Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Mittwoch, 28. September 2022, Nr. 226
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 15 / Feminismus
Restriktives Abtreibungsrecht

Kein Schutz

Polen: Zahl offizieller Abbrüche ungewollter Schwangerschaften 2021 um rund 90 Prozent gesunken. Betroffenen bleiben nur Hilfsorganisationen
Von Claudia Wrobel
imago0070279268h(1).jpg
Mit Kleiderbügeln: Der Protest gegen Abtreibungsverbote hat auch in Polen Tradition (3.4.2016, Krakow)

Der Druck auf ungewollt Schwangere in Polen wächst. Die Hoffnung, dass medizinisches Personal versucht, die sehr strengen Abtreibungsgesetze im Land im Sinne der Hilfesuchenden zu umgehen oder großzügig auszulegen, hat sich zerschlagen: Die Zahl der legal vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüche hat im vergangenen Jahr extrem abgenommen. Nach Angaben der Rzeczpospolita vom Sonnabend wurden 2021 im gesamten Land 107 Abbrüche legal durchgeführt. Das entspricht einem Rückgang um etwa 90 Prozent, die offizielle Zahl lag in den drei vorangegangenen Jahren konstant zwischen 1.000 und 1.100.

Bereits vor dem 27. Januar 2021 waren die Abtreibungsgesetze in Polen sehr streng und ließen Schwangerschaftsabbrüche nur in engen zeitlichen Grenzen und unter sehr spezifischen Bedingungen zu: Sie waren nur erlaubt, wenn das Leben oder die Gesundheit der schwangeren Person bedroht war, vorgeburtliche Untersuchungen irreversible oder lebensbedrohliche Beeinträchtigungen des Fötus ergeben hatten oder die Schwangerschaft Folge einer Straftat war. Das ist einer der Gründe, weshalb die offiziellen Zahlen schon immer so gering waren. Zum Vergleich: In Deutschland leben etwas mehr als doppelt so viele Menschen wie in Polen, und auch wenn es hierzulande ebenfalls Hürden beim Zugang zum Schwangerschaftsabbruch gibt, wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des statistischen Bundesamts rund 94.600 durchgeführt, 96 Prozent davon nach der sogenannten Beratungsregelung.

75 Schwangerschaftsabbrüche wurden in Polen im vergangenen Jahr nach Aufstellung der Rzeczpospolita wegen gesundheitlicher Beeinträchtigung des Fötus durchgeführt. Daher geht die Zeitung davon aus, dass diese bis zum 26. Januar vollzogen wurden. Denn das Urteil des polnischen Verfassungsgerichtshofs vom 22. Oktober 2020, das mit Veröffentlichung am 27. Januar 2021 Wirkung entfaltete, lässt Abbrüche nun nur noch bei Gefahr für die schwangere Person zu und wenn die Schwangerschaft Folge einer Straftat ist. Und nun geht die Urteilsbegründung auch noch deutlich über den konkreten Antrag hinaus. Generell heißt es in der schriftlichen Urteilsbegründung, dass das »Menschenleben ab Empfängnis unterschiedslos verfassungsrechtlich geschützt sei«, heißt, dass ab dem Moment der Befruchtung die Eizelle generell dieselben Rechte innehat wie die Person, die die Schwangerschaft austrägt.

Mit den vorliegenden Zahlen haben sich endgültig alle Hoffnungen zerschlagen, dass medizinisches Personal im Sinne ungewollt Schwangerer handelt und die verbliebenen Indikationen wohlwollend prüft, zum Beispiel indem die psychischen Belastungen einer ungewollten Schwangerschaft miteinbezogen werden. Eher ist das Gegenteil der Fall, wie einzelne Fälle bereits gezeigt hatten und die Gesamtzahl nun belegt: Selbst bei konkreter Todesgefahr für die schwangere Person wird ihr in Polen ein Abbruch verweigert.

Exemplarisch für die Praxis steht der Fall Agnieszka aus Czestochowa. Ihr Leben wurde im Januar dieses Jahres sinnlos geopfert, nachdem einer der Zwillinge, mit denen sie schwanger war, im Dezember gestorben war, die Klinik sich aber weigerte, den Fötus zu entfernen. Als Grund wurde angegeben, dass dies den zweiten Fötus gefährdet hätte. Der zweite Fötus starb auch, allerdings konnte die weitere Behandlung in der Folge die dreifache Mutter nicht mehr retten.

Bereits vor der Verschärfung des Abtreibungsrechts haben Zehntausende Abbrüche illegalisiert stattgefunden. Zum Glück gehen allerdings die Fälle, in denen das in Hinterhofkliniken passieren muss, deutlich zurück. Nach Angaben von Federa, einer polnischen »Organisation für Frauen und Familienplanung«, spielen diese keine große Rolle mehr. Deutlich öfter greifen ungewollt Schwangere auf Abtreibungspillen zurück, die sie sich über das Internet bestellen – mit allen Unsicherheiten, die es mit sich bringt, wenn derlei Arzneimittel nicht über offizielle Kanäle bezogen werden können, auch wenn Organisationen wie Federa, Kobiety w Sieci (Frauen im Netz), Ciocia Basia (Tante Basia) und viele weitere ungewollt Schwangere beim Abbruch unterstützen und begleiten. Wer es sich finanziell leisten kann, lässt den Abbruch im Ausland durchführen.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • »Nicht eine mehr«: Protest in Warschau gegen das faktische Abtre...
    10.06.2022

    Alles offengelegt

    Polen lässt Schwangerschaften registrieren
  • In Ketten gelegt: Protest gegen die antifeministische polnische ...
    07.12.2021

    Reaktionärer Kontrollzwang

    Polen führt zentrale Meldepflicht für Schwangerschaften ein. Radikales Abtreibungsgesetz im Sejm abgelehnt
  • Auch in Poznan gingen Frauen gegen das Verbot von Schwangerschaf...
    08.11.2021

    »Nicht eine einzige mehr«

    Polen: Massenproteste gegen Abtreibungsverbot nach Tod von Schwangerer

Regio:

Mehr aus: Feminismus