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Zinsrückwende

Von Lucas Zeise
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Ist das schon wieder die Rolle rückwärts? Kaum hat die EZB, lange vorangekündigt, ihren Leitzins Ende vergangenen Monats um einen halben Punkt auf 0,5 Prozent hochgesetzt, fallen die Marktzinsen auf breiter Front wieder. Hatte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe Mitte Juni noch bei fast zwei Prozent gelegen, so fiel sie am vergangenen Dienstag auf ein Viermonatstief von 0,68 Prozent. Das ist kein Einzelfall. Sogar die Bauzinsen sind wieder gesunken. Nachdem sie sich zunächst im Lauf des ersten Halbjahres fast vervierfacht hatten, sind zehnjährige Hypothekenzinsen von Anfang Juli bis vergangene Woche von 3,2 auf 2,4 Prozent gesunken. Das sind rasante Richtungswechsel. Die gerade erst eingeleitete Zinswende scheint schon wieder rückgängig gemacht zu werden. Das Phänomen wieder sinkender Zinsen ist nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in der übrigen Euro-Zone lässt sich ähnliches feststellen: In Italien, Frankreich, Spanien gehen seit anderthalb Monaten die Zinsen wieder zurück. Auch in den USA und sogar in Britannien, wo die Bank von England gerade erst vorgestern den Leitzins um einen weiteren halben Punkt erhöht hat, sinken im Gegensatz dazu die Marktzinsen.

Woher kommt das? Jedenfalls kann man zunächst zum wiederholten Mal feststellen, dass die Zinsen in der Breite nicht unbedingt den Vorgaben der Zentralbanken folgen, sondern, wie in diesem Fall, auch manchmal das Gegenteil dessen tun, was der »Leitzins« vorgibt. Ein wichtiger Grund für die Zinsrückwende aber dürfte sein, dass das viele zusätzliche Geld der vergangenen Dekaden nicht verschwunden ist. Das Geldkapital schwimmt immer noch in Liquidität. Banken, die der Kundschaft (ob Bauherren, Industriekapitalisten oder Finanzspekulanten) mit dem Blick auf die anziehende Inflation die Zinsen für Kredite angehoben haben, stellen fest, dass die Kundschaft, die Kredit nachfragt, sich rar macht. Wohin also mit dem vielen Geld? Um es vorübergehend zu parken, kaufen die Banken auch Staatsanleihen wieder und senken damit im Verlauf deren Marktrendite.

Die beste Erklärung für all das lieferte am Donnerstag die Bank von England. Zusammen mit der Leitzinserhöhung prognostizierte sie, dass die Inflation im Land bis zum Jahresende von derzeit neun auf 13 Prozent steigen werde, dass demzufolge die Privathaushalte des Landes in den zwei kommenden Jahren den übelsten Realeinkommensverlust seit mindestens 60 Jahren erleiden würden und dass Britannien eine lange und tiefe Rezession bevorsteht. Die Details dieser Prognose sind – wegen des »Brexit« – für den Inselstaat besonders düster. Sie treffen aber in ähnlicher Weise für alle altkapitalistischen Länder zu. Und anders als nach der tiefen Rezession im Gefolge der Finanzkrise sind dieses Mal auch die Schwellenländer (wie China, Indien, Südostasien und Südamerika) wahrscheinlich weniger in der Lage, durch stärkeres Binnenwachstum die erst beginnende Weltrezession schnell zu überwinden.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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