Einstellungsfrage, die Landschaft ist etwas Erhaltenswertes, was Schönes, sehe ich ja ein: Ich zeige euch, wie schön die Erde ist. Wenn ich mir das so einrede, kann ich meinen Frieden mit diesen Arbeiten machen, dann muss ich nicht sagen, hört doch mal auf mit dem Scheiß, seht ihr nicht, wie die Welt wirklich ist?«

Trotzdem kommt Verzweifeln nicht in Frage (»… man ist halt ein Getriebener«), ganz im Gegenteil ist Erik Seidel im persönlichen Umgang eine energiegeladene Frohnatur und ein »kreativer Macher« (nein, nicht vom Soho House-Zuschnitt …), der mit dem »Vogtländischen Kunstkalender« ein einzigartiges Künstlerselbsthilfeprojekt auf die Beine stellt. Ich hatte ja auch gezielt den Editionsprofi angesprochen, da die Zeit bei mir mal wieder knapp wurde. »Als du nach einer Grafik für eure Kunstedition gefragt hast, war mein erster Gedanke, o. k., könnt’ ich machen, wenn’s keine 100er Auflage ist!« (Großes Gelächter aller Beteiligten) »Dann war klar, ich mach’ das mit einem Drucker, weil 250 selber drucken, macht keinen Spaß mehr, ansonsten druck’ ich alles selber. Das macht der Jürgen Puchta in der Druckerei Möbius in Artern, alte Druckerei, die gibt’s im Grunde gar nicht mehr, die hat zugemacht, und Puchta, der ist auch schon über 70, will ein Druckmuseum daraus machen, weil da die ganze Bude voll mit alten Druckmaschinen ist. Aber für uns Künstler druckt er noch!«

Der Künstler: Erik Seidel …
… geboren 1966 in Rodewisch (Sachsen). 1987–1996 Studium der Pädagogik am FB
Kunsterziehung der Universität Magdeburg, 1996/97 Studium an der Hochschule für
Bildende Kunst Dresden bei Dietrich Nitzsche, 1997–1999 Lehre zum Steinmetz- und
Steinbildhauer in Plauen. Seit 2002 Lehrer im Fach Kunst an verschiedenen
Schulen. Seit 2005 Mitglied im Bund Bildender Künstler/BBK Leipzig. 2006–2009 Mitarbeit
am Projekt MUSE der Yehudi-Menuhin-Stiftung Deutschland. 2007–2015 Dozent
an der Oxford Summer School, Oxford FB Holzschnitt und Lithografie. Seit 2003
zahlreiche Einzelausstellungen, zahlreiche Arbeiten in öffentlichen Sammlungen und im
öffentlichen Raum.

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