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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 15 / Feminismus
Gewalt gegen Frauen

Unbekannte Substanz gespritzt

In Spanien häufen sich Fälle bei Partybesucherinnen. Regierung will Nächte für Frauen sicherer machen
Von Camela Negrete
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Wieder eine neue Gefahr für Frauen: Dieses Mal in Form von Spritzen während des Clubbesuchs (Ibiza)

In Spanien ist in den vergangenen Wochen Dutzenden jungen Frauen auf Partys quer durchs Land unwillentlich eine bisher unbekannte Substanz per Spritze verabreicht worden. Das injizierte Mittel wirkt dabei ähnlich wie K.-o.-Tropfen: Die Betroffenen haben eine geänderte Realitätswahrnehmung, verlieren ihre Selbstbestimmtheit, manche kollabieren auch. Bisher konnte in Krankenhäusern nur in einem Fall eine Droge nachgewiesen werden, die Ähnlichkeiten mit Ecstasy aufweist. In Katalonien sind laut der Tageszeitung El País 23 Anzeigen wegen solcher Attacken eingegangen und Dutzende weitere im Baskenland, in Andalusien, Kastilien, Asturien, Kantabrien und auf den Balearen.

Schmerzen am Stichort (Arme oder Beine), Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Orientierungslosigkeit sind einige der Symptome, die betroffene Frauen in sozialen Netzwerken beschrieben haben. Der Verein Equipo Agora, der Frauen in Cádiz und Kantabrien berät, erklärte auf Instagram, dass es sich bei der Substanz um Ketamin handeln könne, da dieses vorrangig bei Tieren eingesetzte Narkosemittel im Blut schnell nicht mehr nachzuweisen ist.

Ähnliche Attacken hat es seit Ende 2021 in Belgien, Frankreich, Irland und Großbritannien gegeben. Deshalb vermutet die spanische Polizei, dass es sich bei den jetzigen Angreifern um Touristen handeln könnte. Auch weil sich die Fälle in bestimmten Städte häufen, wie Lloret de Mar in Katalonien. Allein in Frankreich gab es bis Juni bis zu 800 Anzeigen wegen dieser neuen Form von Gewalt gegen Frauen. Den Betroffenen wird geraten, sollten sie einen Stich bemerken, in Begleitung zu bleiben, den Besitzer des Ladens zu kontaktieren und sich dann ins Krankenhaus zu begeben. Dort wird eine Blutprobe entnommen, eine mögliche Exposition mit dem ­HI-Virus geprüft und dem Protokoll für sexualisierte Gewalt gefolgt, sollte es ein solches geben. Es gibt auch Überlegungen, alle Männer an den Eingängen von Diskotheken zu durchsuchen, doch dafür fehlt bislang die juristische Grundlage.

Laut der Tageszeitung El Español könnte die tatsächliche Fallzahl noch viel höher liegen als bisher bekannt. Der Grund: Viele Frauen stellen keine Anzeige. Das Blatt sprach mit einer Verantwortlichen für sexualisierte Gewalt eines Madrider Krankenhauses, dem Hospital Clínico San Carlos. Demnach wurden 30 Prozent der insgesamt 96 Fälle von Frauen, denen auf unterschiedliche Art Substanzen verabreicht wurden, sexualisierte Gewalt angetan.

»Wieder werden wir (Frauen, jW) von den öffentlichen Plätzen verbannt, mittels Terror«, schrieb die Psychologin Nagua Alba in der Onlinezeitung Público. Denn Frauen würden in der aktuellen Berichterstattung mit diesen Horrornachrichten konfrontiert und als Protagonistinnen dargestellt. Was fehle, so Alba, sei eine Botschaft an Männer: nämlich, dass es nicht cool sei, Frauen zu terrorisieren und daran Spaß zu haben. Die Anzahl der Fälle deute darauf hin, dass es sich nicht um psychopathische Taten handelt, sondern eher um einen makabren Spaß von Männern auf Kosten von Frauen.

Justizministerin Pilar Llop vom sozialdemokratischen PSOE erinnerte am Mittwoch daran, dass diese Aggressionen »einen schweren Fall von Gewalt gegen Frauen« darstellen. Es sei sehr gravierend, dass Frauen aus Angst vor diesen Übergriffen aus öffentlichen Orten zurückgedrängt würden, so Llop. Da diese in Diskotheken oder auf Partys durchgeführt würden, wo viele Menschen beieinander sind, sei es schwierig, die Täter zu finden. Dennoch sei es sehr wichtig, dass die Opfer Anzeige erstatten, damit die Taten nicht unbestraft bleiben.

Bisher ist nicht klar, ob es sich bei den Angriffen um den Versuch handelt, sexualisierte Gewalt auszuüben oder die Betroffenen zu bestehlen. Die Gleichstellungsministerin von Podemos, Irene Montero, hat dennoch Ende vergangener Woche angekündigt, dass die sogenannten lila Punkte auch in den Frauentoiletten der Diskotheken angebracht werden sollen. Diese Aufkleber halten die wichtigsten Informationen für Opfer sexualisierter Gewalt bereit: Angaben zu einer Hotline und Handlungsempfehlungen. Die Informationen sind in mehreren Sprachen erhältlich, auch auf deutsch.

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